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Sechs Anzeigen: Alter Kerwabrauch sorgt für Aufregung in Gremsdorf


Autor: Fränkischer Tag

, Freitag, 04. Sept. 2026

Der Gemeinderat Gremdorf diskutiert über den Einsatz eines lebenden Hahns beim „Göger rausschlog‘n“.  Frank Rumpenhorst/dpa


Das „Göger rausschlog’n“ gehört in Gremsdorf zur Kerwa wie Blasmusik, Bier und Bratwürste. Doch damit könnte nun Schluss sein: Ein Video vom vergangenen Jahr, das auf Instagram zu sehen war, hat für ordentlich Wirbel gesorgt – sogar bis nach Berlin.

Auf dem Video ist ein echter Hahn zu sehen, der beim „Göger rausschlog’n“ eine kurze Hauptrolle übernimmt. Er wird beim Einlauf in das Bierzelt hinter der Blaskapelle von einem Mann an den Beinen gehalten und in das Bierzelt getragen. Sechs Anzeigen gingen daraufhin bei der Gemeinde ein, eine von einer Tierschutzorganisation mit Sitz in Berlin, fünf weitere von Privatpersonen.

Das „Göger rausschlog’n“ ist eine alte fränkische Kerwa-Tradition, bei der den Teilnehmern die Augen verbunden und sie im Kreis gedreht werden, um die Orientierung zu erschweren. Anschließend müssen sie mit einer langen Holzstange versuchen, einen Tontopf zu zertrümmern. Der Hahn befindet sich währenddessen selbstverständlich nicht unter dem Tontopf, er ist in Sicherheit. Der Sieger gewinnt symbolisch den Hahn.

„Die Stimmung kocht hoch“, berichtete Harald Schorr vom Bürgerblock Gremsdorf in der jüngsten Gemeinderatssitzung. „Es gibt an diesem Wochenende allein im näheren Umkreis acht bis zehn Kirchweihen , das hat Auswirkungen“, gab Schorr zu bedenken.

Bürgermeister Simon Fischer (Wählergemeinschaft Buch) hatte bereits vor rund zwei Wochen einen Anruf der Tierschutzorganisation erhalten. Er setzte sich daraufhin mit den Veranstaltern und dem Veterinäramt in Verbindung und bat um eine Stellungnahme.

Die Antwort ließ nicht lange auf sich warten. Das Veterinäramt verwies auf Paragraf 3 Nummer 6 des Tierschutzgesetzes . Danach ist es verboten, ein Tier zu Filmaufnahmen, Schaustellungen, Werbung oder ähnlichen Veranstaltungen heranzuziehen, wenn damit Schmerzen, Leiden oder Schäden für das Tier verbunden sind. Bei einem Verstoß können den Veranstaltern bis zu 25.000 Euro Geldbuße drohen.

In Gremsdorf wollte man allerdings nicht so recht glauben, dass der Hahn von der Kerwa mit einem Trauma nach Hause gegangen sein könnte. Der Besitzer bestätigte, dass es dem Tier nach der Veranstaltung gut gegangen und es wieder seiner gewohnten Arbeit nachgegangen sei. Schließlich sei das „Göger rausschlog’n“ seit rund 30 Jahren Bestandteil der Kerwa und zu Schaden gekommen sei dabei noch kein Tier.

Doch Brauchtum hin oder her: Die rechtliche Lage ließ wenig Spielraum. Als Alternative stand ein Holzgockel im Raum. Die Ortsburschen konnten sich damit allerdings nicht anfreunden.

In der Diskussion wurde die grundsätzliche Frage gestellt, wo das alles noch hinführen soll. Was kommt als Nächstes? Werden irgendwann Lieder zensiert? Oder dürfen Hunde wegen der lauten Musik nicht mehr mit ins Festzelt? Die Diskussion zeigte: Für die Gremsdorfer geht es längst nicht nur um einen Hahn, sondern um die Frage, wie viel Platz alte Bräuche in einer sich verändernden Welt noch haben.

Zweiter Bürgermeister Robert Ruhmann vom Bürgerblock Gremsdorf fand die Entwicklung traurig. Er befürchtete, dass es in 20 Jahren womöglich keine Kerwa mehr geben könnte, weil sich niemand mehr traue, etwas zu veranstalten. Andere Gemeinden, in denen der gleiche Brauch gepflegt wird, hätten bislang offenbar einfach Glück gehabt: Wo kein Kläger, da kein Richter.

Am Ende war die Entscheidung dennoch eindeutig: Das „Göger rausschlog’n“ mit einem lebenden Tier wird es in Gremsdorf künftig nicht mehr geben.