Druckartikel: Herausforderung einer Suchtklinik

Herausforderung einer Suchtklinik


Autor: Fränkischer Tag

, Dienstag, 04. August 2026

Bundesdrogenbeauftragter Hendrik Streeck besucht die Laufer Mühle
Hendrik Streeck (links) und Konrad Körner (rechts) im Gespräch mit einem Bewohner, der die landwirtschaftlichen Projekte der Laufer Mühle vorstellt. Birgit Völker


Es sind Geschichten, die unter die Haut gehen: Menschen, die durch ihre Sucht fast alles verloren haben und in der Laufer Mühle einen Weg zurück ins Leben gefunden haben. Bei seinem Besuch in der Suchthilfeeinrichtung informierte sich der Bundesdrogenbeauftragte Hendrik Streeck über die Arbeit vor Ort, sprach mit Verantwortlichen und Bewohnern und diskutierte über aktuelle Herausforderungen der Suchthilfe .

Streeck gehört zu den bekanntesten Medizinern Deutschlands. Während der Corona-Pandemie prägte der Virologe mit seinen wissenschaftlichen Einschätzungen die öffentliche Debatte.

Ermöglicht hatte den Besuch der Bundestagsabgeordnete Konrad Körner .

Die Laufer Mühle verfolgt einen ganzheitlichen Ansatz: Nicht allein die Behandlung der Abhängigkeit steht im Mittelpunkt, sondern die nachhaltige soziale Teilhabe. Das Konzept verbindet Eingliederungshilfe, Wohnen, medizinische Versorgung, Arbeit und Beschäftigung sowie Nachsorge. Insgesamt bietet die Einrichtung 146 Plätze – davon 50 direkt vor Ort, 40 weitere außerhalb sowie 56 Plätze im betreuten Wohnen.

Behandlung nicht einfach

Zu den aktuellen Herausforderungen in der Suchthilfe berichteten die Leiter der Laufer Mühle, Daniela Flügel-Utz und Marco Halbritter, aus ihrem Alltag. Besonders problematisch sind die ständig neuen und sich verändernden Wirkstoffe, deren Nachweis oft schwer ist. „Rückfälle bleiben häufig unerkannt und psychische Auffälligkeiten werden als Symptom einer psychischen Erkrankung missdeutet, obwohl eigentlich der Konsum verantwortlich ist“, schilderten die Verantwortlichen das Problem.

Herkömmliche Standardtests reichen nicht aus, Behandlung und Präventionsarbeit werden erschwert. Notwendig sind deshalb unter anderem eine bessere Labordiagnostik, schnellere Analysen, eine engere Vernetzung von Medizin, Suchthilfe , Forensik und Polizei , regelmäßige Fortbildungen für Fachkräfte und mehr Aufklärungsarbeit.

Soziale Teilhabe, betonten Flügel-Utz und Halbritter, braucht verlässliche Strukturen und klare Regeln. Dazu gehören ein Abstinenzansatz, Arbeit und Beschäftigung, der Aufbau sozialer Beziehungen, gesundheitliche Stabilität und langfristige Lebensperspektiven.

Rahmenbedingungen

Eine zentrale Frage an die politischen Vertreter lautete: Wie kann Teilhabe gestärkt werden, ohne Einrichtungen durch Bürokratie zu überlasten? „Manchmal fühle ich mich hilflos, weil ich merke, dass ich kein Gehör finde. Gesetze werden unterschiedlich ausgelegt. Wir brauchen verlässliche Rahmenbedingungen“, so Daniela Flügel-Utz. „Das straffe Abstinenzsystem der Laufer Mühle funktioniert“, betonte sie.

Auch ein Unterbringungsbeschluss, über den in der Gesellschaft häufig diskutiert wird, kann eine Chance sein: „Er ist ein Einstieg ins Hilfesystem, weil Betroffene meist gar nicht erkennen, dass sie Hilfe brauchen. Bei einer Suchterkrankung ist die freie Willensbildung vielfach eingeschränkt.“ Dass dieser Weg Wirkung zeigt, erlebt sie immer wieder: Ehemalige Bewohner melden sich auch nach Jahren noch und sagen: „Es hat mir was gebracht.“

Bundesdrogenbeauftragter Streeck zeigte Verständnis für unterschiedliche Wege in der Suchthilfe . „Ich bin ganz offen: Für den einen ist das eine gut, für den anderen das andere. Ich sehe aber nicht, dass stringentere Systeme hier in Deutschland kommen“, so seine Einschätzung.

Weg zurück ins Leben

Besonders bewegend waren die Gespräche mit zwei Bewohnern, die über ihre Suchtgeschichte berichteten: Caro kam mit einem Unterbringungsbeschluss in die Laufer Mühle. Heute blickt sie darauf zurück und sagt: „Ich habe diesen Beschluss gebraucht, sonst wäre ich nicht mehr am Leben.“ Heinz lebt seit viereinhalb Jahren in der Einrichtung – ohne Beschluss. Für ihn ist die Laufer Mühle inzwischen wie ein Zuhause. Besonders wichtig sind aus seiner Sicht Prävention und Aufklärung. Besuche an Schulen machen ihm deutlich, dass Jugendliche zuhören und die Informationen annehmen.

Streeck zeigte sich von den persönlichen Geschichten beeindruckt. Er hört in seiner täglichen Arbeit häufig, dass Menschen „gefangen gewesen sind in ihrer Sucht und dem Tod sehr nahe waren“. Die Gespräche mit den Bewohnern sind deshalb besonders wertvoll. Er erkundigte sich unter anderem nach Wohngruppengesprächen, Einzelbetreuung und der ärztlichen Versorgung in der Einrichtung.

Marco Halbritter beschäftigt vor allem die Frage, wie es mit Cannabinoiden weitergeht. Gerade im medizinischen und therapeutischen Bereich müssten bürokratische Verfahren vereinfacht werden. „ Suchthilfe muss anders gesehen werden“, forderte er.

Digitale Mediensucht

Die zunehmende Bedeutung digitaler Süchte war ebenfalls Thema. Auf eine Frage unserer Zeitung nach Therapieangeboten für Menschen mit einer Gaming- oder Mediensucht erklärte Streeck, dass man derzeit erst dabei ist zu verstehen, wie groß der tatsächliche Bedarf ist. „Die Angaben zu vorhandenen Therapieplätzen schwanken derzeit zwischen 85 und 450 bundesweit. Geplant ist ein runder Tisch mit anschließender Bedarfsanalyse. Die klassische Automatenspielsucht bleibt ebenfalls ein Thema, sie verlagert sich allerdings zunehmend ins Internet“, so Streeck.

Delegation lobt Arbeit

Konrad Körner ergänzte, dass die Auswirkungen der Nutzung sozialer Medien stärker in den Blick genommen werden. Hier erwartet man in nächster Zeit weitere Entwicklungen aus Berlin und auf europäischer Ebene.

Nach einem Rundgang durch die Einrichtung und weiteren Gesprächen mit Bewohnern lobte die Delegation, zu der auch die stellvertretende Landrätin Gabriele Klaußner sowie Ute Salzner ( CSU ) gehörten, die Arbeit der Laufer Mühle und ihren umfassenden Ansatz. Zum Abschied gab es noch ein kleines Gastgeschenk aus dem hauseigenen Hofladen – mit regionalen Köstlichkeiten.