Druckartikel: Zwischen Besinnung, Besingung und Besinnungslosigkeit

Zwischen Besinnung, Besingung und Besinnungslosigkeit


Autor: Niklas Schmitt

Coburg, Mittwoch, 20. November 2019

Zwei Seelen wohnen mit Ach und Krach in meiner Brust. Jedes Jahr aufs neue zur Vorweihnachtszeit bin ich zwischen Glühwein und Gleichgültigkeit hin und her gerissen. Hach, bald ist wieder Weihnachten,...
Dabeisein oder nicht dabeisein, das ist die Frage. Geht man auf den Coburger Weihnachtsmarkt, wird man freundlich begrüßt. Foto: Jochen Berger


Zwei Seelen wohnen mit Ach und Krach in meiner Brust. Jedes Jahr aufs neue zur Vorweihnachtszeit bin ich zwischen Glühwein und Gleichgültigkeit hin und her gerissen. Hach, bald ist wieder Weihnachten, aber muss der Krach darum wirklich sein?

Seit Kurzem bin ich als Volontär in der Tageblattredaktion in Coburg. Eigentlich mag ich Weihnachtsmärkte nicht. Coburg hingegen mag ich. Und vom Coburger Weihnachtsmarkt habe ich nur Gutes gehört. Sogar das Magazin der amerikanischen Super-Talkerin Oprah Winfrey hat den hiesigen Weihnachtsmarkt in ihrem Magazin "O" empfohlen. Als ob wir die Schönheit unserer Bräuche noch aus den USA bestätigt kriegen müssten. Da ist mir der Rat meiner lieben Tageblatt-Kollegen doch wesentlich lieber.

Teufelchen und Engelchen

Nicht, dass die Mittagspausen im Dezember jetzt schon mit Stehtischreservierungen bei den diversen Glühweinständen durchgeplant wären. Aber dass der hiesige Weihnachtsmarkt nicht zu vergleichen ist mit den Vorurteilen, die man so haben kann, das haben mir meine Kollegen schon mehr oder weniger deutlich zu verstehen gegeben. Nun ist es aber die Aufgabe des Journalisten, sich ein eigenes Bild zu machen. Aber vorher will ich noch rausfinden, was denn genau Teufelchen und Engelchen in mir zu Weihnachtsmärkten zu sagen haben. Der eine will mich mit aller Gewalt aufhalten, der andere findet dagegen gute Gründe, mich doch noch dazu überreden.

1.

Selbstgebasteltes

Alleine schon die Idee, dass man in den vier Wochen vor Weihnachten auf einmal auf den Gedanken kommt, Selbstgebasteltes wirklich schön zu finden, ist völlig absurd. Gerade, wenn man bedenkt, dass dieses Gefühl nur exakt so lange dauert wie eine Nonne das Ave Maria betet. Was das ganze Jahr über als überteuertes, ökologisch wertvolles Kinderspielzeug in kleinen Läden angeboten wird, man aber wegen der eigenen Abneigung gegenüber den pastoralen Klimafaschisten der Grünen nicht kauft, soll im Dezember für die rechte Weihnachtsstimmung sorgen? Aber abgerechnet wird unterm Baum: Ho, ho, Holzspielzeug ist eben nicht Prinzessin Lillifee und die Tochter, Nichte, Enkelin gnadenlos im Nichtverzeihen von liebgemeinten, aber falsch gekauften Geschenken.

2.

Inspiration

Auf der anderen Seite muss man als Vorweihnachtstrubelmuffel, der die Geschenke immer auf den letzten Drücker besorgt, doch zugeben, dass ein gut sortierter Weihnachtsmarkt viel Inspiration bietet. Man muss ja nicht gleich das gesamte 13. Monatsgehalt an den Bretterbuden lassen, aber zu sehen, was es alles gibt und dass es allerlei Schönes gibt, kann die Beunruhigung ob der eigenen Einfallslosigkeit doch beruhigen. Zumal einem, steht man schon mal zwischen den Dekozweigen, ohnehin nichts anderes mehr übrig bleibt, als an Plätzchen, Weihnachten und eben Geschenke zu denken. Da entsteht gleich so ein Sog, der einen erst so richtig in die Vorweihnachtszeit mit all ihrem Drum und Dran reinzieht.

3.

Musik

Die Musik auf Weihnachtsmärkten ist generell schlecht. Und schlecht bedeutet in diesem Fall, noch schlimmer als auf Bayern 1 zur Mittagszeit. Dafür können die Weihnachtsmärkte freilich wenig, denn da wird in etwa alles gespielt, was im Radio kommt und auf jeder Weihnachts-Best-of vorhanden ist und die Leute deswegen einfach hören wollen, weil sonst kein Christmasfeeling hochkommt, während man sich echt deutsche - so viel Tradition muss neben "Jingle Bell Rock" erlaubt sein - Langosch kauft. Swinging Christmas, Classic Greats, das Schlagerfest: Ave Maria, Gott steh mir bei, all I want für Christmas is Ruhe.

