Ist es der Mut der Verzweiflung, ein Fall von Wahrnehmungsproblemen oder auch nur das Ausschöpfen des rechtlich zulässigen Instanzenweges? Jedenfalls hat ein heute 71-jähriger Rentner das Urteil des Kulmbacher Amtsgerichts angefochten, das ihn wegen exhibitionistischer Handlungen schuldig gesprochen hatte. Im Berufungsverfahren vor dem Landgericht in Bayreuth beteuerte er seine Unschuld: "Alles frei erfunden. Vermutungen", behauptete er vor der Strafkammer unter Vorsitz von Richterin Andrea Deyerling.

Ob der Angeklagte mit dieser Strategie durchkommt, darf als unwahrscheinlich gelten. Denn bei dem ihm zur Last gelegten Verhalten geht es nicht um Vermutungen: Zwei Mädchen untermauerten als Zeuginnen die Anklage. Zudem ließen Video-Aufzeichnungen und ein anthropologisches Gutachten keinen Zweifel daran aufkommen, dass es sich beim Angeklagten tatsächlich um den Mann handelt, der sich an jenem 11. November 2019 am zentralen Omnibusbahnhof in Kulmbach aufgehalten hatte.

Dort soll sich der Rentner laut Anklage vor zwei damals zwölfjährigen Mädchen entkleidet haben. "Er hatte die Hose runtergelassen und zeigte sein Glied. Die Mädchen fühlten sich belästigt und waren angeekelt", so Oberstaatsanwalt Jan Köhler. Das Ganze soll sich am Durchgang zwischen dem nördlichen Spinnereigebäude und der ehemaligen Verwaltungsvilla zugetragen haben, in dem heute Büros der Universität untergebracht sind.

Hauptbelastungszeugen waren die beiden betroffenen Mädchen. Ihre Aussagen glichen sich in wesentlichen Punkten, nur in Details gab es Unterschiede. Nachdem ihre Eltern bei der Polizeiin-spektion Kulmbach Anzeige erstattet hatten, legte man den Mädchen Lichtbilder verschiedener Männer vor. Damals erkannten sie den Täter allerdings nicht zweifelsfrei. Dass sich der Angeklagte am Tag der Tat in dem besagten Bereich aufgehalten hatte, konnte jedoch bewiesen werden. Er war auf mehreren Videos zu sehen, die fest installierte Kameras aufgezeichnet hatten.

Die Bilder wertete Andreas Düring aus München aus. Der Anthropologe fertigte darüber hinaus noch im Gerichtssaal ein Video an, um die typischen Bewegungsabläufe des Angeklagten mit denen zu vergleichen, die dem Mann auf den Videos in Tatortnähe zu eigen waren. Ergebnis: Beide Personen seien "höchstwahrscheinlich" identisch. Die Fehlerquote derartiger Feststellungen liege bei maximal einem bis fünf Prozent, sagte der Experte.

Bei der sieben Stunden dauernden Verhandlung hatte ein zweiter Fachmann das Wort: der psychiatrische Gutachter Michael Zappe. Er hatte mit dem heute 71-jährigen Rentner gesprochen. Nach seiner Aussage handelt es sich bei dem Kulmbacher um einen Mann minderer Intelligenz. Der Angeklagte stamme aus intakten Familienverhältnissen, habe aber niemals eine dauerhafte Beziehung mit einer Frau geführt. "Er wollte seine Freiheit", so Zappe. Diesen Freiraum nutzte er den Angaben zufolge allerdings zu sozialschädlichem Verhalten. Der Alkoholkonsum verleitete ihn zu strafbaren Handlungen. So stand er mehrmals wegen Trunkenheit vor Gericht.

Erheblich vorbelastet

Mehrere Minuten dauerte es, bis die Richterin die lange Liste der Vorstrafen und Bewährungsauflagen vorgetragen hatte. In 18 Fällen war der Angeklagte bereits verurteilt worden. Allein zwölf davon entfielen auf exhibitionistische Handlungen.

Rechtsanwalt Werner Brandl räumte ein, dass sein Mandant sich am Tattag im Bereich des Busbahnhofs aufgehalten habe. Bei den Video-Aufzeichnungen sei allerdings die eigentliche Tathandlung nicht zu sehen. Der Rentner habe sich nicht im strafrechtlich relevanten Sinn entblößt, sondern lediglich uriniert.

Der Verteidiger versuchte, die Glaubwürdigkeit der beiden Mädchen zu erschüttern. Die Aussagen seien vage sowie von Unsicherheiten und Gedächtnislücken geprägt. Der Anwalt sah ihre Einlassungen durch die Video-Aufzeichnungen als teils widerlegt an. Brandl forderte einen Freispruch: "Es fehlt an einem Sexualbezug. Eine Verurteilung kann daher nicht erfolgen."

Ganz anders bewertete der Oberstaatsanwalt die Beweislage. Die Aussagen der Mädchen seien im Kerngeschehen gleich. Die beiden hätten auch keine Urinlache gesehen, deshalb sei das angegebene Pinkeln eine Schutzbehauptung. Und weiter: "Jeder normale Mensch pinkelt dort, wo er nicht gesehen wird. Und nicht dort, wo sich viele Menschen aufhalten." Jan Köhler forderte, die Berufung zu verwerfen. Der Angeklagte sei innerhalb einer Bewährungsfrist rückfällig geworden und lasse jegliche Reue vermissen. Daher sei auf eine Freiheitsstrafe zu erkennen, erklärte er. Das Urteil wird am heutigen Freitag verkündet.