Druckartikel: Preisgekrönte Erinnerungen

Preisgekrönte Erinnerungen


Autor: Mike Wuttke

Forchheim, Sonntag, 09. April 2017

Die Schriftstellerin Natascha Wodin, die ihre Kindheit und Jugend in Forchheim verbrachte, hat den Preis der Leipziger Buchmesse 2017 in der Kategorie Belletristik für ihr Buch "Sie kam aus Mariupol" gewonnen.


Auf 368 Seiten erkundet die in Berlin und Mecklenburg-Vorpommern lebende Schriftstellerin Natascha Wodin die Herkunftswelt ihrer Mutter, die während des Zweiten Weltkriegs zusammen mit ihrem Ehemann als Fremdarbeiter aus der ukrainischen Hafenstadt Mariupol nach Deutschland deportiert wurde. Wodins Werk, so die Jury, sei eine "Erinnerungsarbeit als Widerstand gegen das eigene Zerbrechen" und habe damit auch etwas Ermutigendes. 1945 in Fürth geboren, arbeitet Natascha Wodin seit 1981 als freie Schriftstellerin. In ihren Romanen und Gedichten setzt sie sich häufig mit ihrer Vergangenheit auseinander. Im Zentrum stehen dabei ihre Erfahrungen als Fremde zwischen zwei Kulturen. Wir sprachen mit der Autorin.

Wie haben Sie den Hype um die Buchpreisverleihung wahrgenommen?
Natascha Wodin Ich bin das, was man eine öffentlichkeitsscheue Autorin nennt - und war immer zufrieden mit meinem Randplatz im Literaturbetrieb. Aber bei diesem Buch ist alles anders. Mein Wunsch, dass das Buch unter die Leser kommt, hat mir die Scheu genommen. Ich wünsche mir, dass möglichst viele vom Ausmaß der Zwangsarbeit im Dritten Reich erfahren, vom Schicksal der Millionen verschleppten und gnadenlos ausgebeuteten Menschen, von der Vernichtung durch Arbeit, von der bis heute kaum die Rede ist.
Allein aus Mariupol, wo meine Mutter herkam, wurden 60 000 Menschen deportiert, zehn Prozent von ihnen haben die Zwangsarbeit nicht überlebt. Die nach dem Krieg repatriierten Sowjetbürger galten in ihrer Heimat als Kollaborateure und wurden nie wieder in die Gesellschaft aufgenommen.
Entweder landeten sie nahtlos im Gulag oder fristeten ein elendes Dasein bis an ihr Lebensende. Entschädigungszahlungen haben die wenigsten von ihnen erhalten. Der Flickkonzern, bei dem meine Eltern beschäftigt waren, hat seinen ehemaligen Arbeitssklaven nie auch nur eine Mark bezahlt.

Welche Rangstellung nimmt der Preis aus Leipzig unter den doch zahlreichen Auszeichnungen bisher bei Ihnen persönlich ein?
Die Preise, die ich bisher bekommen habe, waren eher stille Preise, die nur im Feuilleton wahrgenommen wurden. Der Preis der Leipziger Buchmesse hat eine starke Öffentlichkeitswirkung, also genau das, was ich mir für "Sie kam aus Mariupol" wünsche.

Hat das Eintauchen, das Verflechten in die so dramatische und tragische Vergangenheit Ihrer Mutter und Ihrer Familie etwas in der Sicht auf Ihr Leben verändert?
Es hat mir die Fallhöhe meiner Mutter gezeigt. Ich hatte sie für eine Frau aus dem ganz einfachen, bäuerlichen ukrainischen Volk gehalten. Während meiner Recherche erfuhr ich, dass sie väterlicherseits aus dem Adel stammte, mütterlicherseits aus einer Familie reicher italienischer Kaufleute, die mit dem Export von Kohle aus dem Donbass ein Vermögen gemacht hatten.
Das kriege ich bis jetzt nicht mit der Frau zusammen, die ich gekannt habe, eine völlig verängstigte, armselige Gestalt, nach der man auf der Straße mit Steinen geworfen hat.
Irgendwie habe ich jetzt zwei Mütter und zwei Herkünfte. Einmal die aus dem Kriegsabfall der "Displaced Persons" und einmal aus einem multikulturellen Familienverband aus Aristokraten, Kapitalisten, Künstlern und Wissenschaftlern. Das hat mir wieder einmal gezeigt, dass das Leben voller Überraschungen ist, viel einfallsreicher als wir selbst. Man sollte nie verzagen, schon morgen kann alles anders sein.

