Schon als siebenjähriger Junge kam Werner Eichler mit seinen Eltern nach Ebern , wie ein Kinderfoto von ihm am Friedrich-Rückert-Denkmal zeigt. Mit Eltern und Bruder war er von Brandenburg an der Havel nach Ebern geflüchtet und später noch einmal nach Brandenburg zurückgekehrt, um dann einige Jahre später endgültig in Ebern sesshaft zu werden. Viele Kunstwerke des heute 82-Jährigen sind in der Friedrich-Rückert-Anlage von Ebern , auch in der Nähe des Friedrich-Rückert-Denkmals, zu sehen.

Werner Eichler ist einer, der den Zweiten Weltkrieg im wahrsten Sinne des Wortes hautnah miterlebt hat. Geboren ist er am 16. Oktober 1938 in Brandenburg an der Havel, etwa 60 Kilometer westlich von Berlin. „Als der Krieg am 7. Mai 1945 zu Ende ging, war ich sechs Jahre alt, und ich musste schon in jüngeren Jahren viele Bombenangriffe miterleben. Die Bomber der Amerikaner waren häufig über meinem Geburtsort unterwegs“, erinnert sich der Senior . Den schlimmsten Bombenangriff hat er akribisch auf mehren DIN-A4-Seiten handschriftlich dokumentiert. Es war am 31. März 1945, als 265 Bomber der 6. US-Air-Force ihre tödliche Fracht über der Heimatstadt von Werner Eichler abgeworfen haben.

Als Kind Bombensplitter gesammelt

„Es waren 719 Tonnen Bomben“, sagt Eichler nachdenklich und erinnert sich daran, als sei es gestern gewesen. „So etwas vergisst du nicht, auch wenn du damals ein Kind warst“, sagt er. Aber als Kind habe man das damals relativ „locker“ genommen, wohl weil man die Gefahr nicht richtig abschätzen konnte. „Nach dem Angriff sind wir raus und haben noch heiße Bombensplitter gefunden und gesammelt“, erinnert sich der Senior . Es sei fast ein Sport gewesen, weil sich die Kinder des schrecklichen Krieges gar nicht so bewusst waren, nicht realisierten, was eigentlich hätte passieren können. Heute sagt Werner Eichler: „Es war die Zeit, als die Erde das Blut ihrer Kinder trank.“ Im Nachhinein wurde ihm bewusst, dass vor allem Kinder die Leidtragenden waren und durch die Bombardements in Massen gestorben sind.

Wenn er auf die gegenwärtige Situation infolge der Pandemie zu sprechen kommt, sagt er, dass so etwas aufgrund der Globalisierung erwartet werden konnte.

Aber erst möchte Eichler einmal deutlich machen, dass es ein Segen sei, dass man in Deutschland nunmehr seit 76 Jahren in Frieden leben kann: „Ja, ich möchte ein Hoch auf die Politiker aussprechen, die sich dafür eingesetzt haben, egal wo und in welchem Land.“ Für diese Zeit ist er sehr dankbar und meint, dass viele der Jugendlichen heute das gar nicht so zu schätzen wüssten.

Zur Schutzimpfung angemeldet

Hier schaltet sich seine Ehefrau Irmgard ein und sagt: „Wir dürfen nicht vergessen, dass sich auch unsere ehemaligen Kriegsgegner mit uns versöhnt haben. Das finde ich schon bemerkenswert, und unsere Jugend sollte auch dankbar sein, in einer Zeit leben zu können, in der Frieden herrscht.“

Wieder auf die Pandemie eingehend, sagt Werner Eichler, dass er persönlich damit gut leben könne. „Was nützt es, wenn man sich aufregt? Ändern tut das nichts“, sagt der Rentner, der sich auch schon zur Schutzimpfung angemeldet hat. Er hofft, zusammen mit seiner Frau Irmgard die noch verbleibenden Lebensjahre in einigermaßen guter Gesundheit verbringen zu können.

