Kreis HaßbergeTrotz der Schutzmasken: Das Virus ist in aller Munde und viele haben nach beinahe acht pandemischen Monaten die Nase voll davon. Höchste Zeit also, mit Covid-19 abzurechnen. Die Vier vom "Kaktus Klub" machen das auf ihre Weise - mit Ironie, Sarkasmus und mittels mitreißender Rhythmen. Die Satire-Band hat dem Corona-Virus eine eigene EP gewidmet, eine Miniform der Schallplatte: drei Stücke mit feinsten Musik-Arrangements und hintersinnigen Texten, zu denen dem Zuhörer spätestens beim atemlosen Abtanzen das Lachen vergeht.

Dem Quartett mit Wurzeln im Landkreis Haßberge blieb nichts anderes übrig, als dem Treiben um sich herum samt Lockdown und teils fehlgeschlagenen Lockerungen tatenlos zuzusehen: Corona zwang die drei Lehrer und den Journalisten, die verstreut über die Republik zuhause sind, in die jeweilige Privatsphäre. So verhinderte Covid-19 auch die letzten ausstehenden gemeinsamen Aufnahmen für das Album "Absolut", das jetzt im Herbst erscheinen sollte. Die Veröffentlichung steht laut Angaben der Gruppe "in den Sternen, wegen Corona".

Doch "Kaktus Klub" hat die Zwangspause zu einem Intermezzo genutzt, das es in sich hat: Die Pandemie-Erfahrungen stachelten die Band zu ihrem neuen Machwerk an, einer Art satirischer Corona-Zwischenbilanz in Zeitraffer. Der "Klub" spricht von einem "Soundtrack zum Virus". 15 Minuten im Krisen-Modus, die Sinn für schwarzen Humor erfordern. Man muss sich darauf einlassen und "warmhören", um Nuancen und Hintergründe zu erfassen.

Das Titelstück "Superspreader" trägt in einem fulminanten Stilmix mit überraschenden Wendungen der Unvorhersehbarkeit des Corona-Geschehens Rechnung: Jederzeit kann alles passieren, lautet die Botschaft, und "Dein Virus ist mein Virus."

Auf Jazzrock baut "In Zeiten von Corona", ein Stück, das die Gespaltenheit der Gesellschaft analysiert. "In Zeiten von Corona will ich fort, bleib ich hier / In Zeiten von Corona sind wir plötzlich ein Wir". Die Gruppe hat die Entwicklungen aufmerksam beobachtet und spitzt mit bissigen Beats und Texten auf das Unsägliche an.

Vergessene Helden

Da ist zum Beispiel der Widerspruch zwischen der im Frühjahr beteuerten Dankbarkeit für all Kräfte, die währen des Lockdowns die Stellung hielten und der fehlenden Bereitschaft zu deutlichen Erhöhungen bei den aktuellen Tarifverhandlungen. "In Zeiten für Corona gibt's Applaus für umsonst", heißt es in dem Stück. Kaufen kann man sich vom Beifall nichts ohne gerechtere Bezahlung. Die Hoffnung, nach der Pandemie würde alles besser als es war, erstickt der Hintergrundchor mit dem zynischen Refrain: "Denkst du."

Auf die Spitze treibt es der Song "Quarantäne", der die Krankheit zur Après-Ski-Party ausarten lässt. Ischgl ist wohl gemeint, könnte aber genauso gut auf Mallorca, Garmisch, Hamm oder Berlin zutreffen. Hier gehen bissiger Text und stampfende Volxmusik-Rhythmen ein hanebüchenes Techtelmechtel ein. Drei Akkorde genügen. "I tät mit dir in Quarantäne gehn / Atemlos, kann dir net widersteh'n" lautet eine Passage.

Anmachen und anstecken

Sorgloses Abfeiern in bester Tradition der Hütten-Hits in Skigebieten oder der Ballermann-Party-Kultur mit Parolen wie: "Sauf aus und zieh die Maske aus, Maus"? Was oberflächlich wie Klamauk klingt, wird hier zur bitteren Erkenntnis: Aus Ansteckung wird Anmache - und umgekehrt.

"Kaktus Klub" lässt sich, dies macht die EP "Superspreader deutlich, auch durch Corona den Stachel nicht ziehen.

Ihr neues Werk besticht - wie immer mit ganz speziellem Taktgefühl.

