Die bunten aufgeklebten Fische über der Badewanne deuten auf eine Familie mit Kindern hin, die hier wohnte. Aber das Bad im ersten Stock des Hauses Nummer 36 in der Judengasse wurde schon lange nicht mehr benutzt und ist schon lange nicht mehr zu nutzen. Die Abflussrohre sind zum Teil abgeschlagen, in der Küche wurde der Wasserhahn durch ein Provisorium ersetzt: Das Wasserrohr kommt aus einem roh eingeschlagenem Loch in der Wand und führt weiter nach oben in die nächste Etage. Von einem Abzweig hängt ein gelber unterarmlanger Wasserschlauch ins Spülbecken. Davor steht ein einsamer Stuhl.

Seit nun 14 Jahren schon steht die frühere Gaststätte "Zum weißen Ross" in der Judengasse leer und dämmert vor sich hin. 2007 gab der letzte Pächter auf. Nur in der einstigen Gaststube in dem Anwesen Nummer 36 brennt ab und zu noch Licht. Dort hat eine Schülerverbindung ihr Domizil.

Pläne für die Zukunft des stattlichen Jugendstilgebäudes aus dem Jahr 1910 gibt es seit fünf Jahren. Mit Hilfe der BAK-Stiftung (Bernd-Alexander-Kraeusslein) könnte die Stadt dort ein Hostel errichten. "Seitdem die Jugendherberge im Schloss Ketschendorf nicht mehr existiert, fehlt so etwas in der Stadt", stellt Bürgermeister Thomas Nowak fest. Schon vor zwei Jahren beantragten SPD-Stadträtin Petra Schneider und er, ein Hostel in der Judengasse 36 zu planen. Aber dann bemächtigte sich Anfang 2020 das Coronavirus der Welt, und das Vorhaben ist wie das Haus selbst in einen Dornröschen-Schlaf gefallen. Das Gebäude und Hinterhaus gehört der Stadt Coburg und ist Teil des Sanierungstreuhandvermögens, das wiederum von der Wohnbau Stadt Coburg (WSCO) verwaltet wird.

Anfang des Jahres wollen Sabine Zeitner und Annabelle Menzner wieder neues Leben in die Verhandlung zwischen der Stadt und der Stiftung bringen. Während Sabine Zeitner für die 2016 gegründete BAK-Stiftung als Vorstandsvorsitzende eingetragen ist, arbeitet Annabelle Menzner an einem Business-Plan für das Hostel. Die studierte Tourismusmanagerin begeisterte sich vor drei Jahren für die Idee, das Hostel zu betreiben.

Der Namensgeber

Bernd Alexander Kraeusslein, Namensgeber der Stiftung, wurde 1970 in Coburg geboren. Der Geschäftsmann kam bereits in jungen Jahren durch unternehmerisches Talent, Erfindergeist und unermüdlichen persönlichen Einsatz zu Wohlstand. Stets umtriebig hat er für die Polstermöbelindustrie neue Märkte erschlossen, neue Ideen entwickelt und umgesetzt.

Durch einen schweren Motorradunfall war Bernd Alexander Kraeusslein in seinen letzten zehn Lebensjahren nicht mehr in der Lage, seinen Beruf wie gewohnt auszuüben. Er starb 2014 mit 44 Jahren ohne direkte Erben. In seinem Testament legte er fest, mit seinem Vermögen eine Stiftung in Coburg zu gründen, um die Jugend- und Studentenhilfe zu fördern. Den Auftrag erhielt Kraeussleins Freund und langjähriger Rechtsberater, der Coburger Anwalt Frank Zeitner.

Krausslein selbst wollte sein Vermögen für ein Studentenwohnheim verwandt wissen, um das Miteinander von jungen Menschen aus allen Ländern der Welt zu fördern. Doch entstanden in der Zwischenzeit das Studentenwohnheim von Otto Waldrich neben dem Marstall und in der Judengasse gegenüber des "Weißen Ross" wurden in der ehemaligen "Rizzibräu" ebenfalls Wohnungen für Studenten gebaut. Vom Studentenwohnheim zum (Jugend-)Hostel war es für das Ehepaar Frank und Sabine Zeitner nur ein kleiner Sprung: "In Coburg gibt es keine günstige Unterkunft mehr, seitdem die Jugendherberge weg ist", so Frank Zeitner. "Es wäre schön, wenn Coburg für junge Leute so etwas bieten würde", sagt Sabine Zeitner. Jugendgruppen oder Schulklassen günstig in einem Haus unterzubringen, sei aktuell in Coburg nicht möglich.

"Wir brauchen verlässliche Zahlen, um die Sanierungskosten bezuschussen zu können", stellt Bürgermeister Thomas Nowak fest. Eine einmalige finanzielle Förderung der Stadt sei eher denkbar als die laufende Übernahme von Fehlbeträgen. Unter Umständen könne ein Hostel auch in Zusammenarbeit mit dem Familienzentrum in der unteren Judengasse betrieben werden. Die beiden Grundstücke grenzen direkt aneinander.

Für das Hostel eignet sich nach den Worten von Sabine Zeitner eine gemeinnützige GmbH als Träger. 50 Betten könnten im Vorderhaus untergebracht werden, kleine Appartements seien in den rückwärtigen Anbauten denkbar. Fluchtwege, Brandschutz und eine zeitgemäße Installation sind eine unabdingbare Voraussetzung. Weiter braucht ein Hostel auch Gruppenräume und eine gemeinsame Küche.

Ullrich Pfuhlmann von der kommunalen Wohnbau schätzt den Aufwand grob auf 2,5 Millionen Euro. Etwa eine Million Euro könnte die Kraeusslein-Stiftung beisteuern.