WOLFGANG SCHOBERTH "Ich halte den Görauer Anger für den schönsten Aussichtspunkt im ganzen Jura. Es ist eine Schau ins Paradies", schreibt Emil Rädlein, einer der berühmtesten fränkischen Wanderer des 19. Jahrhunderts, in sein Tagebuch. Auch Max Wild (2011-2000) hat an dem riffigen Steilabfall mit Panoramablick über das Maintal bis zum Frankenwald und dem Fichtelgebirge wiederholt seine Staffelei aufgeschlagen.

In seinem Ölbild von 1977 hält er eine spätherbstliche Stimmung fest. Im milden Abendschein schlängelt sich der Fußweg durch das maisgelb versteppte Gras des Hochplateaus. Dahinter leuchten die Dächer von Zultenberg. Von ihrem Rot zieht sich über die weißglänzenden Felsen eine Diagonale zu der feurigen Rotbuche links. Hinter der Abbruchkante tut sich ein Abgrund auf. Die warmen Farbtöne oben gefrieren zu einer Schattenlandschaft mit eisigem Blau und bedrohlichem Schwarz-Grün.

Der Künstler hat das Bild mit 66 Jahren gemalt, der Sommer seines Lebens liegt hinter ihm. Der Görauer Anger ist nicht nur der Blick in die Weite, sondern eine Innenschau. Die Juralandschaft ist für Max Wild eine Allegorie des Lebens: der nochmals leuchtenden Farbigkeit des Herbstes folgt der Winter, der Absturz in den Tod. Für den Künstler selbst war es eines seiner wichtigsten und gelungensten Bilder.

Heute hängt es im Wohnzimmer seines Sohnes Günter Wild und seiner Familie. Bis einschließlich heute noch ist es bei einer Sonderausstellung mit Werken von Max Wild im wiedereröffneten "Ratskeller" zu sehen.