Es scheint das perfekte Verbrechen zu sein: Die Identität des toten Mannes, der am 13. Mai 2003 am Wasserkraftwerk Knetzgau aus dem Main geborgen wird, ist bis heute unbekannt. Auch zehn Jahre nach dem grausigen Fund ist es der Kriminalpolizei Schweinfurt nicht möglich, den Fall aufzuklären, auch wenn bis heute nahezu 300 Spuren akribisch überprüft worden sind. Doch die Ermittler geben sich zuversichtlich: "Ich bin überzeugt, dass wir irgendwann zu einem Ergebnis kommen", sagt Sachbearbeiter Reinhard Back von der Kripo unserer Zeitung.
Es ist Dienstag, 13. Mai 2003, gegen 13.20 Uhr, als ein Mitarbeiter des Kraftwerks bei Routinearbeiten am Rechen des Wasserkraftwerks mit einem Kran Unrat aus dem Main hievt. In dem Greifer kommt ein menschlicher Körper zum Vorschein. Ihm fehlen Kopf, Arme und Beine. Schockiert ruft der Arbeiter die Polizei.

Wenige Minuten später ist der Fundort rund um den Torso abgesperrt, die Spurensicherung beginnt mit ihrer Arbeit. Es ist völlig unklar, um wen es sich bei dem Toten handelt und wo sich der Tatort befindet. Wurde der Mann auf einem Schiff getötet und in den Main geworfen? Wurden seine sterblichen Überreste von einer Brücke aus in den Fluss befördert? Oder wurde der Torso in der Nacht mit einem Auto vom Mainufer aus beseitigt? Fragen, auf die Reinhard Back und Herbert Then, Leiter der Mordkommission, keine Antworten haben. Kopf, Arme und Beine wurden nie gefunden. Wo hat sie der Täter oder seine Komplizen entsorgt?

Erste Hinweise

Die Obduktion bei der Rechtsmedizin liefert erste Hinweise zum Opfer: Der Mann ist zwischen 20 bis 30 Jahre alt, hat eine normale bis athletische Figur, war 185 Zentimeter groß und hatte zum Zeitpunkt seines Todes knapp über ein Promille Alkohol im Blut. Wie lange die Leiche im Wasser lag, konnten die Rechtsmediziner nicht mit Gewissheit sagen, gehen aber von einem Zeitpunkt bereits ab dem 30. April 2003 aus. Der Mann starb durch massive Gewalteinwirkung mit einem spitzen Gegenstand. Vermutlich mit einem Messer wurde zigfach auf seinen Rücken eingestochen. Zudem wies der Mann massive Blutergüsse auf. Es muss also schon vorher zu Auseinandersetzungen gekommen sein.

Sofort wird bei der für die Sachbearbeitung zuständigen Kriminalpolizei Schweinfurt eine 30-köpfige Sonderkommission gebildet. Die Beamten sehen sich mit einer äußerst schwierigen Situation konfrontiert: Nahezu keine verwertbaren Spuren an der Leiche, ein unbekannter Tatort, ein anonymes Opfer. Es starten aufwändige Ermittlungen. Beide Mainufer werden von der Bereitschaftspolizei abgesucht, ein Polizeihubschrauber sucht im Main und der näheren Umgebung aus der Luft nach Spuren, Leichenspürhunde werden mit Booten über den Fluss gefahren, um mögliche Gerüche feststellen zu können. Erfolglos. Auch die Befragung unzähliger Angler entlang des Mains in den nächsten Tagen bringt keine erfolgversprechenden Ansätze. Zeugen haben am Tag vor dem grausigen Fund etwas im Main treiben sehen, halten es aber für einen Tierkadaver. Vermutlich ist es der Torso gewesen.

In den Main geworfen

Die Kripo geht davon aus, dass das Opfer zwischen den Schleusen Limbach und Knetzgau in den Main geworfen worden ist. In dem Kraftwerksrechen wurde zudem eine grüne Plastikplane entdeckt, die mit aufwändigen Knoten versehen ist. Man vermutet, dass der Torso darin eingenäht war. An der Plane, die eine Baumarktkette vertrieben hat, können die Spezialisten DNA des Verstorbenen sicherstellen.

Insgesamt überprüfen die Kriminalbeamten in den darauffolgenden Wochen 268 Schiffe aus der ganzen Welt, die zwischen dem 30. April und 13. Mai 2003 die Mainschleusen Limbach und Knetzgau passiert haben. Plötzlich lässt eine Spur Hoffnung aufkommen: Von einem belgischen Schiff wird ein Matrose vermisst. Auf dem Schiff können die Spurensicherer unter Ultraviolett-Licht Leuchtspuren feststellen, die auf Blut hindeuten. Doch schnell steht fest: Es handelt sich um Eisenoxid, der Frachter hatte zuvor Schrott transportiert. Die Ultraviolett-Methode spricht auf roten Blutfarbstoff an - einer seiner Bestandteile ist Eisen. Kurz darauf taucht auch der Matrose wieder auf, er war in Würzburg von Bord gegangen. Ebenso erfolglos bleibt die Überprüfung von Vermisstenfällen in Deutschland.

