Fachkräftemangel wird im Kreis Haßberge sichtbar
Autor: Redaktion
Haßfurt, Mittwoch, 25. Oktober 2017
Der Kreistag-Ausschuss für Arbeit, Wirtschaft und Regionalentwicklung befasste sich mit der Ausbildungssituation im Landkreis.
"Arbeit, Wirtschaft und Regionalentwicklung", so lautet das Aufgabenfeld des Kreistag-Ausschusses, der sich am Dienstag ausführlich mit Zahlen beschäftigte, die alle drei dieser Themen betrifft: mit dem Ausbildungsstellenmarkt. Dazu waren Referenten der Agentur für Arbeit, der Industrie- und Handelskammer (IHK) und der Handwerkskammer (HWK) eingeladen. Dabei wurde klar: Der Fachkräftemangel hat viele Branchen bereits massiv erreicht. Noch immer aber gibt es Bewerber, die ohne Ausbildungsstelle bleiben.
Schon seit Jahren verlassen kleinere Jahrgänge die Schulen. In der Folge habe sich rein rechnerisch die Schere zwischen angebotenen Ausbildungsstellen und Bewerbern geschlossen, berichtete Peter Stretz. Der Teamleiter der Berufsberatung bei der Arbeitsagentur hatte die aktuellen Zahlen dabei. Allerdings gibt es nach wie vor mehr Bewerber als Stellen in den "Lieblingsberufen". Außerdem haben sich Berufsbilder in den vergangenen Jahren gewandelt, so dass viele Schulabgänger auch nicht die richtigen Voraussetzungen mitbringen. Wie viele Azubis in die großen Betriebe nach Schweinfurt und Bamberg abwandern, ist nicht erfasst. Bei den Pendlern werden die Azubis nicht eigens aufgeführt.
Wo echter Bedarf an Nachwuchs besteht, das machten Lukas Kagerbauer, Bereichsleiter für die Berufsausbildung bei der IHK, und Jörg Brückner von der Handwerkskammer deutlich. Facharbeiter seien stärker gesucht als Akademiker, betonte Kagerbauer. Weil die Facharbeiter schon jetzt fehlen, habe die bayerische Wirtschaft im laufenden Jahr Einbußen von 3,5 Prozent der Bruttowertschöpfung erlitten, was 16,9 Milliarden Euro entspreche. Bis 2030 könnte dieser Verlust sich fast verdoppeln. Aufträge seien da, allein es fehle am Personal, das sie abarbeitet, sagte er.
Das erlebt das Handwerk noch viel stärker als die Industrie. Die Bauwirtschaft boomt, die Ausbildungsplätze in den entsprechenden Berufen sind nicht sehr gefragt bei den jungen Leuten. Darunter sind auch sehr anspruchsvolle Ausbildungen wie Anlagenelektroniker, in denen durchaus auch ordentlich bezahlt wird. "Wir steuern da auf ein echtes Problem zu", prognostizierte Jörg Brückner. Bäcker und Metzger suchten die Kreisräte vergeblich unter den "Top Ten der nachgefragtesten Ausbildungsberufe.
Auf Bauhandwerker wird man künftig lange warten müssen - und auch die Preise werden ansteigen, darauf hat man sich im Landratsamt, das viele Aufträge vergibt, schon eingestellt. "Wenn diese erhöhten Preise dann auch an die Mitarbeiter weitergegeben werden, dann sollten auch die Berufe im Verhältnis zur Industrie attraktiver werden", meinte Landrat Wilhelm Schneider. Wer nicht besser bezahle, werde künftig keine Leute mehr finden, erklärte Jörg Brückner ganz klar. Wenn der Facharbeiterlohn nur knapp über Mindestlohn liegt, dann habe man eben das Nachsehen gegenüber anderen Tarifen.
Die IHK verzeichnete im laufenden Jahr 249 Ausbildungsverhältnisse im Landkreis Haßberge, davon 107 im gewerblich-technischen und 142 im kaufmännischen Bereich. Seit fünf Jahren führe der Bewerbermangel zu einem Rückgang, der sich nun leicht stabilisiere. Problematisch sei, dass 75 Prozent der Azubis in nur 20 Berufen ausgebildet würden, einige Berufsbilder hätten es schwer. Nicht gefruchtet hätten Aktionen wie Girls- und Boys Day. Nach wie vor hätten Jungs und Mädchen ihre spezifischen Lieblingsberufe.
