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Die Müll-Bringer


Autor: Matthias Litzlfelder

, Mittwoch, 18. Juli 2012

Eine leere Milchtüte kommt in den Gelben Sack und der wird abgeholt - nicht so in den Haßbergen. Dort müssen die Bürger selbst zum Wertstoffhof fahren.
Barbara Reinhard entsorgt am Wertstoffhof in Knetzgau ihren Verpackungsmüll. Foto: Matthias Hoch


Einmal laufen reicht nicht. Nach und nach bringt Barbara Reinhard neue Abfälle aus ihrem Auto. Auf dem großen Parkplatz vor dem Wertstoffhof in Knetzgau (Landkreis Haßberge) ist die Knetzgauerin an diesem Mittwochvormittag kurz vor 11 Uhr nicht alleine. Die Bürger wollen ihren Müll loswerden. Alt und Jung, Männer und Frauen steuern gezielt auf die großen Metalltonnen zu, die hufeisenförmig aufgereiht sind. Aluminium, Glas, Mischkartons, Sperrmüll - alles wird sauber getrennt.

Drei Mal in der Woche haben die Knetzgauer für ein paar Stunden die Möglichkeit, am Wertstoffhof Abfälle abzugeben. Sie bringen dabei auch Leichtverpackungen. Solche Verpackungen werfen die Bürger anderswo bequem in einen Gelben Sack oder eine Gelbe Tonne, der vor der Haustür abgeholt wird.

Nicht so im Landkreis Haßberge. Dort gibt es keinen Gelben Sack und auch keine Gelbe Tonne. Der Landkreis ist einer der wenigen in Franken (neben den Landkreisen Bayreuth und Neustadt a.d. Aisch - Bad Windsheim), die auf das sogenannte Bringsystem setzen. Die Bürger hier müssen ihre Verpackungen zu den Wertstoffhöfen bringen. Jede Gemeinde hat einen.

Barbara Reinhard kommt im Schnitt einmal die Woche, oder ihr Mann, oder die Kinder. Mittwochvormittag, Freitagnachmittag, Samstag bis 13 Uhr. "Man gewöhnt sich an die Zeiten", sagt die dunkelhaarige Frau. Es sei "schön, dass es einen Wertstoffhof gibt". Er biete auch die Gelegenheit, ein paar Worte zu wechseln. Mit Werner Dorn zum Beispiel. Der 73-Jährige ist im Knetzgauer Wertstoffhof regelmäßig anzutreffen. Er sieht dort nach dem Rechten, passt auf, dass der Müll ordentlich getrennt wird und beantwortet Fragen der Bürger. Ein Zusatzjob neben der Rente
.
"Gelber Sack?" Dorn winkt ab. "Eine Katastrophe", sagt er. "Ich war mal zu Besuch in einer Sortieranlage..." Der Rentner zieht die Augenbrauen nach oben. "Windeln und sogar tote Katzen." Doch selbst wenn der Inhalt stimme, müsse der Gelbe Sack sortiert werden. "Das fällt bei uns weg."

Das Abfallkonzept im Landkreis Haßberge für die Leichtverpackungen ist nicht neu. Als Anfang der 1990er Jahre das Duale System Deutschland über den Grünen Punkt ein Rücknahmesystem für Verkaufsverpackungen etablierte, musste es sich mit den Landkreisen als öffentlich rechtliche Entsorgungsträger abstimmen. Die Landkreise konnten zwischen dem Holsystem (Gelber Sack, Gelbe Tonne) und dem Bringsystem (Depotcontainer oder Wertstoffhöfe) wählen. Insbesondere in Süddeutschland entschieden sich viele Landkreise für ein Bringsystem. Auch in Bayern bestehen noch heute Unterschiede. Weite Teile Niederbayerns setzen wie die Landkreise Haßberge und Bayreuth auf ein Bringsystem.

Das Argument, wenn jeder einzeln seine Milchtüten zum Wertstoffhof fahren müsse, belaste dies die Umwelt, lässt Wilfried Neubauer nicht gelten. Der Leiter des Abfallwirtschaftsbetriebs im Landkreis Haßberge verweist auf das flächendeckende System von Wertstoffhöfen, das bereits vor dem Dualen System im Landkreis bestanden habe. "Der Bürger fährt nicht extra. Er kommt eh zum Wertstoffhof, um Glas, Altmetall, Bauschutt oder Grünschnitt abzugeben." Und über Wertstoffhöfe lasse sich einfach eine bessere Trennung erreichen.

Laut Neubauer gibt der Landkreis Haßberge jährlich rund 1500 Tonnen Kunststoffabfälle zur Verwertung an das Duale System ab. "Andere Landkreise haben vielleicht etwas mehr, aber wir haben keine Sortierreste", sagt Neubauer.

Neubauer gibt zu, dass das Bringen für den Bürger etwas aufwändiger ist. Es sei zugleich aber "lukrativ, weil er so niedrigere Müllgebühren hat". Hintergrund ist das Mitbenutzungsentgelt, das das Duale System an den Landkreis zahlt, um die Wertstoffhöfe in den einzelnen Gemeinden für die Leichtverpackungen mitbenutzen zu dürfen. Dieses Geld werde in Form von niedrigeren Müllgebühren an die Bürger weitergereicht. Nicht alle im Landkreis Haßberge sind begeistert von dieser etablierten Form der Müllentsorgung. "Wir sammeln die Verpackungen nicht bei uns zuhause, wir schmeißen sie oft einfach in die Restmülltonne", erzählt eine Frau, die ihren Namen nicht in der Zeitung lesen möchte.

Neubauer reagiert gelassen auf diese Verpackungen im Restmüll. "Wir machen Restmüllanalysen. Mit dem Anteil an Störstoffen, der bei uns im Restmüll zu finden ist, kann man leben." Viel wichtiger sei, dass die Stoffe in den Wertstoffhofcontainern nahezu eins zu eins in die Verwertung gegeben werden könnten.

"Das Bringsystem ist ökologisch etwas schlechter, wirtschaftlich etwas besser als das Holsystem", sagt Siegfried Kreibe, stellvertretender Geschäftsführer des Bifa Umweltinstituts in Augsburg. Im November hatte das Institut im Auftrag des bayerischen Umweltministeriums eine Vergleichsstudie zu den Erfassungssystemen erstellt und zugleich deren Akzeptanz abgefragt. Im Untersuchungsgebiet zeigte sich, dass das dort bestehende Bringsystem sehr positiv beurteilt wird. Werden die Befragten allerdings vor die Wahl gestellt, Gelbe Säcke mit kostenloser Abholung zu nutzen, möchten nur noch 29 Prozent von ihnen das Bringsystem behalten.

Kreibe rät den Kommunen, die Frage nach dem System weiterhin individuell zu entscheiden, und dabei die Infrastruktur ihres Gebiets zu berücksichtigen. Während auf dem Land die Wertstoffhöfe beliebt seien, höre man in Städten oft: "Mensch, ich hab' keinen Platz mehr für noch eine Müllsammlung."