Im Rahmen des Frühjahrsmarktes bot der Markt Euerdorf erstmals eine Dorfführung an. Schon früh war der Markt Euerdorf wirtschaftlich und verwaltungsmäßig bedeutungsvoll für das Saaletal, was Gästeführerin Martina Wilm-Kiesel anhand zahlreicher historischer Stationen im Ort den Gästen näher brachte.

Start war am Museum "Terra Triassica". Die Dauerausstellung des Museums im 1598 als Amtshaus des Würzburger Domkapitels erbauten und als Jagdschloss genutzten ehemaligen alten Forsthaus (ab 1885) von Euerdorf zeigt Versteinerungen, die den Wandel der triassischen Lebenswelt vor 252,5 bis 201,5 Millionen Jahren im Gebiet des heutigen Mainfrankens belegen. Gleich daneben konnte der alte Forsthof und das alte Schütthaus begutachtet werden, in dem große Mengen an Getreide gelagert werden konnten.

"Das Areal um den Landgerichtshof ist durchaus mit einem Behördenzentrum vergleichbar", erklärte die Gästeführerin. Hier war die Gerichtsbarkeit, Polizeistation, Notariat und der Zoll. Die "Fronfeste", das Gefängnis, wurde von der Ortsbevölkerung "Mouschele" genannt und verfügte über vier Gefängniszellen im Erdgeschoss. Darüber lag die Dienstwohnung des Aufsichtsbeamten und dessen Familie, die auch die Häftlinge vorsorgten.

Achtjähriger im Gefängnis

Wohl einer der jüngsten Insassen der Haftanstalt war der achtjährige Pius Göbel aus Sulzthal. Er hatte 1851 in der Nachbarscheune seines Elternhauses Feuer gelegt. Zwei Gebäude waren abgebrannt. Trotz seines Alters wurde er zu zwei Monaten Gefängnis in der Fronfeste verurteilt. Der Bub hatte in den Nächten so herzzerreißend nach seiner Mutter geschrien und geweint, dass Gendarmerie-Brigardier Endres, der darüber wohnte, ihn in das Zimmer zu seinen Kindern holte und ihn dort die acht Wochen lang schlafen ließ.

Mit Anekdoten ließ die Gästeführerin die über 1300 Jahre alte Geschichte Euerdorfs lebendig werden und gestaltete so ihren Vortrag abwechslungsreich, interessant und überaus informativ. Zahlreiche Vergleiche mit der heutigen Zeit und beispielsweise der nahe gelegenen Kurstadt Bad Kissingen zeigten auf, dass die Marktgemeinde historisch eine große Bedeutung hat, die durchaus mit den Nachbarstädten mithalten kann.

Auch Bürgermeisterin Patricia Schießer ergänzte die Führung mit interessanten Details, so dass auch zwischen den Teilnehmern in lockerer Runde Gedanken rund um damalige Zeiten ausgetauscht wurden. Die Ursprünge der Marktgemeinde wurden ebenfalls erläutert und viele weitere Stationen besucht, wie das Dorfbrauhaus. Allerdings soll das Bier, wohl auch aufgrund des kalkhaltigen Wassers in Euerdorf, keinen guten Ruf gehabt haben.

Dafür umso mehr der Wein, der auch in verschiedenen Gasthäusern ausgeschenkt wurde und weshalb die Kurgäste aus Bad Kissingen gerne nach Euerdorf kamen. Außerdem besaß die Marktgemeinde vier Dorfmühlen und drei Torbauten, von denen nur das Torhaus, gleichzeitig eines der Wahrzeichen von Euerdorf, blieb.

Zahlreiche historische Bauten

Gleich daneben prangt der ehemalige Zehntkeller. Willibrords-Kapelle und der ehemalige Fronhof, Ringmauer, ein altes Handwerkerhaus und das ehemalige Gemeindewirtshaus, einstiges Amts- und Rathaus sowie Marktplatz mit Dorfbrunnen und das ehemalige Armenasyl wurden ebenfalls begutachtet. Den Abschluss bildeten der Pulverturm das denkmalgeschützte Pfarrhaus und die Pfarrkirche St. Johannes der Täufer, an deren Stelle die erste Kirche aus Stein um 1050 errichtet wurde.

Euerdorf kann auf eine lange und bedeutungsvolle Geschichte verweisen, wovon zahlreiche historische Bauten auch heute noch gut erhalten und zu begutachten sind. An zahlreichen Stationen ist dies auf Tafeln nachzulesen. "Wir sind überrascht, was es hier Beeindruckendes zu sehen gibt und was sich hier an Geschichte verbirgt", meinte eine Besucherin des Rundgangs. Im Anschluss konnte der Frühjahrsmarkt besucht werden. Im Altort und im Gewerbegebiet "Siebenäcker" herrschte reges Treiben.