Heizöl und Benzin sind so günstig wie lange nicht mehr. Die Mehrwertsteuersenkung hat die Preise im Handel auf breiter Front gesenkt. Das spiegelt sich in der Inflationsrate wider. Wenig fürchten die Deutschen mehr als Inflation, doch derzeit ist eher das Gegenteil zu sehen: In der Bundesrepublik lag die Inflationsrate im September bei minus 0,2 Prozent. In der Eurozone werden minus 0,3 Prozent erwartet. Doch das könnte nicht mehr lange so bleiben: Ökonomen gehen von merklich steigenden Inflationsraten aus. "Es ist absehbar, dass von jetzt an höhere Inflationsraten kommen werden", sagt etwa Gertrud R. Traud, die Chefvolkswirtin der Helaba in Frankfurt.

Sinkende Preise auf breiter Front sind nur vordergründig eine gute Nachricht für Verbraucher. Unter Ökonomen bricht in diesem Fall meist Unruhe aus. Dahinter steckt die Angst, dass ein Preisverfall - eine Deflation - eine verhängnisvolle Abwärtsspirale der Wirtschaft in Gang setzen kann. "Deflation ist das Grundübel einer Volkswirtschaft", sagt Robert Halver, Leiter der Kapitalmarktanalyse der Baader-Bank. Die Nachfrage nach Gütern könnte nämlich einbrechen. "Heute wird nicht gekauft, weil es morgen billiger sein kann. Und morgen wird nicht gekauft, weil es übermorgen noch billiger ist", sagt er. "Das macht jede Volkswirtschaft kaputt."

In der Corona-Krise käme solch ein Szenario äußerst ungelegen. "Fallende Preise können eine Wirtschaftskrise wie die derzeitige drastisch verschärfen", warnt Alexander Kriwoluzky vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW). Sie hätten einen fatalen Effekt, wie ihn die Zeit der großen Depression in den Jahren 1929 bis 1933 vor Augen führe, argumentiert er. Während sich Schuldner über Inflation freuen, birgt eine Deflation umgekehrt das Problem, dass es Staaten, Unternehmen und Privatleuten immer schwerer fällt, ihre Schulden zu bedienen. Platzen zu viele Kredite, geraten auch Banken ins Schlingern. "Das Schlimmste, was uns passieren kann, ist eine Deflation, die zu einer Banken- und Finanzkrise führt", sagt Kriwoluzky im Gespräch mit unserer Redaktion.

Banken geraten ins Schlingern

Unter Druck steht vor allem die Europäische Zentralbank. Um hinreichend Abstand zur Deflation zu haben, hatte sich diese das Ziel einer Inflationsrate von knapp unter zwei Prozent gesetzt. Diese Marke wird seit Jahren in der Eurozone verfehlt - und das, obwohl die Zentralbank massiv Geld in die Wirtschaft pumpt.

"Wenn wir trotz der ultralockeren Geldpolitik der EZB negative Inflationsraten sehen, lässt das aufhorchen", sagt Kriwoluzky. Die EZB - davon geht er aus - wird deshalb die Zinsen niedrig halten oder nochmals ein weiteres Anleihekaufprogramm aufsetzen. Zudem ist ein weiterer Schritt in der Diskussion. Er hätte weitreichende Konsequenzen. EZB-Chefin Christine Lagarde deutete an, das Inflationsziel von knapp zwei Prozent überdenken zu wollen. Denkbar ist, das fixe Ziel durch ein flexibles Ziel zu ersetzen. Die EZB könnte Zeiten mit niedriger Inflation ausgleichen, indem sie zeitweise höhere Inflationsraten akzeptiert.

EZB überdenkt Inflationsziel

Die Zentralbank der USA hat es vorgemacht. Sie strebt eine Inflationsrate von zwei Prozent nur noch im Durchschnitt an. Was sind die Konsequenzen? Ein flexibles Ziel gibt der Zentralbank mehr Freiheiten, erklärt Halver. Zieht die Wirtschaft wieder an, könne die Inflation ruckzuck über zwei Prozent klettern. Bisher müsste die EZB dann ihre lockere Geldpolitik aufgeben und die Zinsen erhöhen. "Bei einem flexiblen Ziel kann die EZB dagegen abwarten und ihre lockere Geldpolitik beibehalten, da die Inflation eben nur noch im Durchschnitt zwei Prozent betragen muss", sagt er. Ein flexibles Inflationsziel hat auch psychologische Effekte. Denn es beeinflusst die Erwartungen der Bürger, sagt DIW-Experte Kriwoluzky. Ein Ziel von im Schnitt zwei Prozent Inflation bedeutet, dass die EZB zeitweise auch 3 oder 3,5 Prozent zulassen könnte. "Wenn wir das wissen, werden wir es in die Preis- und Lohnsetzung einfließen lassen." Die Gewerkschaften würden in Tarifauseinandersetzungen zum Beispiel ein stärkeres Lohnplus fordern. Ziehen damit erst die Löhne, dann die Preise und am Ende die Inflation an, erleichtere dies das Abzahlen der Schulden und verhindere eine Deflationsspirale, argumentiert Kriwoluzky. Das Deflations-Problem wäre entschärft. Kritiker wie Robert Halver sind skeptischer: Bei einem flexiblen Ziel könne die EZB jahrelang eine Inflation über zwei Prozent dulden. Schließlich lag sie ja zuletzt jahrelang darunter. "Dies ist ein Gummiparagraf, um soweit wie möglich Geld in die Märkte zu pumpen", kritisiert Halver. "Wir drehen die die geldpolitische Party weiter und werden nie damit aufhören." Die Zinsen könnten noch lange im Keller bleiben - zu Lasten der Sparer und mit der Folge drohender Blasen an den Börsen und Immobilienmärkten.

Staunen über Inflationsrate

Bald könnten die Überlegungen rund um das Inflationsziel der EZB mehr sein als reine Theorie: Die Experten rechnen damit, dass es bald zu steigenden Preisen kommen wird. In Deutschland soll zum 1. Januar die alte, höhere Mehrwertsteuer gelten. Einkaufen wird dann teurer. Zieht in Europa die Wirtschaft an, könnte auch der Benzinpreis wieder steigen, meint Halver. Er geht im nächsten Jahr von einer Inflation von rund einem Prozent aus.

"Die Inflationsrate heute ist von Pinocchio entworfen worden", kritisiert Halver. Zwar sind im Warenkorb, den die Statistiker zur Inflationsberechnung zu Rate ziehen, neben Lebensmitteln, Kleidung und vielem mehr auch Mieten enthalten. Nicht aber Kaufpreise für Immobilien. "Würde man Vermögenspreise - zum Beispiel von Einfamilienhäusern - berücksichtigen, sähen wir Inflationsraten von drei, vier, fünf Prozent", sagt Halver.