Muslime? "Das sind doch die mit dem Kopftuch, die den ganzen Tag beten und während ihrer Fastenzeit mitten in der Nacht anfangen zu kochen". So oder so ähnlich pauschalisiert hätten es viele Menschen aus dem Landkreis Haßberge formuliert, wenn man sie vor Kurzem noch nach Ihrem Wissen über den Islam und seine Gläubigen gefragt hätte.

Bis vor etwa zwei Jahren hatte die Region kaum etwas mit dem Islam zu tun. Seither ist dessen Kultur in den Haßbergen erlebbare Realität. Viele Bürger empfingen die Menschen aus den Kriegsländern des Nahen Osten mit offenen Armen. Sie ließen sich auf die neue Kultur ein und hinterfragen noch heute die Dinge interessiert.

Nicht umsonst war der Gemeindesaal der evangelischen Gemeine in Ebern am Donnerstag bis ins letzte Eck besetzt, als es um Grundlagen der Weltreligion und der Integration der Menschen vor Ort ging.


Der gleiche Gott

Rainer Oechslen, Islambeauftragter der evangelischen Kirche in Bayern, griff zentrale gemeinsame und trennende Aspekte von Christentum und Islam in einem Kurzvortrag im Eberner Gemeindehaus auf.Sein Credo: "Islam und Christentum sind verschiedene Religionen und werden es bleiben. Dennoch sind wir verbunden durch die Liebe zu Gott und zum Nächsten und können voneinander lernen und miteinander in Frieden zusammen leben."
"Der Islam ist eine Weltreligion, die in vieler Hinsicht an das Christentum und noch mehr an das Judentum anknüpft", so Oechslen, "und der Islam geht davon aus, dass Juden, Christen und Muslime den gleichen Gott verehren. Aber auf unterschiedliche Weise eben."

Das alltägliche Leben der Muslime ist geprägt von Geboten - etwa beim Gebet und Fasten, und auch im Umgang mit Geld, denn Zinsen sind im Islam nicht erlaubt. "Es ist alles genau geregelt. Aber man kann diese Gebote erfüllen. Beim Judentum ist das viel schwieriger", erklärte Oechslen. Was Muslime am christlichen Glauben ablehnen? "Das christliche Bekenntnis zu Gottes Dreieinigkeit, zur Menschwerdung Gottes in Christus und zu einer Erlösung, die der Mensch braucht, weil er sonst in der Sünde gefangen wäre", beschrieb Oechslen. Es seien "wunde Punkte des Christentums", so Oechslen, auf die der Islam die Finger legt. Sein Lösung? "Unsere Unsicherheit gegenüber dem Islam müsste durch die Neufindung unserer Glaubenslehren definiert werden", meint Oechslen.


Gemeinsame Ansätze

Doch wo Differenz, da auch Einheit: Nämlich bei dem Verhältnis zur Religionsfreiheit, zur Demokratie und zur Gleichberechtigung von Mann und Frau. "Unsere Geschichte ist an diesen Punkten nicht rühmlich. Es ist deshalb unpassend, den Muslimen da ein schlechtes Verhältnis vorzuwerfen", ist der Referent überzeugt. Die Religionsfreiheit wurde im 19. Jahrhundert noch von den Kirchen bekämpft. Die Demokratie wurde von den meisten evangelischen Theologen bis zum Dritten Reich abgelehnt und die Gleichberechtigung von Mann und Frau wurde in der bayerischen Landeskirche noch nach dem Krieg nicht praktiziert. Viel zu lange wurden die drei Grundwerte, so Oechslen, abgelehnt.

"Aus diesen Fehlern zu lernen und zusammen mit den Muslimen daran zu arbeiten, dass Demokratie und Menschenwürde in unserem Land nie mehr in Frage gestellt werden", zeigt e Oechslen als einen Weg für die Zukunft auf.


Praktiziertes Miteinander

Viele Jahre schon praktiziert Doris Sedlmeier-Saffouri (65 Jahre) aus Baunach ein "Zusammen" mit der Kultur des Islam. Ihr Mann Dahech Saffouri (73 Jahre) kam vor vielen Jahren als Student aus Syrien und blieb in Deutschland. Als die beiden vor einigen Jahren erfahren hatten, dass syrische Kriegsflüchtlinge in die Gegend kommen, war für sie klar, dass sie helfen wollten.

Denn Dahech Saffouri spricht die Sprache, kennt das Heimatland, die Sitten und Gebräuche. Von Ängsten und Hemmungen wissen aber auch er und seine Frau. "Um die Angst abzulegen, muss man die Leute persönlich kennenlernen", erklärt Doris Sedlmeier-Saffouri, "und man kann feststellen: Es sind doch ganz normale Leute. Nicht hinter jedem Kopftuch oder Bart steckt ein Salafist."


Probleme für Mädchen

Das Kopftuch, übrigens: "In vielen Dingen ändern sich die Flüchtlinge und passen sich an. Aber bei dieser Sache nicht", konnte Doris Sedlmeier-Saffouri feststellen. Die Mädchen gehen mit dem Kopftuch in die Schule, es gibt Probleme bei Sport- und Schwimmunterricht. "Das erschwert wirklich die Integration. Die Kinder fühlen sich unwohl und ausgestoßen", weiß sie. Auch wenn es um die Wohnungssuche geht oder der Aufenthalt in Geschäften, sei es für Muslime mit Kopftuch schwierig. Ob für diese Frauen jemals ein freies und selbstbestimmtes Leben möglich ist, zweifelt Doris Sedlmeier-Saffouri an.
"Aufeinander zugehen und Toleranz auf beiden Seiten", sind die Schlüssel zu einem friedlichen Miteinander von Muslimen und Christen konnte Doris Sedlmeier-Saffouri aus Erfahrung berichten.