Spannende Kriminalfälle gibt es nicht erst, seit Radio und Fernsehen aus den Gerichtssälen berichten. Der Zeiler Alois Umlauf stieß bei seinen Studien der Vorgänge am Amt Zeil auf Fragmente einer sehr spannenden Geschichte. Sie spielt sich in Maintal, Forchheim und Dettelbach/Volkach ab und beginnt im Herbst 1720. Umlauf erzählt:
"Am 12. September 1720, abends zwischen 6 und 7 Uhr, wurde der Leutnant zu Bamberg, Johann Valentin Moser, gebürtig aus Zeil, von seinem Freund Christoph Sondinger, Bürgermeister aus Forchheim, hier erschossen, auf der Rückkehr von der Wallfahrt von Dettelbach!" So steht es auf einem imposanten Bildstock, der in Dimbach unweit von Volkach vor der Kirche aufgerichtet ist.

Mord oder Unglück?

Franken-Krimi: War der Forchheimer Bürgermeister Georg Christoph Sondinger ein Mörder? War es ein Unglücksfall? Vorweg: Der Fall wurde nie eindeutig aufklärt. Die Witwe des Getöteten, Ursula Moser, und der mutmaßliche Täter, Georg Christoph Sondinger, kämpften Jahre lang um ihr vermeintliches Recht. Die Witwe um 5000 Taler Entschädigung. Sondinger um seine Rehabilitation.

Wer sind die Beteiligten? Johann Valentin Moser ist der dritte Sohn des Zeiler Kastners (Steuereinnehmer) Johann Rudolph Moser. Die Akten berichten von seiner Taufe am 28. Juli 1693 in der Zeiler Pfarrkirche als fünftes Kind des Ehepaars Moser. Er ist 1708/09, 15-jährig, als Student an der Bamberger Universität eingetragen. Schlug er die militärische Laufbahn ein? Jedenfalls wird er vor seinem Tod als Leutnant der Rothkochischen Kompanie bezeichnet. Ihr Standort war in Forchheim. Dort heiratete der junge Zeiler 25-jährig am 22. Januar 1719 Ursula, die Tochter des Stück- und Glockengießers Konrad Roth aus Forchheim.

Beim Vater in Zeil gewohnt

Der Wohnsitz des Paares ist wohl in Zeil. Denn die Akten künden davon, dass am 3. Februar 1720 in der Zeiler Pfarrkirche das erste Kind der beiden auf den Namen Maria Anna Gertrudis getauft wird. Wahrscheinlich wohnen die Jungen in dem geräumigen Haus des Vaters in der Friedhofstraße 14, heute Gasthof "Zum Schwan". Der Kastner hatte es 1702/03 neu erbaut.

Georg Christoph Sondinger erscheint erstmals 1715 als Bürgermeister in Forchheim. Er ist der Sohn des Melbers Christoph Sundinger (Sondinger). 1708 heiratet er die Rühnagelsche Witwe, 1662 geboren. Sondinger besitzt in Forchheim das Anwesen in der Hauptstraße 35.

Der Bericht des Kommandanten

Die Tragödie: Am 18. September 1720 berichtet der Schultheiß und Kommandant zu Forchheim an die bischöfliche Regierung in Bamberg:

Am vergangenen Dienstag habe Bürgermeister Georg Christoph Sondinger bei ihm vorgebracht, er wolle mit seiner Frau eine Wallfahrtsreise nach Zeil und von dort mit seinem Freund, dem Leutnant bei der Forchheimer Miliz, Johann Valentin Moser, und dessen Frau eine Wallfahrt nach Dettelbach unternehmen.

Dettelbach war damals ein beliebter Wallfahrtsort. Wie aus den Zeiler Ratsprotokollen hervorgeht, wurde eine Wallfahrt nach Dettelbach auch öfters als Buße für ein Vergehen verlangt. Hatte diese Wallfahrt der Ehepaare einen besonderer Anlass? Es ist nicht bekannt.

Heimwärts besuchen die Pilger den Wallfahrtsort Dimbach nahe Volkach. Die beiden Ehemänner geraten nahe des Dorfes auf offener Straße in einen heftigen Wortwechsel. Die Akten berichten nicht, was der Grund dafür ist. Sondinger entreißt seinem Freund Moser eine Pistole. Er verletzt den Moser durch einen Schuss. An der Verletzung stirbt der 25-Jährige am 15. September 1720 des nachts.

Sondinger auf der Flucht

Der Forchheimer ergreift die Flucht. Er verlässt das Territorium des Hochstifts Bamberg und flieht nach Neuhaus (bei Adelsdorf, heute Kreis Höchstadt/Aisch). Neuhaus ist zu der Zeit Crailsheimisch (Nürnberg) und liegt unweit Forchheims.
Durch seine Flucht macht sich Sondinger des Mordes verdächtig. Dem bambergischen Amtsverweser in Höchstadt/Aisch wird aufgetragen, "sich in aller Stille zu erkundigen, ob der Sondinger in Neuhaus sei".
Sondingers Frau begleitet zunächst die Moserische Witwe zurück nach Zeil.
Am 24. September lässt der Forchheimer Schultheiß und Kommandant einen Steckbrief des vermeintlichen Mörders anfertigen und in der Gegend verteilen. Daraufhin berichten Zeugen, dass Sondinger sich auf die "Ziegelhütte" zurückgezogen und sich habe Geld und Bettzeug bringen lassen.

