Schüler verlegen Fantasy-Roman einer Jungautorin

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Die Jungautorin am Schreibtisch: Auf dem Laptop hat Lisa-Marie Reuter ihr 800-Seiten-Manuskript geöffnet; vor ihr liegt die selbst gefertigte Karte ihrer Fantasiewelt Pärlonien, sowie ihr Notizbuch. Sogar ein Zwuusel sitzt in der Ecke - diese Spezies kommt auch im Roman vor. Foto: privat
Die Jungautorin am Schreibtisch: Auf dem Laptop hat Lisa-Marie Reuter ihr 800-Seiten-Manuskript geöffnet; vor ihr liegt die selbst gefertigte Karte ihrer Fantasiewelt Pärlonien, sowie ihr Notizbuch. Sogar ein Zwuusel sitzt in der Ecke - diese Spezies kommt auch im Roman vor. Foto: privat
Lehrerin Gisela Daute. Foto: Johanna Krause
Lehrerin Gisela Daute. Foto: Johanna Krause
 

Als Abiturientin in Ebern stellte Lisa-Marie Reuter aus Maroldsweisch im Jahr 2007 ihren ersten Fantasy-Roman fertig. Jetzt soll er veröffentlicht werden - und wieder ist dabei das Gymnasium im Spiel. Eine Gruppe von elf Schülern will ihn nämlich verlegen.

Lisa-Marie Reuter verbringt gerne Zeit in fremden Ländern. Aufgrund ihres Studiums der Indologie und Anglistik reiste die 25-Jährige beispielsweise schon einige Male nach Indien. Auch in Pärlonien ist sie immer wieder zugegen... Okay - für alle, die jetzt in Gedanken schon fieberhaft in ihrem Atlas blättern, um die peinliche Bildungslücke zu vertuschen - keine Sorge: Pärlonien findet man auf keiner Karte. Zumindest auf keiner unserer Welt.

Denn eine Karte gibt es sehr wohl, die dieses mystische Land zeigt, allerdings stammt die von Lisa-Marie Reuter höchstpersönlich. So, wie auch Pärlonien selbst. Das hat die Maroldsweisacherin sich nämlich im Alter von 15 Jahren ausgedacht, als sie in die neunte Klasse am Friedrich-Rückert-Gymnasium in Ebern ging.

Mit Alberei begann's

"Meine Freunde und ich haben rumgealbert", erinnert sie sich zurück. "Mit 15 ist man ja so kindisch, da findet man alles lustig. Wir haben von Pongo, dem Polizeipären geredet und von Kiffi, der Killerelfe." Was sie damals noch nicht ahnte: Kaum zwei Wochen später würde sie genau diese beiden auf eine abenteuerliche Reise schicken. In Pärlonien.

Und dabei hatte sie nicht einmal ein Konzept. "Ich habe einfach ins Blaue hinein geschrieben", lacht sie heute. "Aber es kam mir immer logisch vor. Als würde ich nur aufschreiben, was eben passieren musste." Und so kam es, dass Kiffi, die Killerelfe, ein Holzkästchen in die Finger bekam - es entwendete, besser gesagt.

Pongo, der Polizeipär, wurde auf den Diebstahl angesetzt und machte sich auf die Suche nach der Verbrecherin. Schließlich, so erzählt Lisa-Marie Reuter, findet er Kiffi auch, weiß allerdings nicht, dass sie diejenige welche ist, und freundet sich mit ihr an.

Pärlonien in Gefahr

Der große Plot folgt dann: Das ungleiche Paar deckt eine Verschwörung auf, die mit Geschehnissen von vor 400 Jahren zu tun hat. Zusammen setzen sie alles daran, Pärlonien zu retten. Ob den beiden das gelingt?

Das wusste Lisa-Marie Reuter bis kurz vorm Abitur selbst nicht. "Mir war klar - nach dem Abi beginnt ein ganz neuer Lebensabschnitt, da sollte ich das Buch mal fertig kriegen. Also hab ich es zwischen Facharbeit und Abi zu Ende geschrieben."

Was aus dem Mund der Autorin nach keiner sonderlich großen Leistung klingt, hat es in Wirklichkeit in sich: Im Laufe der Jahre ist das "ins Blaue geschriebene" Manuskript auf 800 Seiten angewachsen. Ein umfangreiches Gesamtkonzept ist entstanden, dessen Stränge am Ende so perfekt zusammenlaufen, dass die Autorin selbst davon überrascht wurde. Mehr noch: Sogar bisherige Fantasy-Muffel bekehrt der Erstlings-Roman und macht sie zu wahren Fans.

