Zunächst waren die Vorbehalte groß. Doch die Vorteile, wie etwa der Kaufpreis für Äcker und Wälder, die Aussicht auf einen sicheren Arbeitsplatz und der Kaufkraftgewinn, überwogen. Schnell freundete man sich an und als das Ende nahte, gingen die Eberner mit Fackeln im Protestmarsch auf die Straße. Die Rede ist von der 42-jährigen Militärgeschichte der einstigen Kreisstadt im Baunachgrund, wo die Bestrebungen von Bürgermeister Hans Merkl, eine Garnison in die Stadt zu holen, zunächst nicht überall auf Gegenliebe stießen. Das änderte sich schnell.


Für "frisches Blut" gesorgt

Die Soldaten brachten ab 1962 Leben, Vielfalt, Finanzkraft und Umsätze in die Kleinstadt, die sich gerne als Nachfolgerin der Garnisonsstädte Bamberg und Coburg betrachtete, auch wenn sich Verantwortlichen der Domstadt auf diesem Felde - anders als die Coburger - bedeckt gaben. Die Bamberg ärgerten sich vielmehr über die Laster des Kraftfahrausbildungs-Zentrums, die Tag für Tag durch die Gassen der Altstadt, vorrangig die Sandstraße, rumpelten. Dabei betrachteten die Männer am Steuer dies aber als den nützlicheren Teil ihrer Dienstzeit, kamen sie so doch kostenlos zum Lkw-Führerschein.

"Ohjee, nach Ebern", entfuhr es dennoch vielen Generationen junger Männer, als der Einberufungsbefehl eintrudelte. Aber schnell waren sie (ihre Eltern, Arbeitsgeber und Fußballtrainer) doch froh über die heimatnahe Verwendung, da die beiden Bataillone zu 95 Prozent über die Kreiswehrersatzämter Bamberg und Würzburg mit Franken aufgefüllt wurden.

"Franken hat uns großartige Söhne geschickt", formulierte es einer der Eberner 25 Kommandeure zu einer Zeit als von "Frauen in der Bundeswehr" noch keine Rede war.

Rund 30 000 Rekruten wurden im Verlauf der Jahrzehnte in der Balthasar-Neumann-Kaserne ausgebildet. "Bis zum letzten Atemzug", lautete eine Parole, bei der Auflösung im Jahr 2004. Die Nachwuchslage bei Mannschaftsdienstgraden wie auch bei Zeitsoldaten bezeichneten alle Kommandeure in ihren Resümees als ideal.

Ebenso die Einbindung ins politische wie gesellschaftliche Umfeld bei. Dazu trugen auch viele Kommunen bei, die Patenschaften mit einzelnen Kompanien eingingen Es waren dies Coburg, Niederfüllbach, Burgkunstadt, Königsberg, Zeil, Sand (beim Panzeraufklärungsbataillon) und Haßfurt, Baunach, Königsberg, Michelau und Staffelstein (beim Panzergrenadier-Bataillon). Darüber wurde die Traditionspflege historischer Einheiten, wie die der 17er Reiter aus Bamberg, übernommen und Kontakte zu Verbände der Nato-Partner gepflegt. An Tagen des offenen Kasernentores wurden bis zu 30 000 Besucher verzeichnet. Da knatterten die Bräute, Frauen samt Kindern in Panzern durch das 240 Hektar große Kasernen- und Übungsgelände samt Geländestrecke. Nahmen einen Schlag aus der Gulaschkanone.

Die heimatnahe Einberufung war anfangs kein Thema gewesen. Heerscharen junger Kölner fielen über die fränkische Kleinstadt im Zonengrenzbezirk herein. Die rheinischen Frohnaturen machten tüchtig Rabatz, weswegen die Feldjäger in einer Gaststätte erst mit Schüssen in die Decke für Ruhe und Ordnung sorgen konnten. Das änderte sich, als immer mehr Heimschläfer ihren Wehrdienst ableisteten und sich unmittelbar nach Dienstschluss um 16.30 Uhr zur Nato-Rallye in Richtung Breitengüßbach oder Bad Königshofen aufmachten.

