Der neue Turm am Klinikum als Trutzburg. Ärzte und Pflegepersonal kämpfen gegen eine bislang nicht gekannte Herausforderung. Ausgelöst von einem Virus mit der unscheinbaren Bezeichnung Covid-19, das seit Monaten das Leben rund um den Globus lähmt und lieb gewonnene Annehmlichkeiten unmöglich macht? Bleiben trotz des Kampfes gegen eine Pandemie noch Kapazitäten für andere Notfälle? So erlebte ich das selbst am zweiten Adventswochenende.

Freitag, später Nachmittag, der zweite Advent steht vor der Tür. Mir zieht's die Füße weg, weiche Knie, Schwindel. Ziehen im Brustraum. Mitten im Umzugstrubel. Weil sich dies in Hallstadt abspielt, winkt die Ehefrau auf der Rückfahrt ins heimische Ebern und das dortige Krankenhaus ab und biegt auf Höhe Kemmern auf die Autobahn ab. "Im Klinikum bist du besser aufgehoben!"

Also ab in die hochtechnisierte Medizinburg am Bruderwald. Mund-Nasen-Schutz hochgezogen, ganz unten angefangen, in der Bereitschaftspraxis. Der Weg zur Anmeldung ist frei, keine Wartezeit. Von Hektik keine Spur. Die diensthabende Ärztin plauscht freundlich mit der Anmeldedame, die sich die Krankenkassen-Karte geben lässt und sich nur kurz wundert, dass da einer ohne Einlass-Erklärung auftaucht, weil er den Haupteingang gar nicht benutzt hatte, sondern wie in Vor-Corona-Zeit schnurstracks durchs Souterrain marschierte.

"Wo zwickt's?" Kurze Schilderung der Probleme. Die Ärztin lauscht gleich mit und weiter geht es in die Praxis. Die freundliche Medizinerin zieht erst das Stethoskop und dann eine ernste Miene, bittet zum EKG. Dessen Ausschläge gefallen ihr nicht. "Ich überweise Sie in die Notaufnahme." Und sie begleitet mich auch dorthin. Es sind nur ein paar Meter, aber Schritte in eine andere Welt. - Wieder keinerlei Wartezeit. Die Empfangsdame, vermummt wie alle anderen auch, händigt sofort eine hauseigene Mund-Nasen-Maske aus. Gleich drei Ärzte lauschen nun der Schilderung der Symptome und mühen sich sofort. Nochmals EKG, intensiver mit noch mehr Elektroden. Fast beiläufig wird ein Abstrich für einen Covid-Schnelltest genommen. Blut auch, dafür wird eine Infusion gesetzt.

Fachsprache hinter Masken

Die Ausschläge am EKG-Monitor werden nicht besser. Die Pumpe läuft hochtourig. Der Begriff Linksschenkelblock taucht zum ersten Mal in meinem Sprachgebrauch auf, auch wenn ich ihn zunächst nicht verstehe - akustisch nicht, weil die Ärzte hinter ihren Masken schlecht zu verstehen sind - und auch semantisch nicht. Auf jeden Fall wird schnell klar, der Linksschenkelblock macht Schwierigkeiten. Trotz aller Corona-Turbulenzen ringsum: Der Herzpatient muss keine Sekunde warten.

Und auch zu vergleichsweise später Stunde am Freitag steht der Kardiologe bereit. Der Oberarzt bittet sofort zum (Untersuchungs-)Tisch. Viel Zeit bleibt nicht, um sich Gedanken darüber zu machen, dass in Bälde jemand mein Herz von innen besuchen würde.

Per Aufzug und auf der Liege hoch in den fünften Stock, zwei Schwestern warten schon. Nach nur wenigen Minuten beginnen sie konzentriert mit den Vorbereitungen. Viele Gedanken schwirren mir durch den Kopf: Droht eine Herz-OP? Aber auch Begeisterung über die schnelle wie auch unbürokratische Abwicklung, die ich in Corona-Zeiten nicht für möglich gehalten hätte.