Die IHK bemüht sich um assistierte Ausbildung, richtet aber auch ein großes Augenmerk auf Studienabbrecher, um ihnen Ausbildungsberufe nahe zu bringen. Auch Abiturienten interessieren sich in einem nicht zu unterschätzenden Maße für Ausbildungen. Etwa 80 seien das im Landkreis Haßberge, schätzt Peter Stretz. Allerdings meldeten sich viele Gymnasiasten gar nicht bei der Arbeitsagentur, sondern suchten selbst - oft am Landratsamt, wie dessen Geschäftsführer Horst Hofmann erklärte.
Das Bemühen um junge Menschen aus Spanien, wo eine hohe Jugendarbeitslosigkeit herrscht, sei an der Sprachbarriere und am Heimweh der jungen Leute weitgehend gescheitert, erklärte Kagerbauer. Flüchtlinge könnten durchaus in Handwerksberufe integriert werden, stellte Jörg Brückner fest, doch müsse man zunächst genug Augenmerk auf den Spracherwerb richten. "Wer die Theorie in der Berufsschule nicht versteht, kann die Ausbildung nicht bestehen und dann sind beide Seiten frustriert", mahnte er zu Geduld. Dennoch habe man im Landkreis erste gute Erfahrungen gemacht.
211 Handwerksbetriebe bilden hier aus. 566 Ausbildungsverhältnisse sind hier heuer geschlossen worden. Nach wie vor ist das Handwerk vorwiegend männlich (450 junge Männer und 116 jungen Frauen) und konzentriert sich auf die Meisterberufe. Nach wie vor kommen die meisten Auszubildenden im Handwerk von der Mittelschule, immer mehr aber haben Mittlere Reife. "Wir haben anspruchsvolle Berufe und da müssen die Azubis auch der Theorie gewachsen sein", wünschte sich Brückner mehr Bewerber mit mittlerem Abschluss.
In vielen Berufen habe sich der Schwerpunkt von der reinen handwerklichen Eignung hin zu mehr Theorie verlagert, etwa durch die Verschmelzung von Berufen wie beim Kfz-Mechatroniker oder bei den Installateuren. "Viele gute Praktiker kommen da in der Schule an ihre Grenzen", weiß Brückner. Dennoch sei im Handwerk nach wie vor die Praxis das A und O, für die Theorie gebe es auch viel Unterstützung.
Die Handwerkskammer arbeite intensiv am Image des Handwerks, das schlechter sei als verdient, sagte Brückner. So gebe es auch Fortbildungsangebote für Betriebe, denn auch an der Art der Ausbildung messe sich der Ruf des Handwerks. "Wer nicht ordentlich ausbildet, der sollte es lieber lassen, denn er schadet der ganzen Branche", redete Brückner Klartext. Wer hier nicht mit der Zeit gehe, finde eben keine Azubis mehr. "Das ist auch eine Art Selbstheilung". Ein Problem für Auszubildende im Alter von 15 bis 17 Jahren sei in einem Flächenlandkreis wie Haßberge auch die Erreichbarkeit ihres Ausbildungsbetriebs.
Der Ausschuss des Kreistages will jetzt beraten, was die Kommunalpolitik tun kann, um den Ausbildungsmarkt zu unterstützen, damit die wenigen Schulabgänger nicht auch noch außerhalb des Kreises arbeiten, wo sie doch bei den heimischen Firmen händeringend gebraucht werden. "Wir dürfen niemanden liegen lassen. Wenn es uns gelingt, die Basis zu verbreitern, dann haben wir etwas gekonnt", erklärte Landrat Wilhelm Schneider.
Sonja Helmerich ist die neue Regionalmanagerin des Landkreises Haßberge. Sie stellte sich dem Kreistag-Ausschuss für Arbeit, Wirtschaft und Regionalentwicklung vor. Sie ist gebürtig aus dem Landkreis Haßberge, nämlich in Treinfeld, und lebt jetzt in Ebern. Die 26-Jährige hat zunächst in Passau den Bachelor in European Studies abgelegt, dann das Master-Studium in Sozial- und Bevölkerungs-Geographie in Bamberg angeschlossen. Ihre Masterarbeit ist derzeit eingereicht, seit dem 15. September hat sie ihre erste Anstellung. Sie arbeitet sich derzeit in die laufenden Projekte ihrer Vorgängerin Jennifer Knipping ein und steuert dann neue Projekte an. Zum Regionalmanagement gehören beispielsweise das Standort-Marketing-Konzept oder das "Kunststück".