Auf dem Zukunftsforum "Herausforderung ländlicher Raum - Gewinnung und Bindung von Medizinern für den Landkreis Haßberge" warb Staatsministerin Melanie Huml (CSU) für verstärkte Zusammenarbeit. Das Ziel: auch in Zukunft eine gute medizinische Versorgung auf dem Land sicher stellen. "Wichtig ist eine engere Verzahnung der Akteure vor Ort, denn nur gemeinsam lassen sich Herausforderungen meistern. Mit den Gesundheitsregionen wollen wir die unterschiedlichen Stärken der Regionen betonen, andererseits aber passgenaue Antworten für eine Gesundheitsversorgung der Zukunft vor Ort finden."


100 Teilnehmer

Rund 100 Teilnehmer aus Ärzteschaft und Haßberg-Klinik, aus der Pflege und Verwaltung sowie Bürgermeister und Kreisräte besuchten dieses Forum der "Gesundheitsregion plus Landkreis Haßberge". Den Problemen der Gesundheitspolitik widmeten sie sich auch in Arbeitsgruppen.


Altersstruktur hat Ärzteschaft verändert

Melanie Huml erklärte, dass auch im Landkreis Haßberge die Einwohnerzahl merklich schrumpft. Der demografische Wandel ist nicht nur da spürbar: "Zum einen wird in einer alternden Gesellschaft die Nachfrage nach ärztlichen Leistungen zunehmen. Zum anderen hat sich die Altersstruktur in der Ärzteschaft verändert. Schon jetzt sind mehr als 30 Prozent der bayerischen Hausärzte 60 Jahre und älter." Ähnlich ist das bei den Fachärzten. Hummel berichtete, dass die ärztliche Versorgung im bayerischen Landtag Thema sei, es gebe einen runden Tisch mit Vertretern aus der Wissenschaft. "Es ist wichtig, auch die Studierenden zu begeistern, sich im ländlichen Raum niederzulassen."

In Bayern gibt es laut Huml nun 33 Gesundheitsregionen plus. In den Haßbergen biete sich sogar die landkreisübergreifende Kooperation mit drei angrenzenden "Gesundheitsregionen plus" an: Bamberg, Coburg und Bäderland Bayerische Rhön. Der Landkreis erhielt mit dem Siegel "Gesundheitsregion plus" einen Förderbescheid von rund 230 000 Euro für die nächsten fünf Jahre. Dafür kann man sich hier vor allem um zwei Themen kümmern die Versorgung mit Ärzten und die Vorsorge und Prävention; als dritten Bereich hat sich der Landkreis die "Pflege" herausgesucht.


Bayern vergibt Stipendien

Huml zählte die Bemühungen der Staatsregierung auf: In Bayern wurden 279 Niederlassungen gefördert. Mit dem Geld trauten sich nach ihren Angaben junge Ärzte in die Selbstständigkeit mit einer eigenen Praxis. Der Staat vergibt auch Stipendien mit 300 Euro monatlich; 112 Stipendiaten gibt es derzeit in Bayern. Schließlich kümmerte sich Huml auch um mehr Studienplätze für Mediziner, etwa 250 Plätze in Augsburg. Nicht zuletzt will das Ministerium mitreden bei den Auswahlkriterien für den Zugang zum Medizinstudium: Soziale Kompetenzen sollen im medizinischen Bereich einen höheren Stellenwert zur Abiturnote bekommen. Strittig sei noch die Landarztquote (reservierte Studienplätze für künftige Landärzte). Aber Bayern sei hier unnachgiebig. Huml gestand ein, dass sich gerade in Würzburg die Besetzung eines Lehrstuhls für Allgemeinmedizin schwierig gestalte.


Ärztliche Versorgung als Standortfaktor

Inzwischen sei die ärztliche Versorgung ein Standortfaktor. Melanie Huml lobte die Verantwortlichen vor Ort. Sie würden dieses Thema rührig anpacken.
Landrat Wilhelm Schneider sieht die Herausforderungen durch den demografischen Wandel, die alternde Bevölkerung und medizinische Versorgung. "Hausärzte scheiden aus und finden keinen Nachfolger. Die flächendeckende Gesundheitsversorgung gestaltet sich immer schwieriger, und bei den Nachwuchsmedizinern konkurrieren wir mit den Städten. Außerdem arbeiten viele lieber im Team oder im Angestelltenverhältnis als in der eigenen Praxis, und auch die Vereinbarkeit von Familie und Beruf gewinnt immer mehr an Bedeutung. Aber von dieser Entwicklung sind alle ländlichen Landkreise betroffen."

Schneider sieht in der "Gesundheitsregion plus" große Chancen, Lösungen zu finden und eine Imagekampagne zu starten, um Nachwuchsmediziner und Hausärzte zu gewinnen. Er hoffte auf fruchtbare Ergebnisse in den Arbeitsgruppen.