Ein Seminar-Projekt

So auch Gisela Dautel, die an Lisa-Marie Reuters alter Schule, dem Friedrich-Rückert-Gymnasium, Deutsch unterrichtet. Sie ist geradezu begeistert von deren Buch, findet es "pfiffig", "spannend" und "irgendwie auch witzig-ironisch". Ein Begriff fällt jedoch häufiger als alle anderen: Genial. Genial im Ausdruck, geniales Konzept, genialer Stil. Dabei hätte sie das Manuskript unter normalen Umständen vielleicht nicht einmal gelesen!

Dass es aber doch dazu kam, hat einen einfachen Grund: Im Rahmen des achtjährigen Gymnasiums nehmen die Schüler der Oberstufe an sogenannten Projekt-Seminaren teil - unter anderem im Fach Deutsch, unter anderem mit dem Titel "Wir verlegen ein Buch". Diesem Vorhaben hat sich Gisela Dautel nämlich im letzten Jahr angenommen - so wie elf Schüler der elften Klasse.

Um eine Auswahl zu schaffen, ließ sich die Deutschlehrerin mehrere Schüler-Manuskripte zukommen und erinnerte sich unter anderem an eine langjährige Freundin der eigenen Tochter: Lisa-Marie Reuter, die aus ihrem Hobby, dem Roman-Schreiben, zwar nie ein Geheimnis gemacht hat, deren Manuskript aber seit gut fünf Jahren "einmottete", wie sie selbst sagt. Ihr Studium ist seit dem Sommer abgeschlossen und als Lehrstuhl-Assistentin (Indologie) an der Uni Würzburg hat sie eigentlich ganz andere Sachen im Kopf als Pongo und Kiffi.

Doch nun wurde sie in ihre alte Schule geladen, um ihre Geschichte vorzustellen. Eine glückliche Fügung - denn "selbst hätte ich mich nie getraut, das zu veröffentlichen". Aber: die Schüler schon. Mittlerweile sind sie Zwölftklässler und fest entschlossen, den Roman an den Mann zu bringen.

Verleger ist gefunden

Zu diesem Zweck arbeiten die Gymnasiasten in vier Gruppen: Es gibt das Lektorat, die Design-Abteilung, die Gruppen "Herstellung" sowie "Marketing und Vertrieb". Die Schüler müssen Korrektur lesen, Cover und Flyer gestalten, Zeit und Kosten kalkulieren, für das Projekt auf allen möglichen Kanälen werben,... Als Verleger stieg der Bamberger Lukas Wehner mit ins Boot, der sich mit seinem "perpetuum publishing"-Verlag vor allem Werken von Studenten für Studenten widmet. Zudem fungiert er als einer der Hauptverantwortlichen beim Kulturfestival "Bamberg liest" und steht daher sowohl mit Fachkenntnis, als auch mit Rat und Tat zur Seite.

Momentan stecken die Seminarteilnehmer in den letzten Vorbereitungen ihrer ersten großen Veranstaltung. Denn am Sonntag, 20. Oktober, um 15 Uhr wird Lisa-Marie Reuter eine Lesung in der FRG-Mensa geben.
Der Eintritt ist kostenlos, aus freiwilligen Hörer- (und hoffentlich baldigen Leser-) Spenden sollen allerdings die Druckkosten des 800-Seiten-Wälzers gedeckt werden. Und die sind "nicht unerheblich," sagt Gisela Dautel. "Das muss klappen", beschwört die Lehrerin die noch körperlose Fan-Gemeinde der Jungautorin. "Es wäre ihr so zu gönnen, groß rauszukommen."

Und möglich, so meint sie, sei das allemal. Auch wenn die Geschichte aufgrund der spielerischen Namen auf den ersten Blick an ein Kinderbuch erinnere - "das ist es überhaupt nicht. Es ist ein Abenteuerroman für Jung und Alt."

Ein entsprechender Titel wollte Lisa-Marie Reuter "in zehn Jahren allerdings nie einfallen", wie sie amüsiert zugibt. Gerade deshalb sei sie froh, dass Dautels Seminar ihr diese Entscheidung abgenommen habe.
Einen mystisch anmutenden Titel haben die Schüler gefunden, von dem man - wer weiß - vielleicht noch einiges hören wird: "Die Herrschaft der Xarquen".