Schminkprobe ist angesagt an diesem Montagabend in der Wohnung von Anja Kestel. Schminkmodell ist ihr Enkel Leo. Der Fünfjährige hält geduldig still, als ihm seine "Visagistin" mit einigen gekonnten Pinselstrichen zunächst dicke Augenbrauen und anschließend einen zauberhaften Schnurrbart verpasst. Leo wird am Sonntag bereits im vierten Jahr in Folge beim größten Faschingsumzug der Region in Rothenkirchen dabei sein - als jüngstes Mitglied des "Wilden Rudels".

"Ich bin der Jäger", erzählt Leo stolz, der auch schon einmal einen grünen Umhang sowie einen Strohhut mit grünem Band und Feder Probe trägt.

Der junge Jägersmann ist nicht nur beim "Wilden Rudel" der Jüngste im Bunde, sondern auch bei der Familie Kestel. Hierzu zählen seine elfjährige Schwester Nelly, Mama Julia, Oma Anja und deren Schwester Alexandra sowie Uroma Renate, allesamt Mitglieder der Faschings-Gruppierung - also vier Generationen im Alter von fünf bis 70 Jahren! Hinzu kommen noch die "Gast"-Mitglieder Carolin, Doris und Luzie sowie die Lebensgefährten von Julia und Anja, Peter und Mike.

Uroma Renate ist zwar schon seit einigen Jahren beim Umzug selbst nicht mehr aktiv dabei, aber als Näherin der stets sehr fantasievollen Gruppen-Kostüme unverzichtbar. Was sich genau hinter der diesjährigen Bezeichnung "Wildes Rudel" verbirgt und auf welche Kostüme sich die Besucher dieses Mal freuen dürfen, wird an dieser Stelle natürlich nicht verraten.

Wie lange die Gruppe beim Faschingsumzug mitwirkt, wissen die Mitglieder selbst nicht so genau. "30 Jahre sind das bestimmt schon", überlegt Alexandra Kestel, die ein Fotoalbum mit vielen schönen Bildern aus den letzten Jahren hervorholt. Auf den Schnappschüssen lachen beispielsweise gestreifte Zebras, der Wolf und die sieben Geißlein, bunte Blumen, putzige Zwerglein, Igel und Pinguine, temperamentvolle Mexikaner, feurige Drachen oder schneeweiße Eisbären um die Wette.

"Meistens waren wir Viecher", schmunzelt ihre Schwester Anja. Sie hat meistens die Ideen für die Kostüme und ihr obliegt schon berufsbedingt - sie hat einen eigenen Friseursalon - das Styling; eine durchaus aufwändige Arbeit. "Vor einigen Jahren waren wir noch mehr, teilweise bis zu 18 Personen. Ich habe einmal von 6.30 Uhr bis 12.30 Uhr gebraucht, um alle zu schminken. So lange dauert es jetzt nicht mehr", erklärt sie.

Brandblasen und Frostbeulen

Im letzten Jahr ging die Gruppe als "Ruotnkernge" in leuchtend roten Kostümen - eine enge, etwas unbequeme Angelegenheit. Erinnerungen werden auch wach beispielsweise an die Waldmenschen-Kostüme mit so manchen Brandblasen an den Fingern vom Aufkleben von Moos, Pflanzen und Blätter mit der Klebepistole - aber das sei halt Fasching und man nehme das gerne auf sich, ebenso wie - insbesondere in früheren Jahren - Frieren bei Minustemperaturen und Schnee.

Und was ist nun das Schöne am Fasching? "Man kann da halt mal so richtig blöd sein, also noch blöder als sonst", lacht Anja. Das Faschings-Wochenende startet für sie und die weiteren Damen bereits am Donnerstag, wenn sie den Altweiberfasching in Marienroth besuchen.

Nach dem Faschingsumzug am Sonntag gibt es bei den Kestels traditionell Kaffee und Kuchen. Im Anschluss geht es zum Marktplatz, ins Feuerwehrhaus oder Musikerheim, wo der lange Tag ausklingt. Ihren Abschluss findet die Narretei für sie am Faschings-Dienstag mit dem Schützenfasching.