Trotzdem dürfen wir beides nicht gleichsetzen. Rauchen ist gesundheitlich deutlich schädlicher. Tabakrauch ist beispielsweise der mit Abstand wichtigste Risikofaktor für Lungenkrebs ; eine vergleichbare Größenordnung des Risikos gibt es beim Sitzen für keine Erkrankung. Außerdem macht Nikotin abhängig, Sitzen nicht. Und während wir beim Passivrauchen auch unsere Mitmenschen gefährden, gefährden wir durch unser Sitzen nur uns selbst.
Was macht das Dauer-Sitzen so schädlich?
Das Problem ist weniger der Stuhl selbst als das, was unser Körper darauf nicht mehr tut. Sobald wir lange sitzen, fährt der Körper gewissermaßen auf Sparflamme. Die großen Muskelgruppen sind kaum aktiv, der Energieverbrauch ist sehr niedrig. Gleichzeitig verändern sich Stoffwechselprozesse: Zucker- und Fettstoffwechsel, Blutfluss und Gefäßfunktion sowie die Appetitregulation werden ungünstig beeinflusst. Auch entzündliche Prozesse spielen eine Rolle.
Könnte man die Warnung, dass Sitzen gesundheitsschädlich ist, auf einen Stuhl kleben?
Das wäre tatsächlich gar nicht so abwegig – wir haben im Buch „Sitzstreik“ scherzhaft sogar eine Art „Packungsbeilage zu Risiken und Nebenwirkungen des Sitzens“ formuliert. Ich würde auf einen Stuhl allerdings nicht schreiben: „Sitzen tötet“. Das wäre wissenschaftlich falsch und unnötig alarmistisch.
Eine sinnvolle Warnung wäre eher: „Langes, ununterbrochenes Sitzen kann Ihrer Gesundheit schaden. Bitte regelmäßig aufstehen.“ Denn genau darum geht es. Wir müssen Stühle nicht abschaffen. Wir sollten nur nicht stundenlang auf ihnen kleben bleiben.
Welche körperlichen Probleme drohen Dauersitzern?
Interessanterweise denken die meisten Menschen zuerst an Rückenschmerzen. Das ist aber nur ein kleiner Ausschnitt. Wissenschaftlich besonders relevant sind die Auswirkungen auf den Stoffwechsel und das Herz-Kreislauf-System. Langes Sitzen ist mit einem höheren Risiko für Typ-2-Diabetes, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Übergewicht und einige Krebserkrankungen verbunden. Hinzu kommen Auswirkungen auf Muskeln, Knochen und körperliche Leistungsfähigkeit sowie Zusammenhänge mit Depression und psychischer Gesundheit.
Das Interessante ist: Man kann schon durch sehr kleine Unterbrechungen etwas bewirken. Studien zeigen, dass bereits wenige Minuten leichte Bewegung während langer Sitzperioden den Zucker- und Insulinstoffwechsel günstig beeinflussen können.
Warum sitzen wir so viel?
Weil unsere gesamte Umwelt uns das Sitzen ausgesprochen leicht macht. Wir stehen morgens vom Bett auf, setzen uns an den Frühstückstisch, anschließend ins Auto oder in Bus und Bahn, dann auf den Büro- oder Schulstuhl und abends aufs Sofa.
Das ist entwicklungsgeschichtlich etwas ziemlich Neues. Unsere Vorfahren waren als Jäger und Sammler einen großen Teil des Tages auf den Beinen. Mit Sesshaftigkeit, Industrialisierung, der massenhaften Verbreitung von Sitzmöbeln, motorisiertem Verkehr und schließlich technischen und digitalen Entwicklungen wurden immer mehr Tätigkeiten sitzend möglich. Heute können wir sogar kilometerweit „mobil“ sein, ohne uns selbst einen Meter zu bewegen.
Wir haben über Millionen Jahre einen Körper entwickelt, der hervorragend für Bewegung geeignet ist – und innerhalb vergleichsweise kurzer Zeit eine Umwelt geschaffen, in der Bewegung gar nicht mehr nötig ist.
Können wir das Rad zurückdrehen?
Wir müssen das Rad gar nicht komplett zurückdrehen. Niemand möchte Computer, Autos oder Bürostühle abschaffen. Entscheidend ist, Bewegung wieder in den Alltag zu integrieren, anstatt sie ausschließlich in eine halbe Stunde Sport am Abend auszulagern.
Wir wissen, dass es schlecht ist und machen es trotzdem...
Wir entscheiden uns meist gar nicht bewusst fürs Sitzen. Es ist eine Gewohnheit. Wir sehen einen freien Stuhl – und wenige Sekunden später sitzen wir darauf. Unsere physische Umgebung und unsere sozialen Normen verstärken dieses Verhalten. Und wir lernen es sehr früh. Ein Kindergartenkind läuft, hüpft, klettert, hockt auf dem Boden und wechselt ständig seine Position. Mit dem Schuleintritt verändert sich das plötzlich. Dann wird „ordentlich sitzen“ zu einem Teil des erwünschten Verhaltens.
Müsste man dann nicht schon in der Schule ansetzen?
Unbedingt. Gerade dort können wir verhindern, dass Kinder lernen: Lernen funktioniert nur im Sitzen. Es gibt keinen physiologischen Grund, warum ein Kind 45 oder 90 Minuten nahezu bewegungslos auf einem Stuhl verbringen muss.
Das bedeutet nicht, den Unterricht permanent zum Sportunterricht zu machen. Schon kleine Veränderungen helfen: bewegtes Sitzen, Lernen in Bewegung und regelmäßige Bewegungspausen, aktive Schulwege zu Fuß oder mit dem Fahrrad . Den Kindern kommt das entgegen: Wir müssten ihnen ihren natürlichen Bewegungsdrang weniger abtrainieren. Als Mutter von vier Kindern im schulpflichtigen Alter kann ich nur sagen, dass wir da noch Luft nach oben haben.
Interview: Dagmar Besand