Für manche ist es der Höhepunkt des Jahres: an Weihnachten in die Heimatstadt zu fahren - denn da ist alles wie früher. Es gibt im Schatten des traditionell geschmückten Weihnachtsbaums in Omas Wohnzimmer Ente, danach Torte, danach Plätzchen, danach die Wurstplatte und währenddessen wird über Onkels Witze gelacht und Eierlikör konsumiert. Es ist die pure Geborgenheit.

Manche wiederum überfällt das kalte Grauen, wenn sie Weihnachten nach Hause fahren - denn da ist alles wie früher. Es gibt direkt neben dem traditionell geschmückten Weihnachtsbaum in Omas Wohnzimmer Ente, danach Torte, danach Plätzchen, danach die Wurstplatte und währenddessen wird der erwachsene Sohn vom Großvater bevormundet, als wäre er störrische sieben, der Onkel protzt mit seiner Karriere, Oma wühlt heimlich im Koffer der angereisten Verwandten herum und alles zusammen ist Stress pur, für den Magen ebenso wie für die Seele. Es ist ein Alptraum.

Es ist Gesetz

Nicht hinzufahren ist dennoch häufig keine Option: Für viele Menschen ist es Gesetz, Weihnachten "nach Hause" zu fahren, unabhängig davon, ob sie das Fest dort lieben oder nicht. Sie tun es, weil sie es sich nicht anders vorstellen können, aus schlechtem Gewissen den Verwandten gegenüber oder aus mangelnder Fähigkeit, sich unabhängig zu machen. Und vielleicht spüren auch die, die die Familienfeier grundsätzlich nicht mögen, den Geist der Weihnacht, den Wert der Familie, die letztlich doch zu einem hält wie niemand sonst, die zeitlose Atmosphäre rund um Omas Baum und ihre aufwendige Krippe - und halten dadurch Spannungen und Spitzen doch irgendwie aus.

Wird es dann doch garstiger, geht auch abhauen: In die Kneipe, die es bereits seit Schulzeiten gibt und wo denn auch verschollen geglaubte Schulfreunde sitzen, die sich dort genauso vom elterlichen Weihnachtsgestresse erholen wie man selbst. Den Weihnachtstag dort, inmitten der Erinnerungen an die Jugendzeit, mit einem Cocktail ausklingen zu lassen - das wird manchmal als genauso feierlich wie das "Stille Nacht" in der Kirche empfunden, und manch einer findet zumindest hier die Geborgenheit, die er bei der Familie vergebens gesucht hat.

Schwieriger gestaltet sich all das, wenn neben der eigenen auch die Schwieger-Familie in die Planungen verstrickt ist. Wie kriegt man die Angehörigen des Lebenspartners zeitlich unter, die möglicherweise am anderen Ende Deutschlands wohnen? Wie entscheidet man sich dafür, wer wann zu wem fährt? Ist es eine Lösung, wenn sich Paare an Weihnachten trennen und jeder zu den Seinen fährt? Aber was, wenn man das nicht möchte? Vielleicht ist es möglich, dass ein Jahr die Eltern des einen dran sind, im nächsten Jahr die anderen? Und vielleicht können die, die leer ausgegangen sind, zeitnah besucht werden - aber eher ein paar Tage später und nicht gleich unmittelbar zum Nachtisch nach der Festtagsente.

Und dann gelingen solche Kompromisse doch nicht, denn das Gewissen und die Sehnsucht nach der eigenen Verwandtschaft sitzen auch mit an der Festtafel. Außerdem: Wie lange lebt die Oma noch, sollte man nicht doch zu ihr fahren? Kann ich den Kindern in diesem Jahr Onkel Eduard vorenthalten, der doch immer die dicksten Geschenke macht? Plus: Die Erwartungen mancher Familienangehörigen sind hoch ... Aber: Es hilft ja nichts. Wie im Leben das ganze Jahr über gilt auch Weihnachten, dass man es nie allen recht machen kann. Ein paar Kompromisse aber sollten schon mal weiterhelfen.

Kompromisse

Kompromisse könnten übrigens auch beim Ablauf des Familienfestes zuträglich für die Stimmung sein: Wenn sich die jungen Leute etwas festlich kleiden und statt der knallroten Löcherjeans zumindest die schwarze anziehen - dann ist die Schwiegermutter etwas milder gestimmt. Wenn die Familie pünktlich zur Ente anreist, die immerhin stundenlang vorbereitet wurde - dann freut sich der Koch. Wenn es in der Schule gerade nicht so gut läuft, muss das auch nicht an der Festtagstafel ausdiskutiert werden - und dass Tante Erika irgendwie rundlicher um die Hüften aussieht als wenige Monate zuvor, geht auch keinen anderen etwas an.

Wenn sich allerdings die Angehörigen nicht an diese Regeln halten und es schlimm und schlimmer wird, hilft ein tiefer Blick in Omas Eierlikörflasche, denn: Mit Likör ist nichts zu schwör. Der Gedanke, dass nur noch kurze Zeit ausgeharrt werden muss - und es dann erst in einem Jahr wieder so weit ist, oder in zweien, lässt den Tag im Zweifel ebenfalls würdevoll vorüberziehen.

Was übrigens auch sinnvoll sein kann, um alles und alle unter einen Hut zu kriegen: Man könnte die gesamte Sippe mütter- und väterlicherseits einladen und den Heimvorteil genießen, der sonst vor allem Omas und Opas vorbehalten ist.

Doch das Argument, etwa mit kleinen Kindern nicht quer durch die Republik kreuzen zu wollen, könnte funktionieren, um alle anderen zum Fahren zu bewegen. Der Nachteil: Man ist dran mit Aufräumen, Putzen, Dekorieren und Festmah lauftischen, damit, die Leute wegen ihrer Unpünktlichkeit zu ermahnen und genervt zu sein, weil sie nicht schick genug sind. Ob das besser ist? Schwierig!