Schon längst sind die Heimatkundlichen Jahrbücher des Landkreises Kronach – herausgegeben vom Arbeitskreis für Heimatpflege – zu einer festen Einrichtung geworden. Der Auftakt erfolgte 1974 mit dem Beitrag „Martern – Kreuzstein – Steinkreuz“ von Roland Graf und Willi Schreiber. Damals war – insbesondere aus finanziellen Gründen – die Aufmachung bescheiden. Das hat sich geändert. In wenigen Monaten erscheint Band 30, etwa 300 Seiten stark. Bernd Graf, der seit Mitte der 1980er Jahre die Aktivitäten als Schriftleiter betreut, hat sich um ein hohes Niveau bemüht.

Der Auftakt im Jahre 1974 mit dem Schwerpunkt „Martern“ erscheint aus heutiger Sicht von außerordentlich großer Bedeutung, denn die Relikte aus alter Zeit – über 200 Martern sind damals registriert worden – bekamen mit der Veröffentlichung einen völlig neuen Stellenwert. Sie zeugen von dankbaren und gläubigen Christen. Dank der bemerkenswerten Initiativen von Kreisheimatpfleger Roland Graf aus Dörfles konnten an die einhundert Restaurierungen vorgenommen werden.

An einsamen Waldwegen, aber auch an verkehrsreichen Straßen begegnen uns die schlichten Mahner Gottes . Aus verschiedenen Jahrhunderten stammen sie und sie berichten von schrecklichen Ereignissen, von Fleiß, von Kunstsinn, von Gläubigkeit der Ahnen, von ihren Sorgen und Nöten, aber auch von ihren Freuden. Die stillen Zeugen längst vergangener Tage stellen in ihrem schlichten Grau einen reizvollen Kontrast zur bunten Blumenwiese, zum dunklen, fast schwermütig wirkenden Grün der Fichtenwälder dar.

Die „letzten Dinge“ im Leben

Zu den Errichtungsgründen spielte sowohl das religiöse als auch das rechtliche Leben des Volkes eine bedeutende Rolle: So beispielsweise Gelübde – abgegeben in Notsituationen. Wesentlich sei – so Roland Graf – die Vorstellung von den „letzten Dingen“ im Leben begründet gewesen, und damit die Sorge um eine gute Sterbestunde. Nach der christlichen Heilslehre der damaligen Zeit wurde nur demjenigen die ewige Seligkeit zuteil, der mit den Sterbesakramenten der Kirche versehen war. Dem plötzlich Verstorbenen blieb aber diese Möglichkeit verwehrt. Deshalb ließen Verwandte und Freunde für ihren Verstorbenen religiöse Flurmale errichten. Dadurch war den Vorübergehenden die Möglichkeit gegeben, im Gebet für das Seelenheil zu bitten. Schließlich ist so manche Marter auch aus Dankbarkeit für die Rettung aus einem Unheil entstanden.

Im Laufe der Jahrhunderte gab es immer wieder unterschiedliche Darstellungen. So setzte zu Beginn des 17. Jahrhunderts wieder eine Stiftungsfreudigkeit ein, die offensichtlich durch die Reformation versiegt war. Neben dem Sockel und dem Säulenschaft ist vor allem die rechteckige Grundform des Aufsatzes als Stilmerkmal dieses Zeitabschnittes charakteristisch. Dabei entwickelten sich die anfänglich sehr schmalen Seiten zu immer breiter werdenden Flächen, bis schließlich Anfang des 18. Jahrhunderts vier gleich große Flächen am Aufsatz vorhanden waren.

Die reliefierten Schauseiten zeigen bis Ende des 17. Jahrhunderts ausschließlich Szenen aus der Passion . Etwa 61 Prozent aller registrierten Martern sind im 18. Jahrhundert aufgestellt worden. Bedingt durch diese Stiftungsexplosion musste sich zwangsläufig ein beherrschender Typ entwickeln. Der charakteristische Bildstock des Kronacher Umlandes besitzt einen konkav konvex profilierten Sockel, der mit Akanthusblättern verziert ist. Die großen Kunstrichtungen von Gotik, Renaissance und Barock bestimmten Form und Zierrat der Martern.

„Spitzenreiter“ ist die Marienkrönung

Bei den bildlichen Darstellungen dominieren insbesondere die Glosberger Muttergottes am Hochaltar der Wallfahrtskirche, die Kreuzigungsgruppe sowie die vierzehn Nothelfer von Vierzehnheiligen. „Spitzenreiter“ ist jedoch die Marienkrönung an immerhin 109 Sandsteinmartern. Interessant ist die Konzentration dieser Flurdenkmale im Landkreis Kronach : Kronach (20), Wallenfels (16), Zeyern (13), Neuses (10), Wolfersdorf (7), Größau (7) und Friesen (6).

Eine der ältesten Martern des Frankenwaldes steht in Kronach , und zwar in der Gabelung der Kreuzbergstraße/Kaulangerstraße. Bei der Pestmarter handelt es sich um ein gotisches Denkmal aus dem frühen 15. Jahrhundert. Eine weitere Besonderheit stellt in der Lucas-Cranach-Stadt die Schwedenmarter aus dem 17./18. Jahrhundert dar. Diese überdimensionale, ionische Sandsteinsäule ist die größte unseres Landkreises und sie wirkt im Bereich der Kreuzbergstraße dominant und ist ein echter Hingucker. Eine ungewöhnliche Darstellung befindet sich etwa 250 Meter südlich von Glosberg am ehemaligen Franziskanerweg. Auf der Marter von 1733 ist eine zwölfköpfige Stifterfamilie verewigt. Neben dem Elternpaar erkennt man sieben Knaben und drei Mädchen.

Faszinierend ist die vielschichtige Entfaltung dieser Relikte aus vergangenen Jahrhunderten. Der ehemalige Kreisheimatpfleger Roland Graf hat sich in Zusammenarbeit mit Willi Schreiber (1925-1982) bis heute um den Erhalt enorme Verdienste erworben. Aber auch Grundstücksbesitzer signalisierten bei Rettungsmaßnahmen – verbunden mit Opferbereitschaft – bereitwillig ihre Unterstützung. Bleibt festzustellen: Niemand möchte die oft meisterhaft von Bildhauern und Steinmetzen geschaffenen Sandsteinmartern missen, denn sie verkörpern den Geist und den tiefen Glauben der Frankenwäldler. Sie sind markante Zeugnisse der Volksfrömmigkeit. Insbesondere geben sie Einblick in die gesamte Bandbreite menschlicher Schicksale.