1500 Soldaten bevölkerten bisweilen die Eberner Kaserne. Aufgeteilt auf zwei Bataillone, die zwar in unmittelbarer Nachbarschaft zueinander stationiert, aber von den Aufgaben her grundverschieden waren. Und auch unterschiedlichen Divisionen und Korps angehört. "Zum Glück mussten wir nie den gemeinsamen Vorgesetzten suchen", meinte ein Kommandeur beim Abschied erleichtert. Das wäre der Chef der Heerestruppen oder gar der Inspekteur des Heeres gewesen. "Wir haben Probleme meist auf dem kleinen Dienstweg erledigt."

Dabei gab es immer wieder einmal Sticheleien. Sei's im Mannschaftsspeisesaal, wo der Teller der "Frischlinge" samt Speisen umgedreht wurde, um nachzuschauen, ob sie auch den Teller der richtigen Einheit hatten. Einige Panzeraufklärer schwangen sich auf, etwas Besseres zu sein als die "Stoppelhopser", da man sich in Hotchkiss, Leos, Fuchs und Luchs übers Gefechtsfeld bewegte. Sich in der Tradition der Reiter-/Kavallerie-Regimenter bewegend, meldeten sich auch viele Adlige zu dieser Waffengattung.
Von daher war es schon bemerkenswert, dass die Panzeraufklärer bei der Auflösung des Panzergrenadierbataillons 103 im Jahr 1992 exakt 103 Kameraden der Nachbar-Einheit aufnahmen, die zum Teil schweren Herzens das grüne mit dem schwarzen Barrett tauschten, damit aber am Standort bleiben konnten.

Drei Mal wehte der Hauch der Weltgeschichte auch durch die Einrichtung zur Landesverteidigung (so die bürokratische Bezeichnung, aus der sich viele Sonderstellungen für die so eigene Soldatenwelt ableiten ließen. Ein weißer Fleck auf Landkarten, wo das Baugesetzbuch wie auch die Bayerische Bauordnung quasi außer Kraft gesetzt waren. Alles streng geheim), in der Provinz und nahe der Zonengrenze:

August 1968: Beim Einmarsch russischer Truppen in die Tschechoslowakei, als die Eberner Grenadiere in ihre Bereitsstellungsräume ausrückten, weil man sich innerhalb der Nato-Stäbe nicht sicher war, ob die Ostblock-Streitkräfte am Eisernen Vorhang Halt machen. Damals wurden die Nato-Einheiten in den bis zum heutigen Tag höchsten Alarmierungszustand ("State orange" - Angriff mit keiner oder geringer Vorwarnzeit) versetzt.

Dezember 1990:
Projekt Freundschaft: Einrichtung eines Familien-Betreuungszentrums für 300 Angehörige der US-Soldaten der Pateneinheit aus Bamberg, die im Irakkrieg ("Desert storm") eingesetzt waren. Zur Weihnachtsfeier kam sogar der Generalinspekteur der Bundeswehr, Admiral Dieter Wellershoff.

9. November 1989: Just am geschichtsträchtigen Tag, als am Abend die Öffnung der DDR-Grenzübergänge publik gemacht wurde, waren um 2.30 Uhr die ersten Trabis von DDR-Übersiedlern, die über Ungarn oder die Tschechoslowakei ausreisten, von Passau aus zur Erstaufnahme in die Balthasar-Neumann-Kaserne dirigierte worden, wo eilends ein Meldekopf eingerichtet und bestmögliche Unterstützung angeboten wurde. 213 DDR-Bürger, meist junge Familien, wurden versorgt und Kontakte zu Verwandten oder Bekannten vermittelt. Drei Tage lange bestimmten die Trabis das Stadtbild, einige Übersiedler blieben fast zwei Wochen lang.

Das Ende des Kalten Krieges und die Wiedervereinigung läuteten auch das Ende der Kaserne im einstigen Grenzland ein. Trotz mehrfacher, anderslautender Beteuerungen wurde der Standort zugunsten von Gotha aufgegeben.


Kalt erwischt zum Ende des kalten Krieges

Es war einem Sonntagnachmittag des Jahres 2000, als die damalige Bundestags-Vizepräsidentin Susanne Kastner (SPD) aus Maroldsweisach, die bis dahin auf die Unterstützung des Staatssekretärs im Verteidigungsministerium, Walter Kolbow (SPD), vertraut hatte, das Scheitern ihrer Bemühung eingestand und das Ende der Garnison verkündete.

