Dem Gewissen treu bis in den Tod
Autor: Pia Bayer
Untermerzbach, Montag, 28. Oktober 2019
Als Priester verweigerte Pallottiner-Pater Franz Reinisch den Fahneneid auf Hitler. Dafür bezahlte er 1942 mit dem Leben. In Untermerzbach erinnert eine Wanderausstellung an seinen bewegenden Widerstand.
"Sie sind verurteilt vom Volksgerichtshof wegen Vorbereitung zum Hochverrat und gehen dafür in den Tod. Scharfrichter, walten Sie Ihres Amtes", prangt es heute in großen schwarzen Lettern an der Wand in der Gedenkstätte Brandenburg-Görden. Nach seiner Weigerung, den Fahneneid auf Adolf Hitler zu leisten, findet Pallottiner-Pater Franz Reinisch 1942 hier den Tod durch Enthaupten. Reinisch wird damit zum einzigen katholischen Priester, der den Wehrmachtseid verweigert und dafür mit dem Leben bezahlt hatte.
Seine Hinrichtung ist am 21. August 1942 für 4.56 Uhr vorgesehen. "Zersetzung der Wehrkraft" lautet das Urteil. Um 3 Uhr gibt Franz Reinisch alle Dinge ab, die er noch bei sich hat: das Tüchlein, in das die Eucharistie gehüllt ist, das Sterbekreuz, den Rosenkranz, einige Bücher und den Abschiedsbrief an seine Eltern und Geschwister. Um 3.30 Uhr nimmt man ihm Schuhe und Strümpfe ab, fesselt seine Hände auf den Rücken und führt ihn in den Keller vor dem Hinrichtungsraum. Ein kurzes Surren, ein dumpfer Schlag. Um 5.03 Uhr fällt das Beil der Guillotine im Gefängnis Brandenburg-Görden und tötet einen unbeugsamen Christen - sieben Minuten später als angeordnet. Der Sarg stand nicht rechtzeitig bereit.
Mit einer Ausstellung erinnert die Gemeinde Untermerzbach seit Sonntag für einen Monat an den Pallottiner-Pater Franz Reinisch. Vier Jahre lang lebte er als Novize im Schloss Untermerzbach, hielt Philosophievorlesungen und wirkte nachweislich auch in Nachbargemeinden bei gottesdienstlichen Feiern mit, zum Beispiel in Mürsbach und Zaugendorf. Ingo Hafenecker vom Bürgerverein Ebern machte die Gemeinde auf die Möglichkeit der Wanderausstellung aufmerksam.
Etwas verlassen wirken die Besucher zwischen 14 Schautafeln im Untermerzbacher Gemeindezentrum "Komm" bei der Eröffnung am Sonntag. Von den geladenen 50 Gästen sind gerade einmal ein Dutzend erschienen. Von den Pfarrern der Umgebung, die allesamt eine Einladung erhalten haben, ist gar einzig Pfarrer Norbert Lang aus Seßlach gekommen. Dabei ist Pater Franz Reinisch durch das ehemalige Kloster im Schloss Untermerzbach hier verwurzelt, sein offener und öffentlicher Protest bis heute von höchster Aktualität.
"Hochwürden, wir wollen doch zum Einstand zusammen eine Zigarette rauchen", wird Franz Reinisch am 3. November 1928 als Neuankömmling im Noviziat der süddeutschen Pallottiner in Untermerzbach zitiert, das von 1922 bis 2009 im Schloss Untermerzbach untergebracht war. Novizenmeister Pater Bender verlangt daraufhin die Herausgabe aller Zigaretten, da das Rauchen im Noviziat nicht erlaubt sei. Reinisch gibt 150 Zigaretten ab und ringt anschließend drei Wochen mit sich selbst. Er will die Flucht über die rund zwei Meter hohen Mauern rund um das Schloss ergreifen. Als er an der Lourdes-Grotte im Park vorbeikommt, gibt er seinen Entschluss auf. Dieser Abend wird für ihn zum Schlüsselerlebnis seiner Berufung.
Vier Jahre verbringt er anschließend im Noviziat der Pallottiner. Weil kein Dozent für philosophische Fächer zur Verfügung steht, unterrichtet Reinisch vom 4. Oktober 1930 bis 8. August 1932 Philosophie. Er liest in lateinischer Sprache nach den Lehrbüchern von Jesuitenpater Donat. Von Untermerzbach aus geht er zum Abschlussjahr in Theologie nach Salzburg.
Obwohl Pater Franz Reinisch ein Mensch war, dessen Biografie sich kaum an Orten festmachen lässt - zu lange war er zunächst auf der Suche nach seinem Platz, dann wurden zügige Versetzungen zu unterschiedlichen Seelsorgebereichen ein Mittel der Wahl, um seine Einberufung möglichst lange zu umgehen -, gehört Untermerzbach zu den Orten, an denen er am längsten war. Rückblickend nennt er es "eine Zeit herrlichster seelischer Blüte, an die ich mich immer mit Wehmut und Sehnsucht erinnere".