„Wir haben nicht mehr so viele Anfragen auf Sterbebegleitung “, gesteht Monika Porzelt. Sie benutzt dieses Wort einmalig, den Rest des Gesprächs bleibt sie bei dem nun eher gebräuchlichen Begriff: Hospizbegleitung.

Porzelt ist hauptamtliche Teilzeitkraft und koordinierend in dem Verein tätig, in dem Menschen Hospiz- bzw. Trauerbegleitung machen, in dem Vereinsmitglieder Sterbenden Zeit widmen, mit ihnen lachen, mit ihnen nachdenken, ihnen vorlesen, mit ihnen spielen und einen Weg gehen, an dessen Ende eine Gabelung steht. Für den einen und für den anderen auch.

Porzelt sitzt im ersten Stock des Hauses am Pabstenweg, das an das Parkhaus grenzt. Von einem Zimmer aus, das auch eine Art Wohnstube zu beinhalten scheint, lässt sich der Verkehr auf der Franz-Josef-Strauß-Brücke beobachten. In einem Zimmer jenseits des Flures sitzt eine Kollegin an einem Computer. Im Flur selbst steht ein schöner Schrank, weit höher als halbhoch. Er beinhaltet Tassen und Teller und Bestecke. Denn regelmäßig einmal im Monat ist hier Austausch, Beieinandersein, Kaffee – gewesen. Jetzt ist der Raum öfter verwaist, jetzt wirkt er hauptsächlich wie ein Konferenzraum, so funktional und nüchtern und weiß.

Anzahl der Begleiter nicht gesunken

Ein Grund für den Rückgang der Anfragen auf Hospizbegleitung ist anlässlich des Corona-Lockdowns in den Kontaktbeschränkungen zu sehen. „Ich glaube, dass auch Betroffene Angst haben, sich anzustecken“, sagt Porzelt über die Furcht vor dem Risiko, die knapp gewordene Zukunft weiter zu verknappen. Aktuell gebe es 32 Sterbebegleiter . Zehn von ihnen hätten zugesagt, auch unter Corona-Bedingungen weiterzumachen. „Andere haben gesagt, sie wollen sich schützen, da sie selbst Vorerkrankungen und ein Alter haben.“ Doch eines ist durch Corona nicht passiert und wie die Koordinatorin das ausspricht, liegt eine Art von freudigem Trotz in der Stimme: „Dass die Anzahl der Hospizbegleiter wegen Corona weniger geworden ist, das ist nicht passiert.“

Fortbildungen auf online umgestellt

Dafür ist vieles andere eingetreten. Oder genauer gesagt: ausgeblieben. Fortbildungen für die Sterbe- und Trauerbegleiter sind weggefallen und werden jetzt auf Online-Angebote umgestellt. Mit „großen Anstrengungen und Terminverschiebungen“ habe es im Herbst 2020 den letzten Kurs (Vorbereitungskurs zum Hospizbegleiter) gegeben und jetzt „einen neuen anzufangen, daran ist gar nicht zu denken“. Ein Vortrag über „Letzte Hilfe“ konnte auch nicht stattfinden und die ganze Öffentlichkeitsarbeit ist weggefallen. „Und natürlich auch unsere ganzen internen Treffen, die wichtig sind, um uns zu bestärken.“ Aus dem Schrank im Flur, der die Teller, Tassen und das Besteck für das hier einmal pro Monat üblich gewesene gesellige Trauercafé bereithält, wurde dafür seit Februar 2020 nichts mehr entnommen.

