Marion Krüger-Hundrup

Flammen schlagen aus dem Dachstuhl der Synagoge in der Herzog-Max-Straße. Rauch steigt auf. Menschen stehen tatenlos davor oder gehen scheinbar völlig unbeeindruckt vorbei. Bamberger schauen weg an diesem 9. November 1938. Wollen nicht sehen, wie SA- und SS-Männer erbarmungslos Hatz auf jüdische Mitbürger machen.
Das ist keine Mär oder die Fantasie eines Übelwollenden. Genau 79 Jahre später sehen wiederum Bamberger in der Gedenkstunde am Synagogenplatz zur Reichspogromnacht das authentische, erschütternde Dokument. Bilder, die Ludwig Dremer an jenem 9. November 1938 aufgenommen hat. Wohl spontan, vielleicht auch geheim. Eine Filmsequenz, nur fünfzehn Sekunden kurz. Aber lang genug, um Oberbürgermeister Andreas Starke (SPD) sagen zu lassen, dass sich so eine "Kultur des Wegschauens niemals wiederholen darf": "Öffnen wir gemeinsam unsere Augen und Ohren, um wachsam zu sein, wenn unsere Grundwerte verletzt oder auch nur in Frage gestellt werden." Wenn Menschen wegen ihrer Religion, ihrer Hautfarbe, ihrer Herkunft oder ihrer sexuellen Orientierung diskriminiert oder beleidigt werden. Zivilcourage gehöre zu den Lehren, die aus dem 9. November 1938 gezogen werden müssten.


Rechtsruck in Europa beklagt

"Für uns Deutsche bedeutet die Erinnerung an den Naziterror und den zweiten Weltkrieg eine immerwährende Verpflichtung für Frieden und Freiheit sowie Demokratie und Humanität", fuhr Starke fort. Er machte klar, dass das Grundgesetz in Artikel 1 nicht besage: "nur die Würde des deutschen Menschen ist unantastbar". Alle Menschen seien gemeint, betonte Starke: "Mit der heutigen Kranzniederlegung bekräftigen wir, dass es nie wieder zu brennenden Gebetshäusern kommen darf. Nie wieder zur mörderischen Verfolgung von Menschen. Nie wieder darf die Würde des Menschen angetastet werden."
Der OB beklagte einen Rechtsruck im heutigen Europa. Nationalismus, Antisemitismus, Rechtsextremismus und Rechtspopulismus "begegnen uns vielerorts". Darauf müsse eine Antwort gefunden werden, die über Rituale wie Gedenkfeiern hinausgehe. Eine inhaltliche Auseinandersetzung statt Ausgrenzung aus dem politischen Diskurs sei notwendig, um den Ursachen für den Rechtsruck zu begegnen. Nämlich "der Angst vor dem Fremden, Sündenbockfantasien, soziale Ungerechtigkeiten, persönliche materielle Armut oder der Protest gegen das politische Establishment".
Martin Arieh Rudolph, Vorsitzender der Israelitischen Kultusgemeinde Bamberg, wandte sich angesichts fremdenfeindlicher, rassistischer und antisemitischer Strömungen hierzulande dagegen, einen Schlussstrich unter die NS-Gräuel zu ziehen, wie "nicht etwa nur von bildungsfernen Personenkreisen" gefordert werde. Noch immer vergifte latenter Antisemitismus die Köpfe der Menschen. So habe "das heutige Gedenken auch die Aufgabe, dass Barbarei, Nationalismus, Links- und Rechtsextremismus, Antisemitismus von Einheimischen, Zugewanderten und Flüchtlingen in der Welt keinen Platz haben darf", erklärte Rudolph.
Schülerinnen der Maria-Ward-Schulen sorgten mit ihrem Beitrag zur Gedenkstunde dafür, dass einstige jüdische Mitbürger ein Gesicht bekamen. Die Mädchen nannten die biografischen Daten der Familie Hess, deren Mitglieder in Todeslager deportiert wurden. In der Austraße erinnern Stolpersteine an diese Familie. Die jungen Schülerinnen formulierten auch Wünsche für die Zukunft: mehr Toleranz, Meinungsfreiheit, Gleichberechtigung, Religionsfreiheit. Und natürlich "überall Frieden, damit so etwas wie am 9. November 1938 nie wieder geschieht".
Auch der Synagogenchor drückte mit seinen Liedern die Hoffnung auf Frieden aus. "Verleih uns Frieden gnädiglich..." von Mendelssohn-Bartholdy erklang etwa. Und das Instrumentalensemble des Franz-Ludwig-Gymnasiums intonierte ebenfalls musikalische Stücke, die gefühlvoll und fast melancholisch in den Novemberhimmel stiegen.
Ergriffen lauschten die zahlreichen Anwesenden dem Gemeinderabbiner Dani Danieli, der das Kaddisch sprach. Und das "El male rachamim" zum Gedenken an die Opfer des Holocaust auf Hebräisch sang: "Gott voller Erbarmen...".