Helmut Fischer ist fassungslos. Der Bad Kissinger Tierarzt und Vorsitzende des Bad Kissinger Jägervereins hat in den vergangenen Wochen mehrfach schreckliche Entdeckungen in seinem Jagdrevier machen müssen: totgebissene Rehe.

"Das geht jetzt schon seit drei Wochen", sagt er. Die traurige Bilanz - Stand Donnerstagnachmittag - sind fünf tote Rehe. Verkehrsunfälle scheiden als Todesursache aus. Die Straße ist zu weit entfernt. Und: Die Spuren um die Kadaver sind eindeutig. Es war ein Tier am Werke - ein Hund. "Der Wolf scheidet aus. Zwei Rehe hatten keine Fraßspuren", sagt Helmut Fischer, der seit über 30 Jahren Hegeringleiter ist.

Spuren eines Kampfs

Auf einer Strecke von mehreren Metern finden sich um den jüngsten Fund oberhalb des Bismarck-Museums Hinterlassenschaften des Kampfes. "Hier haben wir eine Spur aus Haarbüscheln und Knochensplittern", sagt Helmut Fischer. Der Kadaver weist Bissspuren im Brustbereich auf. "Ich mag gar nicht wissen, wie lange es gedauert hat, bis das Tier tot war." Im Nachgang fraßen Füchse am toten Reh - mittlerweile fehlen der Kopf und der linke Vorderlauf. Laut dem Experten war der Riss noch keine 24 Stunden alt.

Das war am Dienstag. Am Donnerstag kam dann der fünfte Riss bei Kleinbrach. Die Indizienlage ist für den Jäger und Veterinär schnell klar. Auch hier war wieder ein freilaufender Hund am Werke. Bereits im vergangenen Winter kam es in seinem Revier um Bad Kissingen zu mehreren Rissen durch wildernde Hunde (wir berichteten).

Freilaufende Hunde sind im Winter für das Wild der Super-Gau, betont der Fachmann. Denn Wildtiere wie das Reh fahren im Winter ihren Stoffwechsel herunter. Der Grund dieser Überlebensstrategie ist simpel: Energie sparen. Für Rehe ist das jedoch Fluch und Segen. Müssen sie vor einem Hund fliehen, verbrauchen sie enorme Mengen an Energie, auf die die Tiere jedoch angewiesen sind, um über den Winter zu kommen. Die Energiereserven über genügend Nahrung aufzufüllen, fällt im Winter - mangels Nahrung - dagegen schwer. Erfolgreich verlaufen solche Fluchten meistens nicht. "Rehe sind Sprinter und fliehen nur kurze Strecken. Hunde dagegen arbeiten mit der Nase und sind sehr ausdauernd. Das heißt, dass jeder Hund jedes Reh reißen kann."

Polizei ermittelt

Eine Bagatelle sind die Risse nicht. Schon das unbeaufsichtigte, freie Laufenlassen eines Hundes im Jagdrevier stellt laut Jagdgesetz eine Ordnungswidrigkeit dar. Diese kann mit einer Geldbuße von bis zu 5000 Euro belegt werden. Außerdem könnte der Jagdpächter zivilrechtliche Ansprüche gegen den Hundehalter geltend machen. "In den vergangenen Jahrzehnten habe ich so etwas noch nicht erlebt." Möglicherweise mag die Corona-Pandemie dazu einen Teil beigetragen haben. Aus eigener Erfahrung weiß der Veterinär, dass sich viele Menschen seit Beginn der Pandemie einen Hund angeschafft haben. Helmut Fischer hat Anzeige erstattet. Eine Polizeistreife war in beiden Fällen vor Ort. Dominik Fertig, stellvertretender Dienststellenleiter der Bad Kissinger Inspektion, sagt: "Es ist ungewöhnlich, dass in so kurzer Zeit so viele Tiere gerissen worden sind." Er fügt an: "Es gibt jetzt eine Anzeige nach dem Tierschutzgesetz, es ist keine Ordnungswidrigkeit mehr, sondern mit einer Strafe bewehrt."

Beamte hoffen auf Hinweise

Die nächsten Schritte sind für ihn und seine Kollegen klar. "Wir hoffen auf Hinweise von Bürgern, die etwas dazu sagen können." Ob es sich um einen Hund in allen Fällen handelt, oder ob es verschiedene Hunde waren, lässt sich noch nicht sagen. Der Kissinger Jäger hat dagegen bereits die Vermutung, dass es sich um mehrere Hunde handelt. Die Risse ziehen sich durch weite Teile seines Reviers.

"Es ist ja klar und nachvollziehbar, dass die Leute mit ihrem Hund in die Natur wollen. Aber der Hund sollte an die Leine", sagt Helmut Fischer. Immer wieder würden Hundehalter darauf hingewiesen, sich auf den Wegen zu halten. Und: Auch die Routenplanung kann Tierleid vermeiden. Zu manchen Tageszeiten sollen derzeit bestimmte Bereiche für die Gassi-Runde gemieden werden. Das sind zum Beispiel Strecken entlang des Waldrands. Das hängt mit dem Verhalten der Tiere zusammen: Am Tag hält sich das Wild häufig im Wald auf, während es in der Dämmerung und der Nacht zum Äsen auf die Felder geht.

Stoßen die Rehe dabei auf den Geruch von Menschen oder Hunden, sorgt das für zusätzlichen Stress. "Wild braucht im Winter Ruhe", betont der Jäger. Bereiche, die Hundehalter bei ihrer Gassirunde ebenfalls meiden sollten, sind die mit Schildern ausgewiesenen Wildruhezonen, landwirtschaftliche Flächen während der Nutzzeit oder aber etwa Dickungen und Forstkulturen.

In Bad Kissingen hat das Rathaus eine Leinenverordnung erlassen. In allen öffentlichen Anlagen und auf allen öffentlichen Wegen, Straßen und Plätzen sollen Hunde im gesamten Gemeindegebiet an der Leine geführt werden. Im Außenbereich gestaltet sich das anders. Außerhalb der geschlossenen Bebauung dürfen Hunde frei laufen, wenn es sich nicht um öffentliche Anlagen handelt. Ein Freibrief dafür, seinen Vierbeiner frei und unbeaufsichtigt laufen zu lassen, ist das allerdings in keiner Weise. Dominik Fertig von der Kissinger Polizei fügt an: "Wenn die Hunde nicht angeleint sind, sollten sie stets im Einwirkbereich des Halters sein."

Helmut Fischer ergänzt: "Um das Revier sind viele Ortschaften. Da ist es umso wichtiger, dass die Halter ihren Vierbeiner unter Kontrolle haben und, wenn sie Wild sehen, den Hund an die Leine nehmen."