Testen, testen, oder?
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Höchstadt a. d. Aisch, Donnerstag, 02. Juli 2020
Seit Mittwoch kann sich jeder Bürger in Bayern kostenlos auf das Corona-Virus testen lassen. Getan hat das bislang aber kaum jemand in Höchstadt. Experten vermuten einen Anstieg der Verdachtsfälle im Herbst.
Andreas SCheuerer Wer wissen will, ob er mit dem Coronavirus infiziert ist, kann das jetzt leicht herausfinden. Denn seit Mittwoch kann sich jeder Bewohner im Freistaat kostenlos auf Sars-CoV-2 testen lassen, unabhängig davon, ob man Symptome hat oder in Kontakt mit Covid-19-Erkrankten stand. Wie Ministerpräsident Markus Söder erklärte, seien die massenhaft angebotenen Tests neben den Kontaktbeschränkungen die einzige Maßnahme des Staats, um auf das Corona-Virus reagieren und mögliche Infektionsketten unterbrechen zu können.
Doch bislang nehmen das Angebot des Freistaats nur wenige in Anspruch. In Höchstadt vermelden die allermeisten Hausärzte in den ersten Tagen überhaupt keine Anfragen. Auch im Kreiskrankenhaus habe noch niemand nach einem Test gefragt, erzählt Chefarzt Martin Grauer. Und selbst seine Mitarbeiter seien sehr zurückhaltend.
Dabei hält der Infektiologe die Corona-Teststrategie der Regierung für eine richtige Maßnahme. "Ausnahmsweise unterstütze ich die Regierung in ihrem Vorhaben", sagt Grauer. Schließlich gebe es genügend Gründe, um sich auf das Virus testen zu lassen. Sensible Berufsgruppen wie Lehrer, Busfahrer oder Polizisten sollten seiner Ansicht nach wöchentlich getestet werden. Zudem können nun auch Menschen, die ihre kranken Eltern im Altenheim besuchen wollen und unsicher sind, vorsorglich einen Test durchführen lassen. Hausärztin Stephanie Ell vermutet außerdem, dass Hotels künftig Corona-Tests von Urlaubern verlangen könnten, weshalb die kostenlosen Tests sinnvoll seien.
Umstrittene Tests
Umstritten ist hingegen, welche Auswirkungen der freie Zugang zu den sogenannten PCR- Tests, den der bayerische Staat nun als erstes Bundesland anbietet, haben kann. Denn ein negatives Testergebnis ist bereits veraltet, wenn man es in den Händen hält. Getestete Personen könnten sich in falscher Sicherheit wiegen und durch entsprechendes Verhalten zur Verbreitung des Virus beitragen. Experten, darunter auch das Robert-Koch-Institut, kritisieren zudem, dass das Testen nach dem Zufallsprinzip keine Erkenntnisse liefern wird. Man befürchte, dass nicht jene zum Testen kommen, bei denen es sinnvoll wäre, sondern jene, die neugierig und ängstlich sind.
Der Polymerase-Kettenreaktio-Test (PCR) ist ein Rachen- und Nasenabstrich, der die Erbsubstanz vervielfältig und so Infektionen aufzeigen kann. Anders als die Antikörpertests, die nachweisen, ob jemand bereits eine Infektion durchlaufen hat oder nicht, ist der PCR-Test lediglich eine Momentaufnahme.
Angesichts der vergleichsweise geringen Infektionszahlen im Landkreis - derzeit gibt es 241 gemeldete Fälle - sei es bei Antikörpertests aber selbst bei einer hohen Dunkelziffer unwahrscheinlich, viele Fälle zu finden, sagt Grauer. Zudem gebe es auch Personen, die keine oder nur sehr wenige Antikörper bilden, obwohl sie die Krankheit durchgemacht haben. Antikörper seien noch in einem frühen Forschungsstadium.
Die freien PCR-Tests sind für Grauer dagegen eine sinnvolle Strategie der Landesregierung. Zwar sei momentan die Nachfrage nicht vorhanden; in der Herbstzeit, wenn die Erkältungskrankheiten zunehmen, werden die Verdachtsfälle aber wieder hochgehen. "Wir wollen weiterhin großzügig testen", sagt Grauer. Er wünscht sich, dass Menschen nicht wahllos zum Testen kommen, sondern nur mit einem guten Grund.