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Sprache, Alltag und viel Praxis


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Höchstadt a. d. Aisch, Sonntag, 19. August 2018

Der erste Erstorientierungskurs für Asylbewerber in Höchstadt ging zu Ende. Teilnehmer konnten zum Beispiel auf Ausflügen das Deutschsprechen üben.
Die Diplom-Pädagogin Carolin Koch (Mitte) setzt sich dafür ein, die Bedingungen in der Höchstadter Gemeinschaftsunterkunft am Lappacher Weg zu verbessern.  Foto: Andreas Dorsch/Archiv


"Stellen Sie sich vor, Sie wohnen in einer kleinen Stadt in einer Wohnanlage mit mehr als 100 Menschen, aus unterschiedlichen Kulturkreisen, haben nur sehr beschränkten eigenen Wohnraum, dürfen nicht arbeiten, verdienen dadurch kein Geld; Zugang zu Sprachkursen, Internet oder anderen Beschäftigungsmöglichkeiten sind - wenn überhaupt - nur sehr beschränkt möglich oder mit großem Kostenaufwand verbunden: Wie würde es Ihnen gehen, wenn Sie monatelang, vielmehr jahrelang in einem solchen Umfeld leben müssten?"

Carolin Koch, Flüchtlings- und Integrationsberaterin der Diakonie Bamberg-Forchheim, beschreibt mit diesem Szenario die Lebenssituation vieler Bewohner der Gemeinschaftsunterkunft (GU) in Höchstadt. Sie bemüht sich seit langem darum, das Leben in der Unterkunft zu verbessern, denn "zum Nichtstun verdammt sein und auf engstem Raum mit den unterschiedlichsten Menschen zusammen leben zu müssen - das birgt auch leider einigen Zündstoff".

Schlechte Laune sei noch die geringste Auswirkung. "Für eine gute Integration und auch einfach für ein gutes Zusammenleben in Höchstadt müssen wir hier gegensteuern."

In diesem Jahr konnte sie mit dem Landratsamt Erlangen und weiteren Kooperationspartnern einiges Positives bewirken. "Seit diesem Sommer haben wir WLAN in der Gemeinschaftsunterkunft und sind in dieser Hinsicht nicht mehr von der Welt abgeschnitten", berichtet Koch. Viel wichtiger aber sei der Erstorientierungskurs, der nach langem Bemühen endlich diesen Februar in der Fortuna Kulturfabrik starten konnte.

Für alle Asylbewerber offen

Durchgeführt hat ihn die Johanniter-Unfall-Hilfe, gefördert ist er vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge. "Der Kurs ist für alle Asylbewerber offen, nicht nur für solche, die aus einem Land mit hoher Bleibeperspektive stammen. Auch Geduldete sind teilnahmeberechtigt", so die Integrationsberaterin. Dieser Gruppe sei es nämlich nicht möglich, die Integrationskurse zu besuchen.

300 Unterrichtseinheiten

In Höchstadt starteten im Februar 15 Asylbewerber und -bewerberinnen aus der Gemeinschaftsunterkunft mit diesem Erstorientierungskurs, der im August nach 300 Unterrichtseinheiten ausläuft.

Rund um den Alltag in Deutschland drehen sich die Themen. Ganz praktisch wird die deutsche Sprache zum Beispiel auch auf Ausflügen erlernt; der Fokus liegt dabei auf dem Sprechen. "Wichtig ist aber auch, dass die Geflüchteten etwas über unsere Kultur, unsere Werte und unser Leben in Deutschland ganz allgemein erfahren", so Julia Wojcik, die für die Johanniter-Unfall-Hilfe die Erstorientierungskurse koordiniert.

Andrea Schmoll, die Kursleiterin in Höchstadt, hatte aber nicht nur 15 Erwachsene zu unterrichten: "Viele Teilnehmer hatten ihre Kinder dabei, da eine Kinderbetreuung während der Kurszeiten leider nicht möglich war", berichtet Carolin Koch. Eine Herausforderung, die Andrea Schmoll mit viel Engagement und Kreativität bewältigte.

Jetzt ist der erste Erstorientierungskurs in Höchstadt zu Ende: "Vor allem für die Mütter in der Gemeinschaftsunterkunft wäre es sehr wichtig, dass dieses Angebot vor Ort weiterhin besteht", meint Carolin Koch. Ob es einen Folgekurs geben wird, steht allerdings noch nicht fest. Die Flüchtlingsberaterin wird sich mit den Kooperationspartnern auf jeden Fall dafür einsetzen, "auch zugunsten eines guten Miteinanders in Höchstadt, denn nur wenn die Bewohner der Unterkunft unsere Sprache lernen und etwas über das Leben hier erfahren, können wir Konflikte vermeiden und gute Begegnungen ermöglichen".