Ein Interview

Satire über Corona? Darf man über eine Pandemie, die so viel menschliches Leid und einen derartigen Wirtschafts-Crash verursacht, unbefangen Witze machen? Matthias Kaufmann, Produzent und Leadsänger im "Kaktus-Klub" Das ist eine Gratwanderung, die auch in der Band heftig diskutiert wurde. Die Ergebnisse unserer Sessions haben uns selbst immer wieder irritiert. Viele Menschen haben in der Coronakrise furchtbare Erfahrungen von Krankheit, Angst und materieller Not gemacht. Nichts läge uns ferner, als uns darüber lustig zu machen. Uns geht es um den gesellschaftlichen Umgang mit der Pandemie, den wir aufspießen - und da läuft einiges schief. Wir wollen niemanden runterzuziehen oder schlechte Laune verbreiten. Im Gegenteil, zurzeit ist eine positive Grundstimmung nötig. Womöglich wird vieles nach Corona sogar besser? Wie meinst Du das und wie bildet sich das in eurer Musik ab? Für Millionen von Menschen wird die Pandemie-Erfahrung noch lange prägend sein, Existenzängste, Verluste, Kranke, Tote. Aber die Erfahrung ist nicht durchgehend schwarz. Es ist doch erstaunlich, wie schnell die Gesellschaft neue Verhaltensweisen erlernen kann, wenn es sein muss. Ich hatte ihr nicht zugetraut, dass sie Abstandsregeln, den Ellbogen-Gruß oder das Maskentragen so schnell verinnerlichen würde. Unser Stück "Superspreader" ist aus der Frage entstanden, wie man die Entwicklung klanglich abbilden kann. Am Schluss wendet sich das Ganze in Dur, warm und tröstlich. Das hat sogar mir selbst Auftrieb gegeben. Ihr lebt ja heute weit verstreut. Du in Hamburg, Helmut in Neu-Ulm, Johannes in Kahl am Main und Andreas in Großeibstadt. Wie funktioniert das Miteinander über so viele Jahre hinweg und wie habt ihr euch den bübischen Humor auch mit 46 Jahren bewahrt? Wir sehen uns nicht oft, aber wir hören uns öfter mal. Unsere Musik-Sessions in Andis Studio in der Rhön sind der Anlass, uns zu treffen. Er hat die beste Aufnahmetechnik und Hardware und dort am Stadtrand kann man auch nachts noch laut Musik machen. Das Gute ist, dass sich auch unsere Familien gut verstehen. Normalerweise setzen wir uns zusammen und irgendwann kommen dann die Ideen. Wir brauchen da immer eine Aufwärmzeit, so zwei, drei Minuten. Dann albern wir rum wie früher. Das geht relativ schnell, auch ohne beschleunigende Chemikalien. Wie darf man sich die Entstehung eurer Stücke vorstellen? Die Arrangements sind ja doch ziemlich komplex! Es gibt da unterschiedliche Entstehungsgeschichten, manches ergibt sich beim Zusammensitzen. Dann experimentiert man viel am PC herum; tauscht sich aus, mixt Tonspuren; das ist auch über die Ferne möglich.

Bei "Superspreader" war alles ein bisschen anders, da stammt sehr viel von mir. Unter Quarantänebedingungen brauchte ich einen Ausgleich. Die Arrangements habe ich am PC gebaut, Helmut steuerte die Akustikgitarre bei und Andi das Klavier. Das funktioniert aber nicht mit allem. Manches muss man gemeinsam einspielen. Beispielsweise für das Album "Absolut" mussten wir nochmal an den Text ran. Die Änderungen konnten wir bis heute noch nicht aufnehmen. Es wird eben, gerade mit Corona, immer schwieriger, gemeinsame Termine zu finden. Apropos Termin. Im nächsten Jahr sind es 25 Jahre seit Eurem ersten Live-Auftritt. Wie wäre es mit einer Rückkehr zu euren Wurzeln bei einem Jubiläumskonzert in Ebern? Eine gute Idee, das wäre unser erster Live-Auftritt seit rund einem Dutzend Jahren. Zum letzten Mal haben wir bei einer Hochzeit gespielt - ich glaube, es war meine eigene.

Wir haben noch viele Kontakte nach Ebern und dort haben wir auch noch immer unsere stärkste Fan-Base. Darunter sind viele Schüler und ehemalige Lehrer. Betriebswirtschaftlich gesehen ist Ebern noch immer unser Kernmarkt. Virtuell trifft man sich öfter, aber ein Live-Auftritt, das wäre auch mal wieder schön. Die Fragen stellte FT-Redaktionsmitglied Eckehard Kiesewetter

Und so fing alles an

1996 hat alles begonnen, mit dem ersten abendfüllenden Auftritt bei einem Schülerkonzert in Ebern. Damals gründeten drei Schüler des Friedrich-Rückert-Gymnasiums die Gruppe "Comedian Rhythmists" - in bester Tradition der "Comedian Harmonists" aus den 1930er Jahren ("Mein kleiner grüner Kaktus") und inspiriert durch Hip-Hop-Gruppen wie den "Fantastischen Vier" ("Dieda"; "MFG - mit freundlichen Grüßen").

Viermal stand die Gruppe, die allein mit den Stimmen Stimmung machte, bei den "Bunten Abenden" des Kulturrings im Rampenlicht. Viele Eberner erinnern sich an den Auftritt beim Altstadtfest im Juli 1997 und bei manchen von ihnen steht das Album "Kaktus" im CD-Regal.

Die "Kaktus"-CD

Die "Rhythmists", ein Wort mit dem die fränkischen Fans erhebliche Probleme hatten, waren Matthias Kaufmann und Johannes Lorentzen aus Ebern und Helmut Lang aus Treinfeld. Andreas Voigt aus Bramberg, war anfangs als Technik-Experte im Hintergrund dabei. Er zählt seit der Umbenennung in "Kaktus-Klub" im Jahr 2014 fest zur Gruppe.

Über mehrere Jahre hinweg trat die Band als Musikkabarett in Kneipen und auf Kleinkunstbühnen auf, doch Studium, Beruf und Familie verstreute die Bandmitglieder von Schwaben bis hinauf an die Waterkant. Alle vier "Klubberer" sind inzwischen verheiratet und Väter. So gab es irgendwann keine Live-Auftritte mehr.

Arbeit im Studio

Stattdessen verlegte sich "Kaktus-Klub" auf Studio-Produktionen und hat sich damit inzwischen eine stattliche Diskografie erarbeitet: vom vielseitig ambitionierten Mini-Album "Rebell" über die Weihnachtskitsch-Parodie "Wonderful X-mas Time" und die Volksmusikpersiflage "Heimat" bis zur Arbeit am neuen Albumprojekt "Absolut" - das allerdings seit Monaten in der Corona-Warte-schleife hängt. Lust drauf macht das bereits 2019 veröffentlichte Titelstück mit harten Funk-Beats, kraftvollen Gitarren und prägnanten Vokalharmonien. Zu den zehn Titeln wird dann auch eine Langversion des Songs "Superspreader" zählen.