„Ich kann der Jugend und allen Menschen nur raten, sich an die Vorschriften zu halten, damit man gemeinsam das Virus besiegen kann“, sagt Eichler und fährt fort: „Ich möchte mich nicht zum Moralapostel aufspielen, aber wir müssen zusammenhalten.“

Ja, er versteht auch, dass die Jugend Party machen möchte. Auch er und seine Frau Irmgard sind gesellige Menschen, die gerne mit anderen zusammen sind, ein Glas Wein trinken und sich vergnügen. „Das fehlt uns schon, aber wir sind auch überzeugt, dass man sich jetzt zusammenreißen muss.“

Hier denkt er wieder an seine Erlebnisse im Zweiten Weltkrieg zurück. Er hat in Brandenburg an der Havel am Stadtrand mit Blick auf der Eisenbahnlinie Berlin – Magdeburg gelebt. „Dort hat bei Bombenangriffen, als wir im Keller waren, die Erde gebebt. Das gegenüberliegende Haus wurde getroffen und fiel mit der Vorderfront gegen unser Haus.“ Er runzelt seine Stirn, als er daran denkt, was gewesen wäre, wenn sein Haus getroffen worden wäre.

Kurz vor dem schlimmsten Bombenangriff war er mit seiner Mutter mit einem Handwagen unterwegs, um Kartoffeln zu holen, als der, wie er sagt, „Hauptalarm“ losging und er in der Ferne schon das Brummen der Flieger hörte. „Ich habe als Kind nur noch geschrien. Es war fürchterlich, als mich meine Mutter schnell in einen Kellervorraum zerrte“, sagt Eichler, und man merkt ihm an, dass ihm das heute noch gegenwärtig ist.

Er und seine Familie haben diesen Bombenangriff am 31. März 1945 überstanden. Danach flüchtete die Familie Eichler, weil auch die Russen schon nahten. „Mein Vater Wilhelm war Sanitäter und trug bei der Flucht noch die Binde am Arm, als wir uns mit Fahrrädern auf den Weg machten.“

Flucht auf dem Gepäckträger

Die Gepäckträger der Fahrräder waren mit dem Nötigsten belegt. Werner Eichler saß auf dem Gepäckträger des Rades seiner Mutter Erna, sein Bruder Gerhard, der heute in Coburg lebt, hatte ein eigenes Rad. Bei der Flucht hörte man aus der Ferne den Kanonendonner, was die Familie Eichler antrieb, möglichst schnell wegzukommen.

„Wir schafften es schließlich innerhalb von 14 Tagen nach Ebern , in meines Vaters Heimatstadt, zu kommen“, sagt Eichler. Sein Vater war in Ebern geboren. Er war dann knapp 300 Kilometer Luftlinie von seinem Geburtsort entfernt. Das weiß er heute noch, weil seine Mutter Erna Aufzeichnungen machte, anhand derer er später alles nachvollziehen konnte. Seine Mutter bekam Heimweh, und deshalb gingen sie nach dem Krieg wieder nach Brandenburg zurück. „Das war der größte Fehler, den meine Eltern damals machten“, sagt Werner Eichler aus seiner heutigen Sicht. Das sahen wohl auch seine Eltern so, denn 1956 kamen sie wieder nach Ebern zurück.

Die Zeiten der Essensmarken

Eichler blendet nochmals zurück: „Ganz schlimm ist es in den Jahren 1945 bis 1948 gewesen – da mussten wir häufiger um Brot betteln“, sagt er nachdenklich. Auch die Zeiten der Essensmarken, als alles rationalisiert war, fallen ihm wieder ein.

Seine Frau Irmgard pflichtet ihm bei und sagt: „Im Alter von zehn Jahren bekam ich erstmals in meinem Leben ein Stück Schokolade.“

Mit Irmgard, geborene Schmitt, hat Werner Eichler seine große Liebe in Ebern gefunden und geheiratet. Das Ehepaar Eichler, beide künstlerisch sehr angehaucht, hat drei Töchter, acht Enkel und sechs Urenkel.

Irmgard und Werner Eichler blicken sich an und sagen: „Wir haben gemeinsam schon sehr viel erlebt und überstanden und wir wollen auch aus der Pandemie mit Disziplin und Zuversicht herauskommen.“