Kronach  — Wenn am Samstag der Bauernmarkt in der Oberen Stadt auf dem Melchior-Otto-Platz eröffnet wird, freuen sich die Kronacher Bürger auf das regionale Angebot an Gemüse , Obst , Geflügel und Fleischwaren. Der Bauernmarkt ist leider nur noch der Rest einer florierenden Marktkultur, die es einst in der Oberen Stadt von Kronach gab. Die Märkte auf dem Marktplatz und in der Lucas-Cranach-Straße sind nur noch den älteren Kronachern bekannt. Bereits in den 1970er Jahren ist der Monatsmarkt wegen des Rathausneubaues auf den Kaulanger verlegt worden und blieb dort dann auch aus praktischen Gründen.

Der herkömmliche Markt hat seine Bedeutung als Handelsplatz und als Versorgungsinstitution für die Bevölkerung zunehmend verloren. Die Funktion übernahmen die unterschiedlichen Betriebsformen des Einzel- und Großhandels, die gleich den Begriff "Markt" mit vereinnahmten. So kaufen wir jetzt in Supermärkten, SB-Märkten oder Drogerie-Märkten ein. Die findet man aber nicht mehr im Zentrum einer Stadt , sondern in den Randzonen, da dort die nötigen Parkplätze für die mobilen Kunden ausreichend vorhanden sind. Aber auch diese Marktform wird zunehmend vom virtuellen "marketplace" immer mehr abgelöst, der es ermöglicht die Gebrauchs- und Verbrauchswaren vom Sofa aus zu ordern.

Ein Blick in die Geschichte des Kronacher Marktwesens zeigt, wie früher die Versorgung der Bevölkerung organisiert war. Die Notwendigkeit von Märkten entstand mit der Entstehung der Städte , deren Einwohner aufgrund der zunehmenden Urbanisierung nicht mehr in der Lage waren, sich vollständig selbst zu versorgen.

Märkte in einem Ort abhalten zu dürfen, war ein Privileg, das von der Obrigkeit - für Kronach vom Landesherrn in Bamberg - verliehen wurde. Das Urbar des Fürstbischofs aus den Jahren 1323/28 enthält den ältesten Hinweis auf Markttage in Kronach : "Item quevis area intra ipsas muras solvit pro iure fori, quod dicitur marchtrecht, specialiter 5 dn". Für das Recht, Märkte abzuhalten, mussten die Kronacher dem Bamberger Bischof 5 Pfennige im Jahr bezahlen. Ein Torzoll, der von den Händlern für ihre marktgängigen Waren beim Betreten der Stadt bezahlt werden musste, kam auch dem Bamberger Bischof zugute.

Der Zoll lohnte sich für die Stadt

1408 löste die Stadt Kronach den verpfändeten Zoll des Bischofs für 175 Gulden aus und durfte fortan alle Markteinnahmen für sich behalten. Das führte im Laufe der Zeit zu einer beträchtlichen Aufbesserung der Stadtkasse, denn Kronach entwickelte sich für das Umland immer mehr zu einem ansehnlichen Handelsplatz. Nicht nur die Fernstraße Nürnberg-Leipzig tangierte den Ort, auch die günstige Lage an der flößbaren Rodach trug dazu bei, dass Kronach Stapel- und Umschlagsplatz für die Handelsgegenstände aus den umliegenden Regionen wurde.

Für die Bamberger Bischöfe war Kronach mit seiner Festung Rosenberg zudem ein wichtiger Außenposten an der nordöstlichen Grenze des Fürstbistums, deren wehrhafte und treue Bürger die Gunst des Bamberger Landesherrn immer wieder erfuhren. So konnte Kronach bis in den Dreißigjährigen Krieg hinein kräftig prosperieren.

Dies zeigte sich auch in der Vielfalt des Marktangebotes, das sich nicht nur auf Grundnahrungsmittel beschränkte, sondern auch den Handwerkern die Möglichkeit bot, ihre Erzeugnisse feilzubieten. So fanden sich ansässige wie auch auswärtige Handwerker auf dem Kronacher Markt ein: Gerber, Riemenschneider, Sattler, Messerschmiede, Flaschner, Taschner, Kannengießer und Schuhmacher. Für die tägliche Versorgung wurde Brot, Fleisch, Fisch, Hirse, Zwiebeln, Rüben, Obst , Gemüse , Salz, Kümmel und vieles mehr angeboten. Aber auch Gebrauchsgegenstände wie Sicheln, Hufeisen und sogar Mühlsteine konnten erworben werden. Pferde, Rinder, Schweine, Kälber, Schafe und Ziegen bildeten das lebende Angebot. Wer nur deren Häute benötigte, fand diese ebenfalls auf dem Kronacher Markt.