Eberns Bürgermeister Robert Herrmann (CSU) erreichte die Nachricht von der unumstösslichen Auflösung per Telefon beim Sonntagsspaziergang. Er fiel aus sämtlichen Wolken.
Vorsprache bei Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD), Übergabe von 15 000 Unterstützerunterschriften, die über eine Aktion des "Fränkischen Tages" gesammelt worden waren, im Bundestag, Protestmarsch und Fackelzug - nichts half. Die Vorgaben der Militärs und der neuen Heeresstruktur waren eindeutig, für Eberner Planspiele darin kein Platz.

Nach dem Abzug der Militärs eroberte sich die Natur das Areal zwischen den Kompanie-Blocks schnell zurück. Die Idee, ein Fahrausbildungs-Zentrum mit Freizeitangeboten wie Off-road-Touren einzurichten, scheiterten an den Protesten und Klagen von Bürgerinitiativen und Naturschutzverbänden. Auch der Gedanke, ein Fußballinternat zu etablieren, entpuppte sich als Seifenblase.

Letztlich wagte der Eberner Stadtrat den finanziellen Kraftakt und übernahm das gesamte Areal zum 31. Dezember 2008 und damit die Vermarktung in Eigenregie.
Mittlerweile sind sämtliche Gebäude verkauft und/oder einer neuen Nutzung zugeführt. Lediglich für die Munlage wird noch ein Konzept gesucht. Bei der Regierung von Unterfranken anhängig ist noch ein Verfahren, Teile des einstigen Standort-Übungsplatzes als Naturschutzgebiet auszuweisen.


Wer tummelt sich jetzt in der Kaserne?

Folgende Einrichtungen/Firmen haben sich zwischenzeitlich ind er Kaserne angesiegelt:
-BRK-Rettungswache (im einstigen San-Bereich);
-Caritas-Sozialstation (in Unteroffiziersheim)
-Caterer (Awo-Mensa in Feldwebelheim und Eisenheimservice Itzgrund in einstiger Großküche);
-Asylbewerber-Wohnheim der Regierung von Unterfranken (in Feldwebelwohnheim);
-Gaststätten/Hotel in einstiger Wache und Kompaniegebäude;
-Bayernwerk-Bezirksstelle;
- Künstler-Werkstatt;
-Biodiversitätszentrum (Bund Naturschutz)

Des Weiteren ohne Anspruch auf Vollständigkeit): Speditionen, Schreier, Schrotthändler, Hersteller von Esspapieren, Autowerkstatt/-aufbereiter, Klimaanlagen-Planungsbüro, Heilkunde-Praxis, Klangtherapie, Elektroinstallation, Schlosserei, Reifenhandel, Elektrogerätehandel, Fertigungsservice, Pelletvertrieb, Gymnastik-, Fitness- und Yogastudio.

Die Stadt selbst nutzt den einstigen Mannschaftsspeisesaal als Stadthalle, Turnhalle und Sportplatz, die Heizzentrale sowie das Felbwebelwohnheim (derzeit als Asylbewerberheim vermietet).

