Matthias Göttemann ist Kirchenmusiker im evangelischen Dekanat Rügheim/Landkreis Haßberge. Als Dekanatskantor ist der 50-Jährige ausschließlich für das kirchenmusikalische Leben im Dekanat zuständig. Musik ist sein Leben.

Die Wut über die Einschränkungen

Deshalb treffen den Pianisten und Dirigenten die Einschränkungen durch Corona besonders hart. Mehr noch: Sie machen ihn wütend. Denn nach dem "Shutdown" im März sind ihm jetzt, beim "Lockdown light" ein zweites Mal die Hände gebunden: Seine Chöre (Kantorei Haßberge, Gospelchor Haßberge, Musicalchor Junge Stimmen) dürfen nicht proben.

"Der Staat hat genau diejenigen Bereiche geschlossen, die Hygienekonzepte besitzen. Das sind der Sport, die Gastronomie und die Kultur", ereifert sich der Kirchenmusiker im Gespräch mit dem FT. Dabei betont er mehrmals, dass er und seine Chormitglieder die Sicherheitsvorschriften strikt befolgt hätten und die Gesundheit und Sicherheit jedes Einzelnen an erster Stelle stünden. "Bei meinen Chören im Landkreis Haßberge und auch in den anderen, in denen ich in meiner Freizeit mitwirke, gab es keine einzige Infektion", erklärt Göttemann.

"Kultur ist nicht gefährlich."

Was ihn besonders ärgert, ist die Angst, die die Bundesregierung durch ihre rigorose Haltung bei den Sängern schürt. Dazu kommen unglückliche Überschriften in Medienberichten wie "Wenn Singen tötet" oder "Chöre als Virenschleudern". Die reißerischen Schlagzeilen betitelten Todesfälle nach Chorproben in Washington, Amsterdam und Berlin.

Mittlerweile, so Göttemann, sei aber bekannt, dass die Corona-Todesfälle in Chören nur wenig mit dem Singen zu tun gehabt hätten. Tatsächlich haben Untersuchungen ergeben, dass die Hygienevorschriften im Umfeld der Proben nicht eingehalten wurden: enger Probenraum, stickige Luft, kein Abstand und so weiter.

"Kultur ist nicht gefährlich"

"Kultur ist nicht gefährlich", betont Kirchenmusiker Göttemann deshalb und fährt fort: "Kultur ist kein überflüssiger Kropf. Sie ist da und wichtig. Wenn sie fehlt, führt das bei vielen Menschen zu Vereinsamung."

Einen Vorteil hat Göttemann immerhin als Gottesmann: "Die Kirchen haben das Recht, religiöse Veranstaltungen abzuhalten. Das Recht darauf, die Religion auszuüben, steht über dem Versammlungsrecht." Darum versucht Dirigent Göttemann, in den kommenden Wochen in der evangelischen Marienkirche in Königsberg einen musikalischen Gottesdienst zu realisieren.

Der Kirchenmusiker ist davon überzeugt, dass Kulturschaffende in dieser schweren Krise ein Zeichen für die Kultur setzen müssen. Und noch eines ist für ihn klar: "Die Chöre werden über Jahre unter der Stigmatisierung in dieser Zeit leiden."

Auch die "Sängerlust" Eltmann durchlebt schwere Zeiten. Johanna-Marie Kaiser musste kurz nach ihrer Wahl zur Abteilungsleiterin des Jugendchors den Ausfall der Chorproben verkünden - genauso wie bei den Frauen, Männern und Kindern. Die 22-Jährige hofft, dass das Jahr 2021 ein besseres für die Chöre wird.

Die Vereinsvorsitzende des Zeiler "Liederkranzes", Birgit Pottler-Calabria, fürchtet eine dauerhafte Schädigung der Chöre. "Die Zwangspause ist Gift für Hobby-Chöre. Wir werden Mitglieder verlieren. Außerdem leidet die Stimme, wenn die Stimmbänder nicht regelmäßig trainiert werden. Wir werden Jahre brauchen, um unser altes Gesangsniveau als Chor wieder zu erreichen", weiß Pottler-Calabria.

Die inneren Seiten klingen mit

Ganz zu schweigen von den zwischenmenschlichen Folgen. "Chorgesang ist wie ein Instrument: Er bringt unsere inneren Seiten zum Klingen", schwärmt die leidenschaftliche Sängerin. Wie die anderen knapp 40 Chormitglieder auch, vermisst sie das gemeinsame Musizieren. Um den Mitgliedern die Wartezeit bis zum Wiedersehen zu verkürzen, verteilt Pottler-Calabria ein Mal wöchentlich Chorpost: alte Fotos, Gesangsaufnahmen, Anregungen. Gerade die Älteren schätzen diese Geste sehr. "Ich habe oft gehört: ,Das hält am Leben‘", erzählt die 43-Jährige. Erst Kultur macht das Leben lebenswert.