4.

Besinnung

Ist es nicht aber schön, wenn der lokale Musikverein statt den herkömmlichen Humpta-Märschen mal was Ruhigeres anstimmt oder der Kinderschulchor einfach - ganz ohne abschwächende Ironie gesagt - schön singt. Wird in Coburg nicht am 8. Dezember der Geist der Weihnacht von den verschiedenen Schulchören beschworen, oder auch eine Woche später, wenn der Posaunenchor aus St. Moriz oder der Bläserkreis der evangelischen Gemeinschaft spielt? Die einen machen Musik, die anderen summen leise mit und zusammen entsteht da so ein Gefühl der Einigkeit. Ein schiefer Ton, den Takt nicht ganz gehalten? Das gehört dazu, wenn die Musik nicht in amerikanischen Tonstudios für die gesamte Welt glattgebügelt wurde. Wenn dann noch die Musikauswahl gut ist, kann einem schon mal der Glühwein zwischen den Handschuhen kalt werden, weil man nicht mehr an das denkt, was einem ein Weihnachtsmarkt sonst gerne befehligen will: Kaufen, Saufen, Laufen.

5.

Glühwein

Draußen hat's um die 0°C, man selbst hat einen Arbeitstag in den Beinen und der gleiche Glühwein, den man für etwa einsfuffzich den Liter im Aldi kaufen kann, kostet ein unverschämt Vielfaches in der Tasse. Es scheint, als seien die meisten nur wegen des Glühweins da. Denn als treuer Kunde bekommt man doch eine Stempelkarte, die man, ganz der harte Trinker, der man damit zu sein glaubt, in vier Wochen natürlich vollsäuft und sich voll dem weihnachtsmarktkapitalistischen Zwangssystem ergibt. Währenddessen regt man sich darüber auf, dass schon im September Nikoläuse im Supermarkt stehen. Der soziale Akt besteht dann bloß noch darin, den anderen einen Glühwein mitzubringen - die Stempel nimmt man auf seine Karte.

6.

Geselligkeit

Wer würde leugnen, dass der Glühwein abscheulich schmeckt? Wie bei allen Anlässen aber, nach denen man leicht oder schwer betüdelt nach Hause geht, geht es beim Trinken nicht um den Grad der Betrunkenheit, sondern um die Gesellschaft, in der man sich vorantrinkt. Seien es die Kollegen, mit denen man auf der Arbeit nicht ins Plaudern kommt, weil sie zu weit weg sitzen, seien es die Freunde, mit denen man sich mal woanders als in der Stammkneipe trifft, oder sei es Heinz Rühmann, auf den man die Feuerzangenbowle trinkt und sich an die Fernsehabende bei Oma zu Hause erinnert. Wer will leugnen, dass einem das nicht guttut?

7.

Menschen

Das Problem ist nur manchmal: Nerviger als große Menschengruppen sind kleine Grüppchen, in denen man unterwegs ist und in denen sich immer jemand findet, der findet, dass große Menschengruppen echt nervig und anstrengend sind - und nicht merkt, dass er damit wesentlich nerviger und anstrengender ist, als die große Menschengruppe. Manchmal sind es die Kegelclubdamen, die mit roten Nasen und Nikolausmützen "Last Christmas" mitsingen, als ob es kein Morgen gäbe und es ihre letzte Weihnacht wäre. Wer sich aber von dem Spaß anderer genervt fühlt, sollte sich mal an seine eigene fassen. Denn ja, man kann, mit den richtigen Leuten unterwegs, viel Spaß auf Weihnachtsmärkten haben. Da ist schließlich für jeden was dabei.

8.

Besinnlichkeit

Weil der Weihnachtsmarkt in die Adventszeit fällt, hat er doch wohl, denke ich, etwas mit der Vorbereitung auf Weihnachten zu tun. Dass man raus und unter Leute gehen muss, um sich in sich selbst zu besinnen, oder zur Besinnung zu kommen, ist mir nicht ganz klar. Das mag, das kann ich nicht ausschließen, an mir liegen. Denn vielleicht, auch das halte ich für möglich, habe ich einfach keine Lust auf Weihnachtsmärkte und suche krampfhaft nach Gründen, das vor mir selbst zu begründen. Denn was ist denn falsch daran, sich mit ein paar Leuten zu treffen, was zu trinken, ein wenig spazieren zu gehen und sich dabei nett zu unterhalten? Genau, nichts. Es ist eben so eine deutsche Art, sich auf die jährliche Feier der Geburt Jesu Christi vorzubereiten. Spätestens in der Kirche wird man dann noch daran erinnert, dass da ja noch was anderes war. All der Zwirbel davor dient nur dem einen Zweck, am Heiligen Abend wirklich glücklich und zufrieden in Weihnachtsstimmung sein zu können. Keine schlechte Idee, wenn man es sich recht bedenkt, denke ich mir.