Matthias Einwag Das heutige Oberfranken ist mehr als die Summe all der weltlichen und geistlichen Herrschaftsgebiete, aus denen es zusammenwuchs. Einen Bogen durch die Jahrtausende jenes Landes, das heute Oberfranken heißt, schlägt Bezirksheimatpfleger Günter Dippold in seinem eben erschienenen Buch: "Kleine Geschichte Oberfrankens" nannte er es.

Die oberfränkische Geschichte geht streng genommen nur bis ins Jahr 1837 zurück. Damals ordnete König Ludwig I. an, die acht Kreise (die heutigen Bezirke) des Königreichs Bayern anders zuzuschneiden und neu zu benennen. Bis dahin waren Flüsse ihre Namensgeber.

Die Geschichte Oberfrankens muss aber weiter gefasst werden. Sie geht zurück bis in die Steinzeit, als die ersten Menschen am Obermain sesshaft wurden. Viele Bodenfunde zeugen von diesen ersten Besiedelungsphasen. Der Staffelberg mit seinem keltischen Oppidum ist ebenfalls ein wichtiger Ort in Oberfranken - und nicht vergessen werden darf die Epoche, in der die Andechs-Meranier die Geschichte Europas mitbestimmten.

Günter Dippold beschreibt in knappen, klaren Sätzen das Leben am Obermain in den zurückliegenden Jahrhunderten. Kompliziere Vorgänge, dynastische Verwicklungen und verworrene Zeitläufte ordnet er zu einem Abriss der wichtigsten Geschehnisse. Was das Lesen zudem erleichtert, ist die zeitliche und thematische Gliederung in übersichtliche Kapitel: "Von den ersten Siedlern bis ins Hochmittelalter" oder "Das Coburger Land", "Die Verfolgung vermeintlicher Hexen" oder "Der Obermainkreis und Oberfranken im Königreich Bayern".

Aber warum hat Günter Dippold so ein allgemein verständliches Buch geschrieben, das ja als Surrogat seiner jahrzehntelangen Arbeit gelten kann? Seine Antwort: "Ursächlich war eine Anfrage des Pustet-Verlags, der nach Kleinen Geschichten der südlichen Regierungsbezirke auch entsprechende Bücher für die drei fränkischen Regierungsbezirke haben wollte. Herr Pustet ist auf mich zugekommen. Das Verlagshaus Pustet ist ein renommiertes Haus - da sagt man nicht Nein, wenn die Aufgabe zu bewältigen ist."

Um das Buch vorzubereiten seien viele Abende und Wochenenden draufgegangen, "aber das war's mir wert", fährt er fort, "außerdem lernt man als Autor bei einem solchen Buch immer am meisten."

Keine ausdrückliche Zielgruppe

Im Grunde, sagt Günter Dippold, gebe es keine ausdrückliche Zielgruppe. Eigentlich sei es für alle bestimmt, die sich einen Überblick der regionalen Geschichte verschaffen wollen. "Idealerweise soll das Buch den Geschichtsinteressierten ohne einschlägige Vorbildung genauso etwas bringen wie Fachkollegen."

Wir fragen Günter Dippold: "War es erforderlich, die Geschichte Oberfrankens neu zusammenzufassen?" Eine Gesamtschau der oberfränkischen Geschichte, antwortet er, gebe es in Form eines fünfbändigen Werks, das die Oberfrankenstiftung zwischen 1973 und 1990 herausgegeben hat. Aber wahrscheinlich hätten nur wenige Menschen diese vielen hundert Seiten von Anfang bis Ende gelesen. Zudem gebe es kurze Zusammenfassungen, wie sie etwa Richard Winkler, heute stellvertretender Chef des Bayerischen Wirtschaftsarchivs, 1996 für die Bayerische Hypotheken- und Wechselbank geschrieben hat. "Aber eine Übersicht in der Länge der Kleinen Geschichte gab es bisher wohl nicht."

Natürlich seien ins Buch viele eigene Forschungen eingeflossen, sagt Günter Dippold, aber auch Ergebnisse anderer. Darunter seien durchaus neue Befunde oder bisher wenig beackerte Themen: "Ich denke beispielsweise an die politische Geschichte im 19. Jahrhundert, die bisher ein bisschen zu kurz gekommen ist."

Ein bunter Fleckerlteppich

In seinem Resümee über den Regierungsbezirk, der "keine natürlichen und wenige historische Gemeinsamkeiten hat", schreibt der 59-jährige Lichtenfelser: "Eine Geschichtssicht, die Zentralismus und nationale Größe glorifizierte, hat derartige Zersplitterung negativ gezeichnet. Mittlerweile wird freilich erkannt, welch große kulturelle Wirkkraft die einstige Kleinteiligkeit besaß."

Günter Dippolds Fazit lautet: "Der Reiz der Region Oberfranken liegt gerade nicht in ihrer Gleichförmigkeit, sondern in ihrer Vielfalt."