Doch die Ermittler bleiben hartnäckig und betreten Neuland. Mithilfe eines Fachmanns wird ein sogenanntes Isotopen-Gutachten erstellt. Das Verfahren lässt, einfach gesagt, aufgrund von chemischen Analysen Aussagen darüber zu, wo sich ein Mensch zu welcher Zeit seines Lebens aufgehalten hat. Über seine Ernährung nimmt er immer wieder auch radioaktive Stoffe zu sich. Diese lassen sich durch das Isotopen-Verfahren nachweisen und so die Herkunft lokalisieren. In den Knochen des Toten wird Blei festgestellt, wie es ausschließlich in Ottokraftstoffen in der ehemaligen Sowjetunion verwendet wurde.

Die Fahnder sind einen bedeutenden Schritt weitergekommen: Mit hoher Wahrscheinlichkeit, hat der Isotopen-Spezialist festgestellt, stammt der Tote aus Litauen, aus der Großgemeinde Matildeeikiai; dort leben rund 65.000 Einwohner. Später ermitteln die Schweinfurter Kriminalbeamten dort sogar in Zusammenarbeit mit den litauischen Behörden vor Ort. Trotz aller Akribie bleibt der erhoffte Erfolg aber aus.

Für Sachbearbeiter Reinhard Back ist es nahezu unvorstellbar, dass der Tote nirgends vermisst wird. "Es muss doch eine Mutter geben, die ihren Sohn vermisst", sagt er. Oder Angehörige, Verwandte, Freunde. Lebte der Mann wirklich ohne jeglichen sozialen Kontakt?

Spur nach Litauen

Durch die Hinweise aufs Baltikum ergibt sich für die Fahnder eine mögliche Spur: 2003 wurden in ganz Deutschland litauische Wanderdealer festgestellt. Gesteuert von Hintermännern aus Litauen, verkauften Dutzende junger Männer Drogen im Bundesgebiet. Immer wenn man ihnen auf die Spur zu kommen schien, tauchten sie plötzlich unter und hunderte Kilometer entfernt an anderer Stelle neu auf.

Für Sachbearbeiter Reinhard Back liegt die Vermutung nahe, dass es sich bei dem Toten um einen solchen Dealer gehandelt haben könnte. Doch warum musste er sterben? Hat er sich selbst bereichert, gab es eine Auseinandersetzung mit verfeindeten Gruppen oder Drogenkäufern? Fragen, die Back hofft, irgendwann beantworten zu können.

Aktuell haben die Ermittler wieder Kontakt zu den Behörden in Litauen. Dort wurde ein Dealer ermordet; von zwei der Verdächtigen steht fest, dass sie 2003 ebenfalls in Deutschland waren. Ist das die heiße Spur? Reinhard Back ist sicher: "Wenn wir zu dem Punkt kommen, an dem das Opfer zu identifizieren ist, werden wir sicher auch schnell den Täter kennen."

Davon ist auch der Leiter der Mordkommission, Herbert Then, überzeugt: "Alte Leichen lassen uns nicht los." Auch nach zehn Jahren wird bei neuen Erkenntnissen an dem Fall genauso intensiv weitergearbeitet wie 2003. "Mord verjährt nicht."

Reinhard Backs Wunsch ist es, den Mordfall aufzuklären und damit vielleicht "einer Mutter wieder ihren Sohn zurückzubringen". Dem Täter würde er gerne die Frage nach dem Warum stellen. Warum bringt man einen Menschen um, warum gibt es dafür keine andere Lösung?, grübelt der Ermittler. Ein Mord bringt viel Leid mit sich, und es gibt nur Opfer. Der Torso wurde Monate nach dem Auffinden am Kraftwerk in einem Grab auf dem Knetzgauer Friedhof bestattet. Bis heute hat der Tote aus dem Main keinen Namen.

Die Mordkommission

Pro Jahr ermittelt die Kriminalpolizei Schweinfurt durchschnittlich in zehn bis 15 vollendeten und versuchten Tötungsdelikten. Meist handelt es sich dabei um Beziehungstaten. Die Aufklärungsquote liegt bei nahezu 100 Prozent. Reinhard Back ist seit 1998 beim Kommissariat K1 tätig, das unter anderem für Tötungsdelikte zuständig ist. Ihn treibt bei seiner Arbeit sein Gerechtigkeitssinn an. "Ich fühle mich zu dieser Arbeit berufen", sagt der Familienvater. Auch wenn manche Fälle den Ermittler belasten, sei ein professioneller Abstand nötig, um die Ermittlungen optimal führen zu können, sagt er.