Oberkörper frei, die schwarze Cappy um 180 Grad nach hinten gedreht und eine coole Spiegelbrille im Gesicht. Im Hintergrund strahlendblauer Himmel, sattes Grün, ein paar Palmen und ein Stück weiter hinten das Meer. Wir haben Steffen Ramer, den ehemaligen Geschäftsführer der Handballer des HSC Coburg, just in dem Moment angerufen, als er auf den kanarischen Inseln ein paar Tage "chillte".

Der Bierkeller-Besitzer aus dem Landkreis Forchheim hat sich Zeit genommen, um uns ein paar Fragen zu beantworten. Der selbstständige Kneipenwirt kritisiert die schlechten Corona-Bedingungen für seine Branche, erinnert sich augenzwinkernd an einen verbalen Schlagabtausch mit dem Erlanger Großsponsor Alexander Fackelmann nach einem hitzigen Bundesligaderby und bezeichnet die Fördergelder, Hilfs-Fonds und das Kurzarbeitergeld "nicht als die schlechteste Option für den Geldbeutel des HSC 2000 Coburg".

Mehr noch: Ramer verrät, weshalb er als Nächstes in ein WC-Haus investiert, und ist sich absolut sicher, dass sein Ex-Klub trotz des Fehlstart in der 2. Bundesliga mindestens noch Platz 4 bis 6 erobert.

Hallo Herr Ramer, Sie haben nach Ihrer Zeit beim HSC Coburg eine neue Herausforderung angenommen. Wie läuft es?

Steffen Ramer: Richtig, ich habe mich der Herausforderung der Selbstständigkeit gestellt, bin voll in die Gastronomie eingestiegen und im Nebengewerbe habe ich noch weiteren Sportvereinen geholfen. Ich habe einen bekannten und sehr traditionellen Bierkeller im Forchheimer Land übernommen, der bis 2018 unter einem eher fragwürdigen Ruf gelitten hatte. Mittlerweile haben wir hier was Tolles aufbauen können, vor allem aufgrund einiger Modernisierungs- und Umbaumaßnahmen sowie weiterer Investitionen im Biergartenbereich.

Mit Sport hat das wenig zu tun, oder doch?

Meine Tätigkeit am Rittmayer Keller hat wenig mit Profisport zu tun, abgesehen von den vielen Storys drumherum. Aufgrund des Erlangener Einzugsgebietes kommen viele HCE-Fans zu mir. Neben aller Fachsimpelei haben wir auch echt viele lustige Gespräche aus meiner Vergangenheit beim HSC. Oft ist das hitzige Derby, bei dem ich mal vom Spielfeldbereich auf die Tribüne verwiesen wurde, ein Thema. Oder das Aufeinandertreffen nach einer Pressekonferenz mit dem Sportfreund Fackelmann. Dabei zeige ich gerne meine Zahnstocher oder Küchenutensilien mit Fackelmann-Aufdruck, lache und freue mich. Mein Nebengewerbe hatte neben Kulturveranstaltungen ausschließlich mit Sport zu tun. Allerdings habe ich das während der Corona-Pandemie vorerst abgemeldet.

Trauern Sie Ihrem Job beim HSC noch nach oder haben Sie - auch coronabedingt - rechtzeitig die Seiten gewechselt?

Nachtrauern? Keinesfalls. Ich habe mich damals selbst dazu entschieden, aufzuhören und fühle mich damit auch heute noch sehr gut. Mein Vertrag wäre ja eigentlich noch bis Mitte 2021 gelaufen, aber unsere Meinungen in der Ausrichtung des Klubs waren einfach unterschiedlich. Wenn man überlegt, was ich mir in den drei Jahren nach der Zeit beim HSC Coburg selbstständig aufgebaut habe, dann fühlt es sich in Sachen Zukunft einfach richtig gut an.

Und das trotz Corona?

Thema Corona - hier musste ich in der Gastronomie sehr kämpfen, genau wie Jan Gorr das als neuer Geschäftsführer des HSC auch tut. Aber aufgrund der Förderungen für Vereine, Profiklubs und Kurzarbeiterregelungen sowie solidarischer Gemeinschaft in einer Stadt mit allen Partnern war es im Rahmen des Handballvereins sicherlich etwas leichter als für einen neu-selbstständigen Existenzgründer, durch diese schwierigen Zeiten zu kommen. Also unter dem Aspekt Sicherheit für einen selbst habe ich vielleicht zu früh gewechselt. Doch Spaß beiseite, von nichts kommt nichts. Meine Einstellung kennen viele Coburger und wenn ich in den ersten drei Jahren der Selbstständigkeit gleich zwei "Corona-Hürdenjahre" übersprungen habe, bestärkt mich das weiterzumachen und selbstständig erfolgreicher zu werden.

Was sagen Sie zur Entwicklung bei den Coburger Handballern? Wirtschaftlich läuft es trotz dieser ungewissen Zeiten ja gar nicht so schlecht, immerhin wurden 100 000 Euro Verbindlichkeiten abgebaut. Doch sportlich drückt der Schuh!

Wirtschaftlich war und ist die Corona-Krise mit ihren Förder-, Unterstützungsgeldern, Hilfs-Fonds, Kurzarbeitergeldern und was es da sonst noch alles so gibt, sicherlich nicht die schlechteste Option für den HSC-Geldbeutel. Zudem konnte man während der Lockdowns viele Kosten einsparen und man hatte weiterhin den Großteil der solidarisch aufgestellten Sponsorengemeinschaft hinter sich. Es ist nicht selbstverständlich, dass der Großteil der Gönner die Sponsorengelder weitergezahlt hat. Aber meine Augen lässt das strahlen, denn das ist in so einer Zeit einfach super!

Das Wirtschaftliche war und ist aber auch das einzige Positive, alles andere ist in der Coronazeit, vor allem aus emotionaler Sicht, eine Katastrophe für den Sport. Sportlich haben sich beim HSC alle klar mehr erwartet, aber nach dem Trainerwechsel gilt es nun, sich wieder hochzuarbeiten. Mein Tipp war am Saisonbeginn Platz 4 bis 6. Das ist noch drin.

Haben Sie noch Kontakt zu Jan Gorr, Stefan Apfel oder anderen HSClern?

Ja, natürlich. Stefan, Jan und Jochen (Aufsichtsratsmitglied Jochen Knauer / Anm. d. Red.) waren im Sommer erst an meinem Geburtstag da. Aber auch mit vielen Gesellschaftern und Aufsichtsratsmitgliedern sind Freundschaften entstanden, die man weiterhin pflegt. Genauso ist das mit Fans, Stadträten und vielen anderen Freunden aus Coburg.

Können Sie sich wieder einmal einen Posten bei einem Profiverein vorstellen?

Vorstellen könnte ich mir das klar, es gab auch 2018 und 2019 Angebote für diverse Stellen im Profisport. Aber im Moment fühle ich mich sehr wohl und habe meinen Pachtvertrag verlängert, wir bauen nun ein neues WC-Haus und investieren weiter. Also kurz gesagt: Ja, aber im Moment nicht.

Und wie geht es privat bei Ihnen weiter?

Ich lebe mit meiner Freundin zusammen, sie unterstützt mich. In Sachen Familienplanung wird nichts übers Knie gebrochen. Nur eines ist klar, jünger wird man nicht, daher wird in den nächsten Jahren sicherlich etwas passieren.

Die Fragen stellte Christoph Böger.