Woher kommen wir, wohin gehen wir ist eine zentrale Wesensbestimmung für jeden von uns. Es ist auch ein Lernprozess. Welchen Rat können Sie aus Ihrer Lebenserfahrung geben?
Ich habe die längste Zeit meines Lebens mit allen möglichen Dämonen gekämpft. Jetzt, mit zunehmendem Alter, fange ich an, mich damit abzufinden, dass wir nicht wissen, wo wir herkommen und wo wir hingehen. Wir wissen nicht, was wir sind und warum wir sind. Wir wissen nur, dass wir sind. Und dass wir sterben müssen. Das ist eine immense Zumutung und gleichzeitig die Schönheit unseres Lebens - dass es zu Ende geht und ein Geheimnis bleibt.

Der Krieg und ideologische Radikalisierung machen das Individuum Mensch zu Unrat und Kehricht, so haben Sie es im Buch drastisch beschrieben. Heute islamistischer Terror, Syrien, Flucht in den Tod im Mittelmeer, nicht willkommene Flüchtlinge: Sind wir unfähig aus diesem unheilvollen Zyklus der Gewalt zu lernen?
Mein Empfinden ist, dass die Menschheit sich nicht weiterentwickelt, sondern immerzu im Kreis dreht.
Ich kann nicht sehen, dass sich an dem Ausmaß an Gräueln und Gewalttaten, von denen man schon im Alten Testament lesen kann, viel verändert hat. Alles wiederholt sich, Entwicklungen und Rückschläge, immer wieder, ewiger Kreislauf. Aber vielleicht täusche ich mich, vielleicht gibt es pro Jahrhundert doch ein kleines Schrittchen nach vorn.

Sie haben in Forchheim Ihre nicht einfache Kindheit und Jugend verbracht und beschreiben das in Ihren Büchern 'Die gläserne Stadt' und 'Einmal lebt ich'. Konnten Sie mit der 'Stadt ohne Mitleid', so der Titel eines hier 1961 gedrehten Filmes, Ihren Frieden schließen?
Mir ist bewusst, dass wir nach dem Krieg an jedem Ort in Deutschland dasselbe erlebt hätten. Aber es ist nun einmal in Forchheim gewesen. Und das kann man nicht vergessen, die traumatischen Prägungen bleiben, man hat ein Leben lang mit ihnen zu tun.
Ich sehe das aber nicht nur negativ, es ist auch eine große Herausforderung. Ich weiß nicht, ob ich zu schreiben angefangen hätte, wenn ich eine heile Kindheit gehabt hätte. Außerdem gibt es sehr viel schlimmere Erfahrungen als die meinen. Menschen werden gefoltert, vom Krieg gejagt, von Hungersnöten, viele ertrinken auf ihrer Flucht im Meer, wie Sie schon sagten. Die neuen Boatpeople, die wir schon infolge des Vietnamkrieges hatten. Dagegen war meine Kindheit in Forchheim geradezu idyllisch.

Woran arbeiten Sie derzeit, wann wird das nächste Buch erscheinen?
Es ist das erste Mal, dass ich nach Abschluss eines Buchs nicht sofort mit dem nächsten angefangen habe.
Ich brauche jetzt Zeit, um mich neu zu orientieren, mit der Erfolgssituation umzugehen, die ich so zum ersten Mal erlebe. Ich muss jetzt eine Menge Öffentlichkeitstermine absolvieren, das ist das andere Ende des Schreibens. Vielleicht kommt, sobald ich wieder in der Spur bin und Raum dafür habe, ein Erzählungsband.

Das Interview führte
FT-Mitarbeiter Mike Wuttke