Der Oberarzt erklärt nochmals das Prozedere, zeigt das kleine Plastikschläuchen und lässt den Liegenden wie auch die Umstehenden dessen Preis schätzen. Ein Ablenkungsmanöver. Der Eingriff ist nur für einen Moment unangenehm, da die Schleuse gesetzt wird. Ansonsten lässt sich der Eingriff völlig schmerzfrei am Bildschirm verfolgen.

Der Doktor erklärt ruhig und geduldig. In meinem Fall eine frohe Botschaft kurz vor dem Fest: Die Herzkranzgefäße sind in einer "Super-Verfassung", so der Oberarzt wörtlich, wie bei einem jungen Mann und wie man sie nur bei Nichtrauchern findet. Was eher als Beruhigung gemeint ist, macht den Ernst der Lage deutlich: "Ich muss Sie nicht auf die Intensivstation schicken."

Und wieder taucht ein neuer Begriff auf: Tako-Tsubo-Kardiomyopathie. Der Kardiologe übersetzt zur besseren Verständlichkeit ins Englische: Broken-heart-Syndrom, das man meist bei älteren Frauen vorfindet, wenn ihr Partner verstorben ist. Die Herzschwäche rührte von Stresshormonen her, die Pumpe sandte Alarmsignale aus, wollte einen Gang zurückzuschalten.

Freie Zimmer bereitstellen

Das gelang bei intensiver Beobachtung und Betreuung an den fünf Tagen auf Station und an den Strippen der Telemetrie im neuen Bettenturm, wo ich nach nur drei Stunden (!) ab der Einlieferung, Untersuchung und Diagnose im achten Stockwerk gelandet war. Zunächst in einem Einzelzimmer, in Isolation, was nur von kurzer Dauer war. Kaum, dass ich mich mit den kahlen Wänden angefreundet hatte, kam die Stationsschwester und kündigte eine Verlegung an. "Ihr Covid-Schnelltest war negativ, also kommen Sie mit jemand zusammen, denn wir brauchen immer freie Zimmer zur isolierten Erstaufnahme."

Also strahlt Corona doch bis in jedes Zimmer aus, auch wenn noch immer Routinebetrieb vorherrscht und Krisen-Szenarien für Patienten kaum erkennbar sind. Die Ausnahme: Frühzeitig muss man sich schriftlich auf zwei Bezugspersonen festlegen, von denen höchstens eine am Tag als Besucher kommen darf (Anmerkung der Redaktion: Mittlerweile sind Besuche nicht mehr möglich).

Distanz wahren

Von Hektik ist auf Station nichts zu spüren. Die Schwestern beklagten zwar über die Arbeitsbelastung, aber mit keinem Wort über die Maskenpflicht und sonstige Hygienevorgaben. Bei aller Fürsorge wahren sie Distanz - wenn möglich. Und selbst für so manchen Spaß bleibt Zeit und Lust. Sogar beim irritierenden Anblick über die Helferin in Vollschutz-Montur, die sie für einen neuerlichen Covid-Abstrich überziehen muss und sie aussehen lässt wie Ersthelfer in Tschnernobyl. Eine der vielen Vorgaben in einer Katastrophenzeit, die mit Logik nicht immer zu beschreiben sind. Denn: Beim Blutabnehmen tut's die normale Mund-Nasen-Maske.

Auch die Ärzte wahren bei der täglichen Visite Distanz, so dass es nicht nur Probleme mit lateinischen Fachausdrücken, sondern auch mit der Akustik gibt. Manchmal richtet es dann der sympathische Wechsel in die fränkische Mundart.

Bei so viel Begeisterung über die Aufnahme und medizinische Betreuung in einer turbulenten Zeit taucht nur ein fader Beigeschmack auf: Bei den warmen Speisen bleibt noch viel Luft nach oben ...