Ist die Zahl von 200 000, früher "Obergrenze", für Flüchtlinge nun fest oder ist die neu gefundene Formulierung "Kaugummi", damit alle Beteiligten ihr Gesicht wahren? Im Einzelnen weiß es keiner. Eines steht für Sebastian Ott fest: Bislang ist das ein Absichtspapier. Für den Eberner CSU-Vorsitzenden stellt sich die Frage, ob die Gesamtheit der nun vereinbarten Maßnahmen tatsächlich ausreicht. Eine ganz andere Frage ist, "ist es verhandelbar bei den Koalitionsgesprächen im Hinblick auf die Grünen?" Die Jamaika-Koalition aus CDU/CSU, FDP und Grünen "ist gewollt", meint Ott, und "kann Impulse setzen, die nicht schlecht sind".

Er hat in den Jahren der großen Koalition die Streitkultur vermisst und hält es für sehr wichtig, sich inhaltlich mit den Problemen auseinanderzusetzen. Es brauche Dynamik in der Politik, um die Afd zurückzudrängen. Dass die SPD nun ein starker Oppositionsführer sein will, ist Ott gar nicht einmal so unrecht, denn "einen AfD-Politiker als Vorsitzenden des deutschen Haushaltsausschusses, das möchte ich mir nicht vorstellen."

Im Steigerwald sieht auch Alexander Leicht die geplante Jamaika-Koalition positiv: "Das muss man mal versuchen". Das Gerangel um die "Obergrenze" stellt sich für den Rauhenebracher CSU-Vorsitzenden differenzierter dar, auch wenn er im Kontakt mit vielen CSU-Mitgliedern immer wieder hört, dass es ein festes Kontingent geben muss. Die andere Hälfte ("50:50") der Mitglieder sehen wie er auch, dass es aber "auf die Art und Weise nicht geht. Was macht man mit dem 200 001. Flüchtling? Man muss genauere Regelungen definieren".

Unterm Strich bewegt die CSU auf dem Land aber weitaus mehr: die Energiewende ("Wir können nicht zurück, man muss das richtig umsetzen"), Rente ("ein höheres Renteneintrittsalter geht auf keinen Fall") oder die Pflege: Für Leicht muss es Möglichkeiten geben, auf dem Land menschenwürdiges Leben im Alter anzubieten, und zwar "in einem kleineren Rahmen, betreutes Wohnen vor Ort."

Ganz ähnlich sieht es im Maintal Mark Zehe: "Die Flüchtlingspolitik wird jetzt in den Vordergrund gespielt, dabei sind andere Probleme genauso wichtig": Für die Entwicklung im ländlichen Raum muss die Sogkraft eines Ballungszentrums München mit seinen Riesenproblemen gebrochen werden ("ein Glück, dass wir Nürnberg haben"). Dazu sei die Digitalisierung unerlässlich, die Ärzteversorgung, die Urbanisierung, der Öffentliche Personennahverkehr.

Ganz grundsätzlich spricht sich der Knetzgauer CSU-Vorsitzende für weniger kurzfristige Lösungen als mehr für verlässliche Vorgaben aus. "Die Zuwanderung braucht ein krisenfestes Modell, auch für normale Zeiten."

Die Koalitionsgespräche sieht Zehe locker: Es seien demokratisch legitimierte Parteien, die alle regierungsfähig seien ("außer AfD und Linken"). Insofern habe die SPD mit ihrer Verweigerung einen Grundkonsens im Staat aufgekündigt - aus parteipolitischen Interessen und weil sich der Kanzlerkandidat in die Schmollecke zurückgezogen habe. Zehe bemerkte im Kontakt mit SPD-Vertretern auch andere Signale, sie seien durch das Verhalten von Schulz schon "sehr sehr verwundert" gewesen.

Für den Hofheimer Wofgang Borst ist das parteipolitische Vorgehen der SPD eine logische Folge, "die SPD als Partner wäre mir lieber gewesen". Dementsprechend geht Borst davon aus, dass eine regierungsfähige Koalition nicht vor Jahresende zustande kommt.

Den Bürgern war bei der Wahl schon früh klar, erinnert Borst, dass die SPD nicht mehr aus dem Tief kommt, und so "hat man eine Stimme gehabt, mit der man etwas anfangen konnte". Dass sie einen "Denkzettel" abgeben, das hatte Borst in vielen Stammtischgesprächen gehört und sieht daher viele "Leihstimmen bei der FDP".

Zur Asylpolitik, die in den Einigungsgesprächen jetzt eines der Hauptthemen war, hat der Hofheimer Bürgermeister eine ganz klare Meinung, denn vor Ort läuft die Integration sehr gut. "Mit Zuzug und Migration verbessern sich die Chancen Deutschlands, sie verschlechtern sich nicht. Entscheidend ist, dass man das System nicht überlastet." In Hofheim hat man über 20 Flüchtlinge in Lohn und Brot gebracht, etliche Handwerksbetriebe stehen auf der Warteliste für Asylbewerber, die die Sprachprüfung erfolgreich abgelegt haben. "Es braucht einigermaßen geordnete Bahnen und eine vernünftige Integrationspolitik, dann erledigt sich das Thema von selbst", bekräftigt Borst, dann fallen auch "für den Normalbürger die Vorbehalte weg".


Der Junge-Union-Bezirksvorsitzende Fabian Weber bilanziert, dass "Stimmung besser geworden ist" mit der aktuellen Einigung der Schwesterparteien. Es sei wichtig gewesen, "dass wir unser Programm durchbringen und uns nicht unterbuttern lassen". Horst Seehofer sei nach den jahrelangen Streitereien konsequent vorgegangen, das Profil der Union wird klarer. Dementsprechend spricht sich der Mann aus Ebern in letzter Konsequenz für eine klare Regelung bei Zuwanderung, Migration und Fachkräften aus (Einwanderungsgesetz). Auch für ihn bleiben viele wichtige Felder, "die Arbeit wird nicht ausgehen": Im Blick auf das Oktoberfest erlebte er in seinem Umfeld, wie viele das Thema innere Sicherheit umtreibt: Nachdem sie jahrelang dorthin gefahren seien, verzichtete mancher nun. Oder Altersversorgung und Generationengerechtigkeit: Es könne nicht sein, dass man nach 40 Jahren mit einem Vollzeitjob kaum Rente zum Leben hat.

Am Ende aber auch das: Als Selbstständiger wünscht sich der Eberner JU-ler dringend: Unternehmertum muss sich lohnen. Wobei er sich in der brisanten sozialen Frage der Löhne an Henry Ford anlehnt, der sich dazu bekannte, seinen Arbeitern gutes Geld für gute Arbeit zu zahlen, "leistungsorientiert".