Coburg — 13 Siege aus 20 Spielen, Tabellenplatz 3 in der Bezirksoberliga Oberfranken. Mit einem 27:20-Heimsieg über den TV Weidhausen beendet die SG Marktleuthen/Niederlamitz (Landkreis Wunsiedel)) eine starke Saison. Der Erfolg wird gebührend gefeiert. "Aber eigentlich gab es damals nach jedem Spiel eine kleine Feier", sagt Jakob Kassing und lacht. Der Saisonabschluss ist auch seine Abschiedsfeier. Kassing verlässt seinen Heimatverein, um sich der zweiten Mannschaft des HSC 2000 Coburg in der Bayernliga anzuschließen. Was an diesem Märzabend 2019 keiner ahnt: Nur zwei Jahre später wird Kassing in der Bundesliga spielen.

"Für mich ist das alles nach wie vor surreal und verrückt", beschreibt der 24-Jährige seinen ungewöhnlichen Karrieresprung aus der sechstklassigen Bezirksoberliga in die stärkste Liga der Welt. Im Heimspiel gegen den THW Kiel (32:37) Mitte März steht der Rückraumrechte erstmals im Bundesliga-Kader. Als das Spiel zugunsten des Rekordmeisters entschieden ist, schenkt ihm HSC-Trainer Alois Mraz in der letzten Spielminute sein Debüt im Handball-Oberhaus. "Wir haben Unterstützung gebraucht, als wir im rechten Rückraum Engpässe hatten. Jakob hat sich in jedem Training zu 100 Prozent engagiert und seine Aufgaben erledigt. Er hat sich diesen Einsatz verdient", sagt Mraz. Auch beim Auswärtsspiel beim TSV GWD Minden (21:30) und beim Heimspiel gegen die HSG Wetzlar (30:30) steht der Linkshänder im Kader. Zum Einsatz kommt Kassing nicht. Schlimm ist das aber nicht. "Es hat mich einfach gefreut, dabei zu sein. Es ist ja schon ein Erlebnis, bei einer Auswärtsfahrt mitzufahren und den ganzen Ablauf einer Bundesliga-Mannschaft mitzumachen."

Verletzungspech ist Kassings Glück

Kassings steiler Karrieresprung nimmt im vergangenen November seinen Anfang. Während seine etatmäßige Mannschaft, die HSC-Reserve in der Bayernliga, wegen des Lockdowns in der Corona-Pandemie nicht mehr trainieren und spielen darf, wird der Fachabiturient in den Erstligakader hochgezogen. "Mein Trainer Ronny Göhl hatte mich schon vorbereitet, dass sich Alois bei mir melden wird", sagt Kassing. Mraz' Anliegen: Kassing solle beim Training aushelfen. Schließlich fehlen zu diesem Zeitpunkt mit Jakob Knauer und Pontus Zetterman verletzungsbedingt beide Halbrechten.

Während sich Kassing bei seinem Wechsel zur HSC-Reserve vor allem auf das für ihn ungewohnte Harz einstellen musste, wird er nun noch einmal ganz anders gefordert. "Das Tempo ist höher, die Körperlichkeit eine ganz andere und die Pass-Qualität extrem hoch", zeigt Kassing die Unterschiede zur Bayernliga-Truppe auf. Dass er von dort Fabian Apfel, Felix Dettenthaler und Dino Mustafic kennt, erleichtert den Einstieg bei den Profis. Ein Einsatz ist zu diesem Zeitpunkt aber kein Thema.

"Das war auch nie mein Ziel, als ich nach Coburg gewechselt bin. Ich wollte mich in der Bayernliga beweisen. Aber natürlich liebäugelt man damit, vielleicht mal mittrainieren zu dürfen." Auch im neuen Jahr trainiert Kassing bei den Profis mit. Nach einem Corona-Fall im privaten Umfeld muss Kassing in Quarantäne. Als er wieder angreifen darf, muss der HSC nach positiven Corona-Fällen in der Mannschaft in Quarantäne. Der 24-Jährige "war dann erst einmal raus". Doch das ist Kassing nicht lange. Wieder wird seine Unterstützung gebraucht - und in der Woche vor dem Heimspiel gegen Kiel rückt ein Einsatz näher. "Alois kam zu mir und hat mir gesagt, dass er mich eventuell mitnehmen möchte. Ich war die ganze Woche sehr nervös."

Stars hautnah statt im Fernsehen

Dass er gegen den Rekordmeister schließlich ins Aufgebot rückt, sei ein "Handballer-Traum, denn man kennt die ganzen Stars ja nur aus dem Fernsehen". Bisheriges Highlight sei der Punktgewinn gegen Wetzlar gewesen. "Den Sechs-Tore-Rückstand aufzuholen und diese Emotionen nach dem Spiel mitzuerleben, werde ich so schnell nicht vergessen", blickt Kassing auf den Krimi gegen die Mittelhessen zurück. Ob der Linkshänder auch beim wichtigen Auswärtsspiel am Samstag (20.30 Uhr) bei den Eulen Ludwigshafen im Kader steht, ist noch nicht geklärt. "Ich würde mich natürlich freuen. Es hängt aber auch damit zusammen, welche Spieler wieder zur Verfügung stehen." Entspannen sich die Personalsorgen auf der rechten Seite, sinken Kassings Chancen auf weitere Nominierungen.

Seinen früheren Mannschaftskollegen der SG Marktleuthen/Niederlamitz dürfte das egal sein. "Ich habe viele Nachrichten bekommen und der Kontakt ist nie abgerissen. Sie sind extrem stolz." Stolz auf den ungewöhnlichen Karrieresprung ihres ehemaligen Mitspielers Jakob Kassing.