"Eigentlich ist das eine gängige Technik. Aber in dieser Form haben wir das noch nie gemacht." Der leise Widerspruch in den Worten von Joachim Dietz deutet bereits an, dass auf dieser Baustelle etwas Außergewöhnliches passiert. Eine neue Brücke wird über den Main geschoben.

Ein bisschen wie bei den Pyramiden in Ägypten. Es gibt so viele davon, aber bis heute weiß niemand, wie sie gebaut wurden. Natürlich: Die Ägypter hatten keine Kräne und keine Hydraulik, keinen Computer zum Planen und keinen Laser zum Messen. Deshalb ist es heute noch Gegenstand der Forschung und letztlich ein Wunder, wie sie Millionen tonnenschwere Steinblöcke zur Cheops-Pyramide aufgeschichtet und dabei Einzelteile mit bis zu 50 Tonnen Gewicht bewegt haben.

Wunder sind ganz normal...

In rund drei Jahren werden die gut 7000 Autofahrer, die täglich bei Horhausen (Gemeinde Theres) über die dann nicht mehr völlig neue Mainbrücke von einer Mainseite auf die andere fahren, das Wunder als solches gar nicht mehr wahrnehmen. Wie Dietz, der Abteilungsleiter für Ingenieurbauwerke beim Staatlichen Bauamt in Schweinfurt, ja ganz nüchtern sagt: Eigentlich ist das eine gängige Technik, Brücken wie diese gibt es zwar nicht gerade eben wie Sand am Main, aber doch öfter.

Das Wunder steckt im Wie, und das Wie ist die besondere Lage der Baustelle: Für den 1966 errichteten Mainübergang, der vor dem offiziellen Ablaufdatum das Rentenalter erreicht hat, muss Ersatz her. Viel mehr Schwerverkehr als zur Bauzeit, kein Radweg, ein Pfeiler, der im Main und damit der Schifffahrt im Weg steht.

An sich baut man in so einem Fall, wie es bei Autobahnen üblich ist, die neue Brücke neben die alte und reist die alte dann ab. Dafür fehlt aber bei Horhausen der Platz. Die neue Brücke muss präzise da stehen, wo sich die alte befindet. Also einfach abreißen und neu bauen? Das würde eine Vollsperrung über viele Monate bedeuten, mit viel Verkehr auf schwierigen Umleitungsstrecken.

Von der Idee zur Wirklichkeit

Und so entstand die pyramidale Idee: Wir lassen die alte Brücke als Notbehelf so lange wie möglich in Betrieb. Bauen die neue Brücke als zweiten Notbehelf genau neben ihr. Reißen die alte Brücke dann ab. Und schieben die neue Brücke an die Stelle der alten. Fertig.

Dieser Plan muss jedem, der über die Brücke fährt, undurchführbar erscheinen. Denn auf einem eigens befestigten Platz neben der alten Brücke wird in diesen Tagen das Gerippe der neuen Konstruktion errichtet. Zwei elegante Stahlbögen in dezentem Dunkelgrün werden die neue Brücke über den Main tragen. 100 Meter lang, 1000 Tonnen schwer.

Eine Brücke geht auf Reisen: Wie Dietz erzählt, werden die Bauteile für den Stahlriesen in Osteuropa gefertigt. Die Spezialtransporter, die die Brücke Ende November auf Schwimmkörpern im Main schieben, kommen aus Belgien. Davor muss der Gigant mit hydraulischen Stempeln rund sechs Meter hoch gewuchtet werden. Nicht nur die Autos können fast während der gesamten Bauzeit über die alte, die neue und dann die neue neue Brücke fahren. Auch für den Zugverkehr, der unter einem weiteren Brückenbauwerk direkt im Anschluss an den Stahlbogen rauscht, als auch für den Schiffsverkehr versucht man die Einschränkungen so klein wie möglich zu halten. Der Zug war ja schließlich zuerst da. Deshalb haben sich die Brückenbauer einen eigenen Bahnübergang gebaut. Wenn sie mit besonders großen Fahrzeugen über diesen fahren müssen, warten sie längere Pausen im Zugverkehr ab; dann wird die Oberleitung abgeschaltet.

Eine längere Sperrung für Autos wird es geben, wenn die neue Brücke auf die neuen Pfeiler an die Stelle der alten geschoben wird. Etwa acht Wochen, so schätzt Dietz, wird es dauern, bis alle Anschlüsse hergestellt, Fahrbahn und Radweg fertig sind.

Vollsperrung am Samstag

Eine Vollsperrung der alten Brücke ist an diesem Samstag nötig: Von früh bis gegen Abend wird ein Brückenteil zwischen Bahnlinie und Main betoniert. Das sitzt auf Pfeilern, die später wieder abgebrochen werden, der Brückenbau aus Stahl und Beton wird aber weiterverwendet und wie die Stahlbrücke später an den neuen Platz geschoben. Oder gezogen. Irgendeine gängige Technik halt.

Letzte Frage: Was kostet eine Pyramide? Niemand weiß es. Im Falle der Horhäuser Brücke hat man auch das Schwarz auf Weiß: 28,5 Millionen Euro.