Dunkle Wolken jagen über den Himmel über Bamberg. Auch wenn es an diesem Nachmittag ordentlich gießt: Von einer schnellen Banner-Aktion wollen sich die jungen Gewerkschaftsmitglieder doch nicht abbringen lassen. In großen Buchstaben steht "Solidarität geht immer" auf dem Transparent der DGB-Jugend.

Nur wenige Menschen sind unterwegs. Dieses Jahr ist wahrscheinlich der außergewöhnlichste 1. Mai seit vielen Jahren. Keine Demo mit Lautsprecherwagen und hunderten Teilnehmern. Kein Meer von Gewerkschaftsfahnen. Corona hat den Tag der Arbeit fest im Griff.

Gerade jetzt wichtig

Nach dem kurzem Fotoschießen am Gabelmann erzählt Claas Meyer, warum es gerade jetzt wichtig sei, als Gewerkschaft Forderungen zu stellen: "Die Auszubildenden haben damit zu kämpfen, ob sie ihre Ausbildung abschließen können", erklärt der Jugendsekretär des DGB Oberfranken.

Viele Azubis müssten nun zunehmend öfter in vollem Umfang arbeiten, sodass auch Zeit für die Berufsschule auf der Strecke bleibe. "Zudem muss die Berufsschule nun digital stattfinden, was auch zu technischen Schwierigkeiten führt", fährt er fort.

Aber nicht nur für die Auszubildenden will Meyer Verbesserungen erreichen: Studierende, deren Lebensunterhalt durch die Corona-Pandemie weggebrochen sei, bräuchten Sofortzuschüsse. "Viele haben bereits Schulden durch BAföG angehäuft. Deshalb sollte die Unterstützung nicht über weitere Darlehen stattfinden", beschreibt der Jugendsekretär die Lage.

Hendrik Torner, Hochschulkontakt der Bildungsgewerkschaft GEW an der Uni Bamberg, fordert mehr Beratung für Studierende, insbesondere in den Fällen, wenn Jobs wegfielen. Aber nicht nur der Lebensunterhalt ist ein wichtiges Thema: "Wir brauchen gute Lösungen für die Lehramtsstudierenden, die gerade mit der Unsicherheit um ihr Staatsexamen leben müssen."

Die Unsicherheit zieht sich durch den Tag. Gleicher Ort, zwei Stunden früher: Die Marxistisch Leninistische Partei Deutschlands hat die einzige Kundgebung an diesem Tag angemeldet. Das heißt: Sondergenehmigung für maximal 50 Teilnehmer und eine Stunde.

15 Menschen mit Masken stehen tatsächlich auf mit Kreide gemalten Kreisen im Halbrund um die Neptunstatue. Dazwischen stehen Blumentöpfe mit Flaggen drin und wachen über die zwei Meter Sicherheitsabstand. "Bosch, Brose und Siemens haben bereits vor dem Corona-Virus Arbeitsplätze abgebaut", prangert ein Mann namens Artur die Fokussierung auf das Thema Corona-Virus an. Der Vertrauensmann in einem metallverarbeitenden Betrieb kritisiert gleichzeitig die Geschwindigkeit der Lockerungen von Corona-Maßnahmen, während noch immer mehr als die Hälfte der Arbeitnehmer vor Ort im Werk seien.

Für Geflüchtete nutzen

Seine Mitstreiterin Therese fordert, dass die leerstehenden Hotels für Geflüchtete genutzt werden, die momentan im Ankerzentrum ohne ausreichend Schutz vor dem Virus seien. Für die Pflegerin ist klar: "Diese Situation ist nicht überraschend über uns hereingebrochen. Der Virus ist nicht das Problem, sondern der Kapitalismus."

Karin Mayer steht in der Nähe und hört den Redebeiträgen zu: "Ich finde gut, dass eine Kundgebung stattfindet." Die Abstandsregeln seien gut umgesetzt. "Es ist schade, dass so wenige Menschen da sind, obwohl das heute die einzige Veranstaltung ist", findet eine Bambergerin, welche sonst immer am 1. Mai an Demos teilnimmt.

Noch ein Schritt in der Zeit zurück, 10 Uhr am gleichen Ort. Gewerkschaftssprecher und Betriebsräte zeigen Flagge mit Bannern und Schildern mit eigenen Statements.

Ganz prominent sind hierbei natürlich die Kolleginnen und Kollegen der Dienstleistungsgewerkschaft Verdi: "Es ist viel schief gelaufen im Gesundheitswesen. Klatschen reicht nicht. Jetzt müssen auch Konsequenzen gezogen werden!", hält Doris Stadelmayer fest.

Die Bezirksgeschäftsführerin von Oberfranken-West fordert nicht nur eine dauerhaft bessere Bezahlung für die Belegschaft im Gesundheitsbereich, sondern will auch für andere systemrelevante Arbeitnehmer in der Kinderbetreuung, im Einzelhandel, bei der Post oder im Verkehrsbereich mehr Geld und Erschwerniszuschläge aufgrund der schwierigen Arbeitsbedingungen in der Krise.

Eine Neuausrichtung

Für das Gesundheitssystem fordert Stadelmeyer energisch eine Neuausrichtung: "Wir müssen das System der Profitorientierung überdenken. Aus Altenheimen Profit zu ziehen ist abartig."

Felix Holland, Personalratsvorsitzender der Sozialstiftung in Bamberg pflichtet ihr bei: "In unseren Krankenhäusern brennt es schon seit 20 Jahren." Man müsse darauf hinwirken, dass nach der Krise unter anderem die Frage beantwortet werde: "Wie viel Pflegepersonal muss mindestens zur Verfügung stehen, um die Patienten gut zu versorgen?"

Aber auch in der Industrie bleiben die Sorgen: "Wir haben zwar klasse Rettungsschirme für die Firmen, aber wir brauchen auch Rettungsschirme für die Menschen", hält Matthias Gebhardt, erster Bevollmächtigter von der IG Metall, fest.

Die Aufstockung des Kurzarbeitergeldes sei ein wichtiger Schritt, aber man dürfe nicht vergessen, dass der Transformationsprozess der Branche unvermindert weiterlaufe.

Auch bei Michelin in Hallstadt kommt Bewegung in die Sache: "Einige Beschäftigte konnten bereits neue Anstellungen bekommen", erklärt der Betriebsratsvorsitzende Josef Morgenroth.

Die Solidarität von zahlreichen Kollegen von Gewerkschaftsseite und Belegschaftsmitgliedern aus anderen Firmen habe das Ergebnis der Verhandlungen mit dem Konzern günstig beeinflusst.

Auch wenn Sozialplan und Tarifvertrag fertig sind: "Es geht nichts über gute Arbeit und feste Arbeitsplätze", meint Morgenroth mit Blick auf die endgültige Werksschließung im Jahr 2022.

Apropos nächstes Jahr: Dann wird es hoffentlich wieder "eine klassische Mai-Demo" geben, meint Mathias Eckardt, Regionsgeschäftsführer des DGB.

Eckardt kann der Situation dennoch etwas Positives abgewinnen: "Solidarität war außerhalb der Gewerkschaften etwas verpönt. Nun betrifft sie nicht nur Arbeitnehmer, sondern die gesamte Gesellschaft. Sogar weltweit!"

Und so geht's nach dem Fototermin nach Hause, um im Internet weltumspannend für eine gerechte Gesellschaft und gute Löhne zu kämpfen.