Chronik: 42 Jahre Bundeswehr in Ebern

1955
Erste Bemühung der Stadt Ebern, um den Bau einer Garnison, der 1956 von der Staatskanzlei genehmigt wurde;
1. April 1960 Beginn der Bauarbeiten in der Gemarkung "Im Frauengrund";
16. November 1962 Eintreffen des Vorauskommandos des Panzergrenadierbataillons 101 (aus Clausthal-Zellerfeld im Harz/Niedersachsen);
24. Oktober 1963 Offizieller Einzug des gesamten Bataillons;
April 1969 Beginn des Dienstbetriebes der Standortverwaltung Ebern, hervorgegangen aus der StOV Breitengüßbach, die später bis zu 300 Mitarbeiter beschäftigen sollte;
November 1969 Besuch des damaligen Verteidigungsministers Helmut Schmidt (SPD);
1970 Umbenennung in Jägerbataillon 101;
April 1971 Einzug des Panzeraufklärungsbataillons 12 (zuvor aufgestellt in Hardheim und Wildflecken);
Dezember 1972 Tod dreier Soldaten durch Kohlenmonoxid-Vergiftung bei Gefechtsübung;
Oktober 1973 Besuch des Bayerischen Ministerpräsidenten Alfons Goppel;
Juli 1975 Besuch des Generalinspekteurs der Bundeswehr, Admiral Zimmermann;
Juli 1978 Ernennung von Bambergs Erzbischof Elmar Maria Kredel zum "Ehrenaufklärer";
April 1981 Umbenennung des Jägerbataillons in Panzergrenadierbataillon 103
1986 Erweiterung der Kaserne und Bezug der neuen Gebäude durch das Panzeraufklärungs-Bataillon 12;
Mai/Juni 1990 Boeselager-Wettbewerb: Olympische Spiele der Aufklärer-Truppe mit internationaler Nato-Besetzung mit Besuch des Ehemanns der britischen Premierministerin, Dennis Thatcher;
Dezember 1990 Einrichtung eines Betreuungs-Zentrums für rund 300 Familienangehörige der im Irak eingesetzten US-Soldaten aus Bamberg;
1991 Tod zweier Soldaten bei Gefechtsschießen in Wildflecken nach Überschlag mit Panzer;
September 1992 Auflösung des Panzergrenadierbataillons 103 (geschätzter Kaufkraftverlust: 45 Millionen Mark im Jahr)
Dezember 1993 Erster Auslandseinsatz, in Somalia;
Dezember 1995 Erster Einsatz auf dem Balkan.,Es folgten bis 2003 weitere Einsätze in Kroatien, Bosnien und Afghanistan samt der Teilnahme an der Befreiung von 103 deutschen Botschaftsangehörigen aus Tirana/Albanien im März 1997;
Januar 1997 Übernahme der Aufgaben der Standortverwaltung Bayreuth durch die StOV Ebern, womit vom Rande Unterfrankens aus sämtliche Einrichtungen der Bundeswehr in Oberfranken (rund 2500 Soldaten und Zivilbedienstete) in Breitengüßbach (Mun-Depot), Kasernen in Bayreuth und Hof sowie das Verteidigungskreiskommando in Bamberg und die Kreiswehrersatzämter Bamberg und Bayreuth betreut wurden;
Januar 2001 Demonstrationszug mit Fackeln zur Kaserne: Protest von über 1000 Teilnehmern gegen die drohende Schließung der Kaserne;
September 2003 Letzter Tag der offenen Tür mit 15 000 Besuchern;
31. März 2004 Das Panzeraufklärungsbataillon 12 wird außer Dienst gestellt. Bis zu diesem Zeitpunkt wurde noch in zwei Kompanien die Grundausbildung durchgeführt;
30. September 2004 Abzug der letzten Soldaten, Übernahme der Bundes(wehr)-Liegenschaft durch die Standortverwaltung Ebern und einer Vorläuferinstitution der Bundesanstalt für Immobilienaufgaben (Bima);
31. März 2005 Auflösung der Standortverwaltung Ebern, die bis 2004 auch das Mundepot in Breitengüßbach betreut hatte. Stillstandswartung (was für eine Beschreibung!) in der Balthasar-Neumann-Kaserne durch fünf Mitarbeiter;
Februar 2008 Besuch von Bundesumweltminister Sigmar Gabriel wegen der Pläne, ein Fahrsicherheits-Zentrum samt Off road-Park zu errichten.
1. Januar 2009 Übernahme/Kauf der kompletten Bundeswehr-Liegenschaft durch die Stadt Ebern zum Preis von 500 000 Euro. Mittlerweile wurde für alle Gebäude eine neue Nutzung und/oder neue Eigentümer gefunden. Beim Weiterverkauf durch die Stadt war der Bund in der Regel zu einem Drittel am Verkaufspreis beteiligt. Im Eigentum der Stadt blieben: Sportplatz und -halle, Heizzentrale (Nahwärmewerk), Feldwebelwohnheim (als Asylbewerber-Heim durch die Regierung von Unterfranken angemietet) und Mannschaftsspeisesaal (Stadthalle). Keine konkreten Nutzungspläne gibt es für ein unmittelbar angrenzendes Mun-Depot mit zwölf Bunkern);
Dezember 2011 Inbetriebnahme einer fast 20 Hektar großen Photovoltaikanlage im einstigen Standortübungsplatz;
April 2012 Erster Gewerbetag der neu angesiedelten Betriebe in der einstigen Bundeswehr-Liegenschaft; Eröffnung des Garnisonsmuseums durch die Kameradschaften beider Bataillone in den Bunkern/Keller-Etagen der einstigen 1. Kompanie (jetzt: Landgasthof/-Hotel "Zum Stadl"). RK