Die gerichtliche Untersuchung

Da sich der Fall auf Würzburger Territorium, in der Cent Stadtschwarzach, abspielt, Sondinger aber Bamberger Untertan ist, stellt sich die Frage, wo der Fall verhandelt wird. Der Bamberger Fürstbischof Lothar Franz von Schönborn stellt den Behörden frei, Sondinger an Würzburg auszuliefern. Am 28. September berichtet der Amtsverweser in Höchstadt aber, dass Sondinger sich nicht in Neuhaus aufhält.
7. Januar 1721. Sondinger meldet sich erstmals wieder bei der Bamberger Regierung. Er beteuert seine Unschuld und bittet um "salvum conductum" (Schutz vor Verfolgung bis zum Ende des Verfahrens). Das wird abgelehnt "weil nicht wohl stünde, daß man diejenigen, so in anderen Orten Mordtaten begangen, allhier duldet ...".
Bald darauf, am 10. Januar, verlangt die Witwe Moser von der Familie Sondinger 5000 Taler Wiedergutmachung. Noch weiter geht ihre Forderung vom 5. Februar. Sie verlangt "verfügen zu lassen, dass der gewesene Bürgermeister Sondinger zu Forchheim, der zu Hausen anzutreffen, bis zur Austragung der Sache das Hochstift Bamberg meiden und dessen Eheweib demselben nicht mehr anhängen solle, weil zu besorgen, dass derselbe sein ganzes Vermögen ruinieren möge".

Druck auf Familie Sondinger

Dem Kommandanten in Forchheim wird befohlen, der Frau Sondingers zu bedeuten, dass sie ihrem Mann kein Geld mehr schicken solle "und ausrufen zu lassen, daß man ihn Sondinger, falls er sich nicht von dannen hinweg begeben würde, handfest machen und an Würzburg extradieren lassen wollte".

Der Prozess findet schließlich im Hochstift Würzburg statt, die Akten sagen nicht wann. Aber am 24. März 1721 berichtet die Würzburger Regierung nach Bamberg "da doch bei dessen vollführter Inquisition und darbei eidlich abgehörten vielen Zeugen, sich endlich hervorgetan, daß er an dem erfolgten Tod des Mosers keinen Teil gehabt und dannhero auch schon gänzlich, absolvieret worden". Die gerichtliche Untersuchung hat also tatsächlich ergeben, dass es weder Mord noch Totschlag war, sondern ein Unglücksfall.
Sondinger bittet nun um Einsetzung in alle seine Ämter. Er erhält sogar die Unterstützung der Würzburger Regierung.

Die Witwe Moser kämpft

Die Moserische Witwe gibt sich mit dem Urteil nicht zufrieden. Sie lebt wieder bei ihrem Vater in Forchheim und klagt zivilrechtlich gegen Sondinger: Das Vermögen der Familie Sondinger soll beschlagnahmt werden. Offenbar greift sie ihn auch verbal an, denn Sondinger beschwert sich am 8. Mai 1722 über sie und ihren Vater, sie würden kontinuierlich "Schänden und Schmähen, ausspeien und Bedrohen mit Prügeln und Schießen".

Der Zivilprozess zieht sich jahrelang (bis April 1725) hin. Laut der Protokolle hatten noch mehrere Personen an der Wallfahrt teilgenommen. Auch sie waren verhört worden. Genannt wird der Soldat Kilian Körner. Die Witwe Moser verlangt, dass er noch einmal verhört werden soll. Dies müsse schnell geschehen "weil dieser gefährlich erkrankt und unter die Erde verscharrt werden dörfte".

Der Soldat wird aber gesund, belastet in seiner eidlichen Aussage vom 2. Oktober 1721 tatsächlich Sondinger. Der bezweifelt die Aussage, weil ihm der Soldat später die Gewissensnöte, die er deswegen hat, beichtet.
Schließlich jammert die Witwe am 16. Dezember 1723, dass sie "durch dieses 3-jährige processieren in solche Unkosten gestürzt worden, daß sie anjetzo kümmerlich leben muß [...] und also der Process zu Ende gebracht werden soll". Doch erst am 19. April 1725 schmettert die Bamberger Regierung das Gesuch der Klägerin "als unstatthaft ab".

Die Rehabilitation

Am 13. August 1729 wird Georg Christoph Sondinger wieder als Forchheimer Ratsbürger benannt. Um 1740 kauft er das Haus in der Sattlertorstraße 2. Von 1732 bis 1752 ist er erneut Bürgermeister in Forchheim. Er stirbt möglicherweise um 1753, denn ab da taucht er in der Auflistung der Bürgermeister nicht mehr auf, und 1757 ist von seinen Erben die Rede.