Feste Verkaufsstände

Die örtlichen Bäcker und Metzger hatten fest installierte Verkaufsstände. Die der Metzger befanden sich im Untergeschoss des Alten Rathauses, wo noch heute zur Rathausgasse hin die Eingänge sichtbar sind. Ihnen war es auch erlaubt, ihre Waren täglich anzubieten. Für die Tuchhändler wurden im Obergeschoss des Alten Rathauses für deren edle Stoffe vom Stadtknecht extra drei Ellen breite Stände aus "Gewanddielen und Böden" aufgebaut. Für diesen Aufwand waren die fremden Tuchhändler bereit, eine höhere Marktgebühr zu bezahlen. Offenbar liefen für sie die Geschäfte in Kronach besonders gut. Ein außerordentlich lohnender Markt für die Tuchhändler muss der St. Martinsmarkt am 11. November gewesen sein, denn da wurde auffallend viel Tuch gehandelt.

Um 1500, als Lucas Cranach noch in Kronach weilte, gab es in der "rechten Stadt ", wie auch die Obere Stadt zu der Zeit genannt wurde, 13 Märkte: Sieben Wochenmärkte jeweils am Donnerstag und sechs Jahrmärkte, die an Sonntagen stattfanden. Es war Brauch, dass der Markt erst nach der gesungenen Messe eröffnet werden durfte. Die Kronacher Bürger hatten das Vorrecht, als erste einkaufen zu dürfen. Die Preise, die dabei ausgehandelt wurden, mussten den ganzen Markttag gelten. So schützten sich die Kronacher vor einer Verbilligung der Waren im Laufe des Tages. Nachdem die Bürger der Oberen Stadt ihren Einkauf getätigt hatten, war der Markt für die Allgemeinheit zugänglich.

Martinimarkt war am lukrativsten

Die Jahrmärkte fanden an besonderen (Feier-)Tagen statt. Der erste an der Kirchweih am Sonntag nach Ostern. Dann folgte der St. Veitsmarkt am Sonntag nach dem 13. Juni, der Pflaumenmarkt am Sonntag nach dem 15. August ( Christi Himmelfahrt). Dem Markt zur Kalten Kirchweih am Sonntag nach dem 8. September folgte der St. Martins-Jahrmarkt am 11. November und der St. Claus-Markt am 6. Dezember. Den Abgaben zufolge war der Markt zu St. Martin besonders stark von Händlern besucht und für die Stadt am lukrativsten. Die kassierte ihre Marktgebühren zum einen am Stadttor für das Transportmittel und auf dem Markt selber für die angebotene Ware. Genauso mussten die Händler eine Gebühr bezahlen, wenn sie die Stadt wieder verließen.

Die guten Zeiten für einen "gewöhnlichen" Wochen- oder Jahrmarkt sind anscheinend längst vorbei. Jahrhundertelang bis in die 1960er Jahre ist das Konzept der Märkte auch in den kleineren Städten einigermaßen aufgegangen. In Kronach hat der Monatsmarkt auf dem Kaulanger wesentlich länger ausreichend Käufer angelockt. In den letzten Jahren ist aber das Angebot merklich geschrumpft. Der Bauernmarkt auf dem Melchior-Otto-Platz fand für seine regionalen Erzeugnisse eine treue Stammkundschaft und bringt samstäglich ein klein wenig Marktleben wieder in die Obere Stadt zurück. Man muss sich aber aufgrund der Entwicklung fragen, ob in Zukunft ein Markttreiben nur noch in historischer Form stattfinden wird, so wie es das Kronacher Stadtspektakel alle zwei Jahre anbietet. Das Kaufverhalten der Konsumenten und die zunehmende Beliebtheit digitaler Marktplätze lassen nichts Gutes ahnen.