Früher, vor Corona , da war es so, dass Hospizbegleiter am Bett des Betreuten saßen. Man hielt sich die Hand, man sprach miteinander, man witzelte auch, man unterhielt sich. Vielleicht spielte man auch Spiele oder hörte zusammen Musik. Oder man ging gemeinsam, so gut es ging, spazieren. Jedenfalls war Kommunikation da, Austausch, man sah einander in die Augen und all das. „Ältere Menschen hören oft schwer und mit Maske muss man noch lauter sprechen“, weist Porzelt auf einen Umstand hin, den sie noch steigern kann, denn zu alledem „kommt bzw. käme noch eine trennende Plexiglasscheibe – wie will man da eine menschliche Beziehung aufrecht erhalten?“, fragt sie in den Raum. Eine Hand halten, eine Berührung geben, einen aufmunternden Blick schenken, ist jetzt bei all den vorgeschrieben einzuhaltenden Abständen auch nicht möglich. Und ist die räumliche Entfernung zwischen Begleitetem und Begleiter zu weit, dann erkennt der eine den anderen womöglich auch gar nicht mehr. Auch Spaziergänge, in denen der Begleiter den Rollstuhl schiebt, sind derzeit nicht möglich. Wegen der Abstandsregel. Corona kratzt an der Würde des Abschiednehmens. Aber es finden sich Mittel und Wege. So ist es auch vermehrt zu Telefongesprächen zwischen Begleitern und den Angehörigen der schwer Erkrankten gekommen. Gespräche, die bestärkend waren. „Wir haben auch Beratungen am Telefon gemacht“, sagt Porzelt und erzählt von einem Anrufer ein, der im letzten Jahr bitter klagte, dass er wegen der Corona-Maßnahmen seine Frau im Krankenhaus nicht sehen konnte, aber die Entscheidung zu treffen hatte, ob sie – weil sie nicht mehr essen wollte – eine Magensonde bekommen sollte. „Wir konnten nur zuhören, wir haben versucht ihm zu raten, ihn zu bestärken weitere Möglichkeiten mit ihm zu finden, sich an den Ethikrat oder den behandelnden Arzt zu wenden.“

Eigeninitiative bei Schutzbekleidung

Wie Porzelt so von den bestärkenden Telefongesprächen erzählt, da weiß sie eine Unterscheidung zu treffen. „Auf jeden Fall, auf jeden Fall“ habe es solche Gespräche gegeben, doch sie konnten häufiger mit Menschen geführt werden, die daheim gepflegt werden, dafür kaum mit Menschen in Pflegeheimen. Um für Hospizbegleitung gerüstet zu sein, bedarf es auch einer Ausstattung. Man denke nur an die Masken, Handschuhe und Schnelltests. Im Lichtenfelser Hospizverein habe man sich alles selber besorgt. Eine bayernweit einheitliche Regelung dazu, ob man derlei Hilfsmittel über die Landratsämter beziehen könne, habe es nicht gegeben. Für die Dauer von fast einem Jahr lag die persönliche Begleitung weitgehend brach. Ständig wechselnde gesetzliche Regelungen kollidierten mit Vorkommnissen zu Corona in Pflegeeinrichtungen und habe zu Unüberschaubarkeiten geführt. Jetzt ist Verbesserung eingetreten, denn mit negativen Schnelltests und mit allen Schutzmaßnahmen ausgestattet kann Nähe und Zuspruch gegeben werden. Im gebotenen Abstand versteht sich.

Impfbereitschaft ist groß

Darüber, wie die Todkranken selbst über den Umstand denken, dass sie über Monate nur sehr eingeschränkt begleitet werden konnten, ist Monika Porzelt derzeit noch kaum etwas bekannt. Aber sie spricht auch von Ausblicken: „Die Impfbereitschaft unserer Begleiter ist groß, denn die wollen auch endlich wieder aktiv werden und Nähe geben. Auch unser Dachverband befasst sich derzeit mit allen Auswirkungen von Corona und versucht, Lösungen zu finden für die bestmöglich anzuwendende Praxis in der Begleitung.“

Was besagter Dachverband erarbeitet, lässt die Koordinatorin allen Hospizbegleitern zukommen. Diese durften, für all ihren ehrenamtlichen Einsatz auch immer ein Auftankwochenende verleben, das alle zwei Jahre in Kirchschletten stattfindet und zwischen ihnen Verbundenheit, Austausch und Bestärkung bewirkt. Doch das hat Corona zwei Jahre in Folge ausfallen lassen. 2020 und 2021 waren und sind seltsame Jahre, doch das Engagement für Schwerstkranke und Sterbende werden sie hier nicht ersterben lassen. Monika Porzelt gibt einen Ausblick in Richtung Digitalisierung. Mittels Videokonferenzen wird man im Verein ab Juni und für die Dauer von Corona miteinander in Kontakt bleiben, Austausch pflegen und zu relevanten Fragen und Probleme Diskussionen führen.