Wanderer durften ins Wohnzimmer
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Bad Staffelstein, Sonntag, 08. Januar 2017
Von Krippe zu Krippe und von Kirche zu Kirche streifte eine Schar, die aus unterschiedlichen Motiven dabei war.
Minus Sieben. Nicht Grad Celsius, sondern Teilnehmer. Wofür sich zehn Personen angemeldet haben, wurde nur von Dreien genutzt. Der Winter mit seiner Kälte setzte am Samstag dem ökumenischen Krippenwandern personell zu. Einerseits. Andererseits lauerte entlang der zwölf Kilometer weiten Wegstrecke auch eine angenehme Überraschung. Auch auf kurzen Strecken scheint zu gelten: Wer eine Reise tut, der kann was erzählen.
Schnee unter den Sohlen
Reinhold Müller stößt gut gelaunt gegen 9 Uhr zu den drei Wartenden an der Pfarrkirche St. Kilian. Er fragt nicht danach, ob man den Weg zwischen der Kurstadt und den Gotteshäusern in Reundorf, Vierzehnheiligen und wieder zurück nicht doch lieber mangels Masse an Teilnehmern ausfallen lässt. "Ich wäre auch für einen Teilnehmer gegangen", wird er später sagen. Also stapft man los, zum Ortsausgang, durch den Schnee und dem Programm "Von Krippe zu Krippe am Obermain" entgegen. Doch dem Wandern und Stapfen wohnte sogar ein doppeltes Prinzip inne: Denn es ging um Betrachtung - sowohl um die der biblischen Botschaft einer Krippenszene wie auch um die Auffrischung eigener Gedanken beim Gehen. Letzteres benannte auch Sylvia Kiesler so. Ihr Motiv für das Mitgehen an der von der Kur- und Urlauberseelsorge angebotenen Strecke lautete auf "den Kopf frei kriegen für 2017 - was will ich?". Während einer Rast in Vierzehnheiligen wird sie sich sogar explizit nach einer Teilstrecke des Jakobswegs erkundigen. Ihr Tonfall dabei wirkt nicht absichtslos. Die Kälte von minus 13 Grad zu Beginn der Wanderung schreckt sie nicht.
Gerhard Horn ist in gewisser Weise der Gegensatz zu Sylvia Kiesler. Sein Motiv lautet auf Betrachtung der Kunstfertigkeiten. "Weil ich gerne Krippen sehe. Ich baue selber welche und wenn man sich mit einem Krippenbauer unterhalten kann ..." Auch er stört sich nicht daran, dass Teile der Wegstrecke nicht idyllisch sind und auch nicht sein können, führt für Wanderer nach Reundorf doch für manch hundert Meter kein Weg als der entlang einer stark befahrenen Bundesstraße. Aber dann wird es schön, geht es über Äcker. Es knirscht unter den Schuhen, die kleine Gruppe hat sich miteinander bekannt gemacht, man plaudert und verlebt bewusst Zeit.
Wanderstöcke aus Buche
Auch Wanderstöcke gehen mit. Eine Auswahl solcher hatte Wanderführer Müller vorsorglich und in passenden Größen im Kofferraum seines Autos liegen. Doch es sind keine Glasfieber-High-Tech-Stöcke, es sind gerade gewachsene Teilstücke ehemaliger Buchenäste. Zurück zur Natur, scheint hier der Vater des Gedankens zu sein. Wer etwas zur Geschichte der Krippendarstellung oder ihren unterschiedlichen Arten hören möchte, braucht sich nur mit Müller ins Gespräch zu begeben. Dann sprudelt es heraus, das Wissen um Franz von Assisi als Begründer der Idee, um die Zusammenhänge zwischen dem Menschen des Mittelalters, der nicht in der Bibel lesen konnte, weil er nicht lesen konnte und auch kein Latein verstand, aber doch ein Bedürfnis nach so etwas wie Veranschaulichung hatte. Doch neben den Krippen in den Gotteshäusern entlang des Weges kam es zu einem Höhepunkt in Grundfeld, als die Wandergruppe von der Straße weg in ein Wohnhaus gerufen wurde, in dem Petra Pede selbst eine Krippe stehen hat. Eine von ihr selbst gebaute, zur eigenen Betrachtung. Diese teilte sie für eine halbe Stunde mit den ihr völlig fremden Menschen. Auch ein Reiseerlebnis.