Über das Lichtermeer
Autor: Redaktion
Kulmbach, Freitag, 06. Dezember 2019
Unsere Urgroßmutter ist Jahrgang 1925. Sie weiß noch, wie Landstraßen aussehen, die nicht asphaltiert sind, was eine kalte Stube wirklich ist und dass auch "Hitlerkugeln" am Christbaum hängen können. ...
Unsere Urgroßmutter ist Jahrgang 1925. Sie weiß noch, wie Landstraßen aussehen, die nicht asphaltiert sind, was eine kalte Stube wirklich ist und dass auch "Hitlerkugeln" am Christbaum hängen können.
Sie weiß die Vorzüge unserer heutigen Zeit und des Lebens heute zu schätzen. Und sie lamentiert eigentlich nie über diese unsere Zeit oder schwadroniert über die gute alte. Nur neulich, als wir durch das gleißende Weihnachtslicht der Straßen unserer Kreisstadt fuhren war es anders. "Su a Dekoration, des hätt's früher net gehm", sagte sie.
Zweifelsohne ist auf dem Gebiet der Weihnachtsbeleuchtung heute ein gewisser Fortschritt zu beobachten. "Lichtermeer in XXL"- titelte die Rundschau am vergangenen Mittwoch zur Kulmbacher Innenstadt. Und freilich ist dieses Phänomen nicht nur in Städten zu beobachten. Die Beleuchtungen sind schön, manche extravagant, und sie bringen Licht ins Dunkel unserer Straßen.
Und einige sind auch echt pfiffig und bringen sogar das Herz zum Leuchten. Manche sind für meinen Geschmack auch echt übertrieben- aber mein Geschmack ist nicht das Maß der Dinge.
Dennoch frage ich mich, ob der Zauber des Advents und der Heiligen Nacht nicht ernsthaft in Gefahr sind, im Lichtermeer zu ersaufen. Oder ist dieses Meer nur ein weiteres Symptom unserer Zeit, in der es einfach immer mehr sein muss?
Urgroßmutter erzählte, wie es war damals in den Fenstern vereinzelt ein, zwei Kerzen zu sehen. "Im Rathaus hatt'n sie an Lichterbogen!" Wie anders muss es für sie heute wirken, wenn jeder Alleebaum einzeln erstrahlt. Oder wenn die 100- LED-Lichterkette in warm- oder kaltweiß rhythmisch blinkt. Oder wenn der Lichtschlauch in Rentieroptik samt Weihnachtsmann rot-weiß-blau den Weg bescheint?
Ich bin mir noch nicht ganz sicher, wie wir unser Haus in diesem Jahr schmücken. Wir sind spät dran.