30 Jahre lang waren seine beiden Vorgänger jeweils im Amt. Johann Daum (SPD) prägte von 1960 bis 1990 die Entwicklung Heiligenstadts, Helmut Krämer (CSU/Einigkeit) war von 1990 bis 2020 Oberhaupt der Marktgemeinde. Mit Stefan Reichold wurde nun also wieder ein Sozialdemokrat zum Bürgermeister gewählt. Eine wichtige Voraussetzung für eine neue Ära erfüllt er schon mal auf alle Fälle: Reichold ist erst 39 Jahre alt. Und die Wähler haben ihm mit 68,2 Prozent der Stimmen - bei drei Gegenkandidaten - gleich im ersten Wahlgang einen großen Vertrauensvorschuss mitgegeben.

Der gelernte Betriebswirt, der bisher als Logistikplaner bei Siemens in Erlangen arbeitete und kommunalpolitisch lange in der zweiten Reihe blieb, zeigt sich auf das Amts, das er am 1. Mai übernommen hat, gut vorbereitet. "Ich habe verschiedene Seminare bei den bekannten Stiftungen für politische Bildung besucht", berichtet er dem FT. Gelernt habe er aber vor allem "durch unseren Sommer-Dialog, bei dem wir das direkte Gespräch mit unseren Bürgerinnen und Bürgern gesucht haben".

Die ersten Tage und Stunden im neuen Amt waren für ihn "natürlich sehr spannend". Dass er nach der "emotionalen Amtsübergabe" nicht der neue Hoppla-jetzt-komm-ich-Chef sein will, sondern sich eher als Teamplayer sieht, merkt man, wenn er das Gemeinsame betont. Wenn er etwa von der "Vorstellung bei unseren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern" und den ersten Visiten "unserer Einrichtungen" berichtet. "Das Arbeitsklima ist sehr gut und ich wurde äußerst freundlich aufgenommen und fühle mich jetzt schon sehr wohl." Das fachliche Wissen müsse er sich jetzt "nach und nach aneignen", räumt Reichold unumwunden ein. "Aber da bin ich bei unserem Geschäftsleiter Rüdiger Schmidt und dem gesamten Team in den besten Händen."

Dass sein neuer Job nicht nur mit - noch - ungewohnten Aufgaben, sondern auch viel zeitlichem Arbeitsaufwand verbunden ist, ist Reichold durchaus bewusst. Im Vorfeld habe er sich darüber erkundigt und "darüber natürlich ausführlich mit meiner Frau gesprochen". Er sehe es aber so, dass er die Zeit, die er bisher täglich als Pendler ins 45 Kilometer entfernte Erlangen gebraucht habe, nun "direkt in Arbeitszeit ummünzen" könne. Abend- und Wochenendtermine habe er, wenn auch in geringerem Umfang, als Fußballabteilungsleiter beim SC Markt Heiligenstadt auch bislang schon gehabt. Dass es dabei nicht immer möglich sein wird, seine Familie einzubinden, sei ihm bewusst. "Aber ich bin ein Familienmensch und werde hier auch einen Ausgleich schaffen."

Konzentration auf Marktgemeinde

Bei all den Veränderungen und Aufgaben, die nun auf ihn zukommen, steht Stefan Reichold jedoch zu seinem Schritt. "Ich habe es mir ja bewusst ausgesucht und mich für diese neue berufliche Herausforderung entschieden und beworben", betont er und fügt hinzu: "Es wird also nicht so sein, dass etwas geschieht, das ich nicht erwartet habe." Beruflich wolle er sich voll und ganz auf die Marktgemeinde konzentrieren und außerhalb dieser Zeit für seine Familie da sein. "Das heißt aber nicht, dass wir uns abschotten werden. Wer uns kennt, der weiß, wie tief wir im Markt Heiligenstadt und Unterleinleiter verwurzelt sind, und werden uns wann immer es - wieder - geht, auf Festen sehen lassen."

Mit dem "wieder" kommt Reichold auf eine besondere Herausforderung, die sich dem Neuling in der politischen Verantwortung vom ersten Tag an stellt: Er muss Heiligenstadt durch die Corona-Krise und deren Folgen führen. Er sieht, wie derzeit die Gewerbetreibenden, insbesondere die Gastronomie, betroffen sind.

"Ich bitte Sie inständig, unseren Betrieben und Nahversorgern so gut es geht zu helfen", wendet er sich gleich in seinem ersten Grußwort auf der Homepage der Marktgemeinde an die Bürger und räumt ein: "Auch wir als Verwaltung müssen natürlich mit geringeren (Steuer-)Einnahmen rechnen. Manche Projekte können deshalb nicht wie geplant angegangen werden." An wichtigen Vorhaben wie Breitbandausbau, Neubau des Feuerwehrhauses, Abschluss der Abwasserbeseitigung oder Erweiterung des Kinderhorts will er jedoch festhalten.