Versorgungsstatistik

Die Vorstandsbeauftragte der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) für Unterfranken, Hildgund Berneburg, sprach die Versorgungsstatistik an. Unterversorgung besteht bei weniger als 50 Prozent, Regelversorgung bei 100 Prozent. Im Landkreis habe man bei den Augenärzten eine Regelversorgung, bei den Chirurgen sogar eine Überversorgung, bei den Frauenärzten eine Regel- bis Überversorgung. Problematisch werde es bei den Hautärzten mit 47,8 Prozent Unterversorgung. Hier gebe es mit dem Ausscheiden des einzigen Hautarztes in Haßfurt eine Versorgungslücke. Sorge mache außerdem der Altersdurchschnitt der Ärzte.

Christian Pfeiffer von der Kassenärztlichen Vereinigung wurde noch konkreter: Im Bereich Ebern sprach er von einem Versorgungsgrad von 126 Prozent, wobei unter den Hausärzten aber 43 Prozent über 60 Jahre seien. Im Bereich Haßfurt liege der Versorgungsgrad bei 98,5 Prozent. Die KV will der Unterversorgung mit Fördermaßnahmen begegnen. Aus dem Fördertopf mit insgesamt 3,3 Millionen Euro flossen in drei Niederlassungen im Bereich des Landkreises 326 000 Euro. Als sehr wichtig hielt er die Gewinnung und Bindung von Nachwuchsmedizinern. Hier müsse man schon auf Studenten zugehen und so genannte Famulaturen fördern.

Thomas Ewert vom Bayerischen Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit zeigte Tendenzen auf: Einzelpraxen werden weniger, Gemeinschaftspraxen halten sich stabil, Medizinische Versorgungszentren steigen an. "Die Praxis, in der Ärzte 70 Stunden herumwerkeln, ist ein Auslaufmodell. Freizeit und Familie nehmen einen höheren Stellenwert ein und damit verbunden ist die Nachfrage nach flexiblen Beschäftigungsverhältnissen."

Carolin Fritzenkötter berichtete von ihren Erfahrungen als niedergelassene Medizinerin. Sie übernahm die Praxis Memmel in Haßfurt. Zum einen funktionierte die Abstimmung mit dem Praxisabgeber, der bei Veränderungsvorschlägen flexibel reagierte, wie sie sagte. Geholfen hätten aber auch Förderprogramme, so dass sie die Praxis nahezu schuldenfrei übernehmen konnte. Mehr Unterstützung forderte sie von der Bayerischen Landesärztekammer. Die Kinderbetreuung sei noch optimierbar: Mancher Kindergarten schließe schon um 13 Uhr.
Theresia Oettle-Schnell vom "Fachforum der Region Mainfranken GmbH" zeigte Werbung für Allgemeinmediziner. Das Fachforum bietet dazu Seminare an und schult Ärzte für Betriebswirtschaft und Unternehmertätigkeit.
In vier Arbeitsgruppen steckten die Teilnehmer Ziele für die künftige Gesundheitsversorgung ab. So ist zum ersten eine Kooperation der niedergelassenen Ärzte und der Mediziner aus den Haßberg-Kliniken geplant. Dazu sollen Gespräche zwischen den niedergelassenen Ärzten und denen aus den Krankenhäusern, dem ambulanten und stationären Bereich intensiviert werden. Deutlich werden soll das Stärkeprofil der Ärzte, intensiviert werden soll die Weiterbildung.


Nachwuchsmediziner gewinnen

Zweiter Punkt: Die Mediziner wollen sich daran beteiligen, ein "Curriculum" zu entwickeln, um Nachwuchsmediziner zu gewinnen. Außerdem will man Flyer in den Fachschaften verteilen, auf Messen präsent sein und schon in den oberen Klassen des Gymnasiums möglicherweise eine "Nacht der Allgemeinmedizin" installieren. Ein Vorteil wäre, die HaßbergKliniken als akademisches Lehrkrankenhaus ausbauen zu können. Dann könnten hier schon Studenten ihr praktisches Jahr absolvieren.

Dritter Punkt sind die Stärken und Schwächen der Region aus ärztlicher Sicht: Zu den Stärken gehört die preisgünstige, angenehme Wohngegend, gute Kinderbetreuung und guten Anbindung an die Großstädte. Es gibt kurze Wege zu Entscheidungsträgern; die Bereitschaftspraxis hat die Wochenenddienste reduziert. Teilzeitmodelle für Ärztinnen sind gut umzusetzen.

Schwächen liegen darin, dass alte Landkreisgrenzen immer noch eine Rolle spielen und auch schlechte Verkehrsverbindungen herrschten. Umliegende größere Städte ziehen Kräfte ab, auch ein fehlender qualifizierter Arbeitsplatz für den Ehepartner ist ein negatives Kriterium.

Die vierte Arbeitsgruppe widmete sich den Möglichkeiten der Kommunalpolitik: Sie kann die Stärke der Region besser repräsentieren und aktuelle Informationen bereit halten. Strittig wurde diskutiert über den Öffentlichen Personennahverkehr und den Bürgerbus: Es sei wichtig, wie der Patient zum Arzt komme. Die Kommunen müssten sich auch mit Praxisnetzen und Räumlichkeiten beschäftigen, hieß es.