Theater stellt die Frage nach Schuld
Autor: Redaktion
Haßfurt, Freitag, 22. April 2016
DramaDie Fränkische Bühne Maßbach spielte in Haßfurt "Andorra" von Max Frsich. Das 1961 uraufgeführte Stück ist auch heutzutage aktuell.
"Weil du Jud´bist", so begründen andere und Andri selbst das Unrecht und Unglück, das dem vermeintlichen Juden in Max Frischs Drama "Andorra" widerfährt. Für ein begeistertes Publikum sorgte die moderne "Andorra"-Inszenierung des Theaters Schloss Maßbach in der Haßfurter Stadthalle. Vor allem das minimalistische Bühnenbild und die moderne Elektromusik als Szenenüberleitung haben der Aufführung unter der Leitung von Sandra Lava neuartigen Charakter verliehen. Darüber hinaus ist die Thematik auch heute noch aktuell, obwohl das Stück bereits 1961 erstmals auf die Bühne gebracht wurde.
Ein Lehrer hat den 21-jährigen Andri vor der Judenverfolgung bewahrt, indem er ihn als seinen Sohn in Andorra aufgenommen hat - das glauben zumindest die Andorraner und Andri selbst.
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Mehr oder weniger bewusst begegnen ihm die Mitmenschen auf Grund seiner Religion mit Vorurteilen und Missachtung, was Andri wünschen lässt, einfach zu sein, wie alle anderen. Seine einzige Hoffnung ist die Liebe zu Bablin, der leiblichen Tochter des Lehrers.
Doch dass alles eine Lüge ist, haben weder die zahlreichen Haßfurter Zuschauer noch die Andorraner geahnt. Andri ist nämlich das Ergebnis einer Liaison des Lehrers mit einer Fremden und somit weder Jude noch ein Ziehsohn. Aber wer gesteht schon gerne seiner Frau und den Mitbürgern eine Affäre und ein uneheliches Kind?
Diese Notlüge hat fatale Folgen für Andri. Er verzweifelt an dem Versuch, sich anzupassen und den Respekt und die Akzeptanz der Andorraner zu verdienen. Schließlich spitzen sich die Ereignisse zu.
Andri versteht nicht, wieso der Lehrer ihm verbietet, Bablin zu heiraten, will die Erklärungsversuche seines Ziehvaters nicht hören und meint, seine große Liebe verloren zu haben, weil er ihre Vergewaltigung durch einen Soldaten fehlinterpretiert.
Die Abwärtsspirale der Hauptfigur mündet in Andris Abtransport durch die Armee. Gründe dafür sind die Vermutung, er habe eine Dame mit einem Stein erschlagen, und die Judenschau, bei der er eindeutig als Jude identifiziert werden konnte.
Besonders nennenswert ist die schauspielerische Leistung von Benjamin Jorns als Andri und Franziska Theiner als Barblin: Sie machten die anfänglich jungendlich frische und auch naive Liebe und den zunehmenden Verlust der Unbeschwertheit der beiden Hauptfiguren für die Zuschauer erlebbar.
Was auch beim Haßfurter Publikum geblieben ist, ist die Frage nach der Schuld: Wer hat Schuld an dem Geschehenen? Haben sich die Andorraner als Mitläufer und Antisemiten schuldig gemacht? Warum lassen sich die Menschen so sehr von ihren Vorurteilen leiden? In welchem Verhältnis steht Andri als Person zu dem Bild, das die Andorraner von ihm haben?
von Judith Wagenhäuser