Noch weiter Weg zu Tante Emma
Autor: Baier Media
Pettstadt, Freitag, 18. Oktober 2019
Bei einer Informationsveranstaltung loteten die Pettstadter Möglichkeiten eines Dorfladens aus.
"Tante Emma is back" war an die Wand gebeamt, als sich rund 100 Pettstadter zu einer Informationsveranstaltung in der Schulturnhalle trafen. Tatsächlich ist es aber noch ein weiter Weg, bis Pettstadt wieder einen Nachbarschaftsladen sein Eigen nennen kann. Es scheint freilich auch nicht unmöglich, wenn man den Worten des seit 30 Jahren in der Branche tätigen Unternehmensberaters Wolfgang Gröll aus Berg Glauben schenkt. Gröll, der an die 800 vergleichbare Projekte begleitet hat, machte Pettstadt Mut und skizzierte den Weg zu dem Ziel eines genossenschaftlich betriebenen Dorfladens. Es gebe viel kleinere Dörfer als die 2000-Seelen-Gemeinde Pettstadt, wo solche Einrichtungen profitabel seien, informierte der Fachmann. Er verschwieg aber auch nicht, dass da und dort die Rechnung nicht aufgeht und das mühsam aufgepäppelte Geschäft wieder geschlossen werden muss. In solchen Fällen verlören die stillen Teilhaber ihre Einlagen, in der Regel um 300 Euro pro Anteil.
Seit vor rund fünf Jahren der "Nahkauf" der Familie Reinwald am Pettstadter Kirchplatz geschlossen worden ist, kaufen die Dorfbewohner hauptsächlich in Frensdorf, Hirschaid oder Bamberg ein. Ganz auf dem Trockenen sitzen die Pettstadter allerdings nicht: Die Pizzeria verkauft auch Brot, Backwaren und Wurst, sogar Fleisch auf Bestellung. Die Rosengärtnerei Reichert hat ihr Obst- und Gemüseangebot erweitert und der Hofladen Eichenhof im nahen Ortsteil übt mit seinem Café und Spezialitäten aus der heimischen Nahrungsmittelproduktion sogar weithin Anziehungskraft aus. Und dann haben da auch noch ein paar fliegende Händler die Marktlücke entdeckt, von Getränkelieferanten ganz zu schweigen.
Kaufkraft am Ort halten
Vorhandene Strukturen sollen nicht beschädigt werden, versuchte Gröll seine Zuhörer zu beruhigen. Vielmehr müsse ein Miteinander der örtlichen Anbieter angestrebt werden, um Kaufkraft am Ort zu halten. Dass es nicht leicht ist, wenige Kilometer von den nächsten Supermärkten und Discountern entfernt einen Dorfladen über die Runden zu bringen, ist jedem klar. Schließlich seien die Deutschen "Europameister beim Billigeinkauf", so der Experte. Den Unterschied machten regional erzeugte, qualitativ hochwertige Waren, Frische, die Geschmacksvielfalt, bedarfsgerechte Angebote, ein kleines Café dazu und ganz besonders ein kundenorientiertes Verkaufspersonal. Es gehe nicht nur um die "hiv-Produkte ("hab' ich vergessen ...") Aber auch ein Dorfladen benötige einen Partner für den Grundbedarf an Handelsware. Darüber hinaus seien Individualität und Service gefragt. Das Internet brauche man nicht zu fürchten, sagte Gröll, denn die Marktforschung habe ergeben, dass durchschnittlich nur 2,5 Prozent der Deutschen bereit seien, Lebensmittel online zu ordern. Aber selbst da könne ein Dorfladen mithalten und als E-Mail übermittelten Einkaufszettel per Hauslieferung erledigen. Bei hoher Motivation und Engagement erzielten gut aufgestellte Dorfladen höhere Gewinne als mancher Discounter, vor allem, wenn es das "Lebensmittel Menschlichkeit" gratis dazugibt, versicherte der Berater.
Große Resonanz
Bürgermeister Jochen Hack (FWG) freute sich über die große Resonanz auf die Einladung zu dem Informationsabend. Er ließ anklingen, dass für einen Dorfladen in Pettstadt mehrere Räumlichkeiten denkbar wären. Unter den Besuchern wurde sogleich die Bereitschaft zur Zeichnung von Anteilen oder ehrenamtlicher Mitwirkung am weiteren Entstehungsprozess geprüft. Die Gründung einer Unternehmergesellschaft und Bildung eines Beirats kann sich Hack im Frühjahr 2020 vorstellen. Bei genügend Interesse könnte in der zweiten Jahreshälfte das Geschäft aufgenommen werden, stellte der Bürgermeister in Aussicht.
Die finanziellen Grundlagen können neben den Einlagen der stillen Teilhaber (Genossen) staatliche Zuschüsse sowie ein zinsgünstiger Kredit sein. Nun liegt es an den Pettstadtern: Auferweckung von Tante Emma oder Schwamm drüber?