Beinahe unersetzlich sind die 82-jährige Rita Pfadenhauer und ihre Tochter Heike Koch nicht nur für die Aktiven Bürger, sondern auch für die Schüler der Dr.-Roßbach- Grundschule Lichtenfels . Als Erstere nämlich einmal vertreten werden sollte, befand ein Junge: "Nein danke. Ich habe meine eigene Lesepatin."

Rita Pfadenhauer schmunzelt und erinnert sich: "Am Anfang habe ich die Kinder erst einmal gefragt: Wollt ihr mich überhaupt?" Die Lesepatenschaften, die ein Ehrenamt der Aktiven Bürger sind, sind zum Erfolgsrezept geworden: Normalerweise lesen die beiden Frauen einmal in der Woche für eine Stunde mit einzelnen Schülern Texte oder Geschichten aus dem Unterricht. Es sind Mädchen und Jungen, die beim Lesen Probleme haben, auch Kinder mit Migrationshintergrund. Mutter und Tochter müssen dann oft die Bedeutung einzelner Wörter erklären. Seit dem Frühjahr 2020 müssen sie wegen der Corona-Krise pausieren, "dabei haben sich die Kinder am Schluss fast gestritten, wer nun mit uns lesen darf", erzählt Heike Koch. "Mir tut es nun leid für die Kinder." Doch auch die beiden Patinnen haben immaterielle Schätze von den Schülern zurückbekommen: Dankbarkeit, leuchtende Kinderaugen und Freude. Freude, etwa bestimmte Wörter verstanden zu haben und Freude am Lesen selbst. Das sei bei den Erst- und Zweitklässlern nicht anders als bei den Dritt- und Viertklässlern gewesen, die die beide Patinnen bei zufälligen Treffen in der Stadt auch lautstark und mit Begeisterung begrüßen. Diese echte Freude tröstet die beiden dann auch über so manch traurige Beobachtung hinweg, dass längst nicht mehr in allen Familien gemeinsam gelesen oder den Kindern vorgelesen werde.

Alltagsunterbrechungen

Aus dem Vorlesealter ist die fröhliche Frau, die vor wenigen Tagen ihren Geburtstag bei Rita Pfadenhauer feiern konnte, längst heraus: Normalerweise lebt sie im Heilpädagogischen Zentrum der Caritas und wird von ihr ehrenamtlich im Projekt "Alltagsunterbrechungen für Menschen mit Behinderung " betreut. "Sie ist fast wie ein Familienmitglied ." Die vergangenen, wenn auch kurzen Treffen waren wegen der Impfung der 82-Jährigen als auch den regelmäßigen Corona-Tests möglich und gerade in Zeiten der Kontaktbeschränkungen wichtig: "Sie hat sonst nicht so viele Kontakte." Mit Rita Pfadhauer war sie vor der Pandemie öfters in Cafés schlemmen oder spazieren - bis vor kurzem sogar noch mit dem Hund der älteren Dame. Auch Heike Koch betreut eine Frau aus dem Heilpädagogischen Zentrum. Durch die Corona-Krise können die Besuche nicht so regelmäßig stattfinden, wie beide es gerne möchten, doch Heike Koch lässt ihr beispielsweise oft Bastelsachen zukommen. "Das macht sie gerne."

Das gemeinsame Engagement von Mutter und Tochter, die auch nebeneinander im Stadtgebiet Lichtenfels wohnen, ist etwas Wertvolles: Sie können sich absprechen und sich über das Erlebte und ihr Ehrenamt austauschen. Das haben sie sich übrigens gezielt ausgesucht: Durch eine Verwandte, die für die Aktiven Bürger in der Verwaltung arbeitet, habe sie von verschiedenen Projekten in Lichtenfels erfahren. Heike Koch war dann zunächst 2014 in der schulvorbereitenden Einrichtung der Caritas Lichtenfels ehrenamtlich im Einsatz, ehe sie 2017 von den Lesepatenschaften an verschiedenen Schulen der Stadt erfuhr. Das schien ihr auch für ihre Mutter , die ihr selbst oft vorgelesen habe, eine passende Aufgabe zu sein. " Mutter , das machen wir!", habe sie gefordert. Wenig später folgte ihr gemeinsames Ehrenamt am Heilpädagogischen Zentrum nach.

Hauswirtschaftliche Hilfskraft

Während Rita Pfadenhauer fünf Enkel hat, den eigenen Garten versorgt, strickt oder Whatsapp-Nachrichten schreibt, ist Tochter Heike Koch noch berufstätig. Vor einigen Jahren hat sich ihr Arbeitsfeld verändert - mehr hin zum Menschen, könnte man sagen. Als gelernte Industriekauffrau hat sie später den Sprung in eine Tätigkeit in der Sozialstation gewagt. Heute ist sie als hauswirtschaftliche Hilfskraft in einem Lichtenfelser Schülerhort in der Kronacher Straße aktiv.

Wenn nach der Pandemie das Engagement der Lesepaten wieder starten kann, wird es wieder Tage geben, an denen drei Generationen einer Familie unter einem Dach weilen. Denn neben Mutter und Tochter geht auch der Sohn im Gebäude der Dr.- Roßbach-Grundschule seiner Arbeit nach: Er ist pädagogischer Leiter des Hortes und vielleicht treibt ihn - ebenso wie seine Mutter und seine Großmutter - der Leitspruch zu Beruf und Ehrenamt an: "Viele kleine Leute an vielen kleinen Orten, die viele kleine Schritte tun, können das Gesicht der Welt verändern." Das hat der österreichische Schriftsteller Stefan Zweig einst formuliert.