Im April dieses Jahres erschien der Roman „Die Straße“ von Robert Seethaler. Das war Anlass für mich, noch einmal seine vorherigen Werke genauer zu betrachten, und hier im Speziellen seinen Roman „Das Café ohne Namen“ aus dem Jahr 2023.
In einer ruhigen, detailreichen Sprache wird der Leser in die Stadt Wien im Jahr 1966 versetzt. Das Kriegsende liegt mehr als 20 Jahre zurück und überall ist Aufbruchstimmung zu spüren. Robert Simon , der sich bisher als Gelegenheitsarbeiter durchgeschlagen hat, ergreift die Gelegenheit, eine kleine Gastwirtschaft in der Nähe des Karmelitermarktes zu pachten. Er eröffnet dort sein eigenes Café , das schnell zum Treffpunkt für die unterschiedlichsten Menschen aus dem Viertel wird, die alle ihre eigenen Geschichten und Schicksale mitbringen.
Man lernt unter anderem die junge Hilfsnäherin Mila Szabica kennen, die Simon bald tatkräftig als Bedienung unterstützt und sich in Renè Wurm, einen der Ringer vom Heumarkt, verliebt. Harald Blaha, ein frühpensionierter Gaswerkskassier, hat links ein Glasauge, das er manchmal über den Tisch rollen lässt.
Rose Gebhartl sucht bekanntermaßen im Café nach Herrenanschluss. Die Milch- und Käsehändlerin Heide Bartholome und der Maler Mischa Troganjew führen eine lautstarke, von Eifersucht getriebene On-Off-Beziehung. Der Fleischermeister Johannes Berg und seine Frau erwarten bereits ihr viertes Kind und haben daher große Zukunftsängste. Trifft Simon in Jascha vielleicht seine große Liebe?
Seethaler erzählt auf seine typische ruhige und tiefbewegende Art von Sehnsucht, Verlust und unverhofftem Glück und zeichnet auf 283 Seiten ein Bild vom Leben im ständigen Wandel, das nach und nach auch das Leben des Protagonisten Simon verändert. Man taucht in die großen Geschichten kleiner Leute ein und fühlt sich gleich als ein Teil des Viertels. Es entsteht der Wunsch, selbst einmal Gast im Café ohne Namen zu sein. Ich empfehle Seethalers Roman „Das Café ohne Namen“ zum Abschalten an einem ruhigen, entspannten Wochenende.
„Das Café ohne Namen“ von Robert Seethaler ist als gebundene Ausgabe im Claassen Verlag sowie als Taschenbuch im Ullstein Taschenbuch-Verlag erschienen. Die gebundene Version kann in der Stadtbücherei Höchstadt und das E-Book über die Libby-App ausgeliehen werden.
Elke Oleson