Schicke Golfer ziehen ihre Taschen über den frisch und fein geschotterten Vorplatz, Blick gerade aus in Richtung Grün. Löcher und Bälle locken, doch ab und an bleibt einer stehen und wundert sich. Warum stehen so viele Menschen vor diesem unscheinbaren, in die Jahrhunderte gekommenen Gemäuer im Rindhof und bewundern es? Weil es der heimliche Star einer Ausstellung ist, die dort noch bis zum 25. Oktober 2020 zu sehen ist. Allein die Kunstwerke sind natürlich einen Besuch wert - doch es sei geraten, dass sich die Besucher in den Ecken des "Haus Nivard" umsehen.

Dorado für Kunstliebhaber

Der Rindhof ist schon länger nicht mehr nur Golfplatzrestaurant und Grün. Seit Besitzer Rudi Weigand Geschmack an der Kunst gefunden hat, dürfte Kunstliebhabern die Kinnlade runterfallen, wenn sie am Eingang des riesigen Gehöfts in den imposanten Stahlkonstruktionen einen echten Venet entdecken - und gleich dahinter echte Grimms oder eine echte Bronzeskulptur von Beate Debus. Und der kürzliche Besuch von Maler Markus Lüpertz lässt auf mehr weltbekannte Kunst in der Vorrhön hoffen.

Schuld daran ist auch Thomas Pfarr. Zusammen mit Ursula Glückert betreibt er "Uhren und Schmuck Dieterich" in Münnerstadt, hier hat er auch seine Galerie Pfarr im Heimatspielhaus. Thomas Pfarr brachte in der Vergangenheit immer wieder Künstler in die Rhön. Jetzt ist er Kurator der neuen Ausstellung im Rindhof. Als Ambiente hat er das Haus Nivard entdeckt - es ist der heimliche Star für vier Wochen.

Das Haus wurde 1790 von Abt Nivard Schlembach errichtet. Der Abt, geboren in der Nähe von Bad Königshofen, hatte da schon bewegte 56 Jahre hinter sich, als das Haus 1803 sein Ruhesitz wurde. Verdient hatte er sich die Rente. Das Kloster Maria Bildhausen fand er hochverschuldet vor, der Besen, mit dem er kehrte, war hart: Laut Wikipedia reduzierte er die Zahl der Mönche,veranlasste den Gemüsebau, ließ Obst und Hopfen pflanzen. Nach der Säkularisation war das Kloster schuldenfrei, Nivard konnte sich zur Ruhe setzen und sich seiner imposanten Münzsammlung widmen. Nivard starb am 5. Mai 1812 auf dem Rindhof.

1960 wurde das Haus renoviert, mittlerweile wurde es als Großküche für die am Rindhof lebenden Heimbewohner des Dominikus Ringeisen-Werks genutzt, die Ordensschwestern lebten hier, bis 1993 die Heimbewohner des Rindhofs zurück ins Kloster zogen.

Die Räume spielen mit

Als Rudi Weigand den Rindhof kaufte, nahm er sich vor, die verwaisten Gebäude zu beleben - und seit vergangenem Wochenende lebt Haus Nivard wieder. Vom Keller bis ins Dach bespielt die Ausstellung "Nivard 1" jeden Raum. Und die Räume spielen mit. Wenn im Keller Kurt Grimm seine reduzierten, dynamischen und dennoch eleganten Stahlkonstruktionen zum Schwingen bringt, dann fügen sich im industriekulturellen Sinne die offenen Rohre des Heizungssystems ebenso ins Bild wie der Grünspanton der Wand. Die Plastiken von Willi Grimm, Kurts Vater, beeindrucken nicht nur als Großskulpturen draußen, sondern auch als kleine Plastiken, die ein metallenes Gegengewicht zu Margit Aumüllers pastosen Spachtelbildern abgeben. Drei Räume füllen die beiden Künstler so - und das Auge bleibt nicht nur auf den Kunstwerken, es schweift über den unglücklich gewählten, aber damals so praktischen PVC-Boden hin zur reich verzierten Originalflügeltür von 1800 und bleibt am uralten Heiligenbildchen hängen, das einst wohl eine Ordensschwester aufgehängt hat.

Beate Debus braucht Platz - den findet sie in der Küche. Ihre homogenen, aus einem Stück per Elektrosäge ausgeschnittenen und trotzdem sanften Holzskulpturen passen hier gut hinein. Sie vermitteln den Eindruck von Paaren, von Partnerschaft, von Wärme und Innigkeit - ein Gefühl, das sich gut mit Küchen verbindet. Und wer genau hinsieht, entdeckt im Regal weitere Kunst.

Augen auf auch im Treppenhaus. Es ist nicht groß, aber es leuchtet in der Sonne so hell wie ein Regenbogen und einen solchen soll es auch darstellen: ein Kunstwerk des Hammelburgers Herbert Hamak. Ein Geheimrezept aus Kunstharz, Wachs, Bindemittel und Farbpigmenten hat seinen Werken großen Ruhm eingebracht, sie stehen beispielsweise auch im Guggenheim-Museum in Venedig.

Unterm Dach wird's leichter, filigraner, holziger, passend zu den Flechtwerken von Walter Graf. Er entspinnt mit Weidenzweigen die Vorstellung von Insekten, Kokons, aber auch die von Silhouetten zerbrechlicher Menschen.

So detailreich die Werke der sechs unterschiedlichen Künstler sind, so detailreich ist auch das Haus - und es könnte als größtes Kunstwerk der Ausstellung durchgehen. Der Lastenaufzug aus längst vergangener Zeit, das vergessene Plastikblumengesteck am Kruzifix in der Küche, der absichtlich nicht reparierte und fast völlig zerstörte Holzboden nach einem Wasserschaden - hier können Besucher der Zeit beim Stehenbleiben zusehen und sind doch durch die moderne Kunst im Hier und Jetzt.

Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag 14 bis 17 Uhr, noch bis 25. Oktober