Für Brot und geräuchertes Fleisch
Autor: Roland Graf
Reitsch, Freitag, 02. März 2018
An der Straße von Reitsch nach Glosberg steht ein Wegekreuz, das vor 30 Jahren neu errichtet wurde. Sein Vorgänger war noch zu Kriegszeiten errichtet worden, als Dank für den geschnitzten Heiland gab es damals Naturalien.
Noch heute findet man im Landkreis Kronach eine stolze Anzahl an Flurkreuzen. Sie stehen als lieb gewordene Wegbegleiter versteckt inmitten von Wäldern ebenso wie an viel begangenen Wander- und Wallfahrerwegen. Oft ist ihr Standort mit dem eigentlichen Stiftungsanlass eng verbunden, weshalb sie bei notwendigen Erneuerungen am gleichen Standort bleiben sollten, zumindest in dessen Nähe. Ihre Ausführungen reichen vom kleinen Gusskreuz, angenagelt an einem Baum, bis hin zu lebensgroßen Darstellungen des Gekreuzigten.
Egal wo sie stehen, gleich bleibt ihre Botschaft, die sie dem Betrachter vermitteln wollen. Finde Ruhe und Einkehr im Gebet. Denke über den Sinn des Lebens nach, über dein eigenes Verhalten in der Gesellschaft, über Menschlichkeit und Liebe zu deinen Mitmenschen. Verdränge nicht Gedanken an den Tod, denn der Tod gehört zum Leben.
Aus Beton gegossen
Von einem dieser Wegkreuze und dessen Erhaltung soll dieser Bericht handeln. Es steht an der Ortsverbindungsstraße von Reitsch nach Glosberg und hat dem angrenzenden Acker den Namen "Kreuzacker" gegeben.Bereits bei der Erfassung der Flurdenkmäler im Landkreis Kronach erweckte dieses Kreuz meine Aufmerksamkeit als Kreisheimatpfleger. Es war das einzige Wegkreuz im Landkreis Kronach, dessen Kreuzstamm und -arme aus Beton gegossen waren und das bereits starke Schäden aufwies. Zudem entdeckte ich eine Inschrift am Fußende der Christusfigur, die lautete: "1943 Geschnitzt im Kriegsjahr von Gg. Pötzinger Gehülz".
Besonders aber fiel der bedauernswerte Zustand der Schnitzarbeit auf, die im Laufe von vier Jahrzehnten bereits von Fäulnis derart zerstört war, dass ein Abfallen vom Kreuzstamm in allernächster Zeit zu befürchten war.
Trauriger Zustand
All diese Umstände waren für mich der Anlass, den Besitzer Baptist Welscher in Reitsch aufzusuchen. Als ich auf den traurigen Zustand des Kreuzes und der Christusfigur zu sprechen kam, erlebte ich eine freudige Überraschung, denn mein Gesprächspartner hatte den schlimmen Zustand des religiösen Denkmals schon länger erkannt und trug sich bereits mit dem Gedanken, das Kreuz komplett erneuern zu lassen. Gerne kam ich der Bitte nach, bei der Beschaffung einer neuen Christusfigur behilflich zu sein und die Anträge für eventuell zu erwartende finanzielle Zuschüsse zu stellen. Nach einer Informationsfahrt zu verschiedenen Wegkreuzen im Landkreis Kronach entschloss sich Baptist Welscher dazu, einen Christuskörper aus der Kunstwerkstätte Philipp Kaiser in Iggingen in Auftrag zu geben.
Im Mai 1987, kurz vor den Bitttagen, war schließlich der Termin für die Aufstellung des neuen Wegkreuzes gekommen. Welscher, seine Söhne und Enkel hatten als Voraussetzung dafür ein Fundament geschaffen, in dem das Eichenkreuz fest verankert werden konnte.
Mit berechtigtem Stolz blickten der Besitzer und die Anwesenden auf das geschaffene Werk, denn in den nächsten Tagen würden an diesem Kreuz die Wallfahrer nach Maria Glosberg vorüberziehen. Die Freude über die gelungene Erhaltung dieses religiösen Flurmales fand ihre Fortsetzung im Kreise der Familie, denn im Hause Welscher war zu einer kräftigen Brotzeit geladen worden. Abwechselnd tiefgründig und lustig waren die dabei geführten Gespräche über die alten Zeiten.
Bei dieser Gelegenheit fragte ich nach, ob der Errichtungsgrund für dieses Kreuz noch in der Familie bekannt sei. Welscher wusste zu berichten, dass bereits vor diesem Kreuz von 1943 ein Holzkreuz am gleichen Ort stand. Anstelle der geschnitzten Christusfigur befand sich aber an diesem eine Blechtafel, die in den Konturen von Christus ausgeschnitten und bemalt war. Im Volksmund wurde es daher der "Blecha-Herrgott" genannt.
Den Acker in Gehülz bestellt
Sehr genau erinnerte sich mein Gesprächspartner an den Preis für die Schnitzarbeit des gekreuzigten Heilands 1943. Da infolge des Zweiten Weltkrieges in der Bevölkerung allerorts Nahrungsknappheit herrschte, wollte Georg Pötzinger kein Geld für seine Arbeit, sondern Naturalien. Als Lohn vereinbarte man deshalb mehrere Säcke Getreide, dazu Bauernbrot und einige "Hengela" geräuchertes Fleisch. Zudem hatte sich der Bauer bereiterklärt, den Acker von Georg Pötzinger in Gehülz zu bestellen, und zwar an jenem Tag, an dem er den geschnitzten Herrgott abholen werde. Und so geschah es auch.Gut 30 Jahre sind seit der Aufstellung vergangen - eine lange Zeit. Doch wird jeder, der an dem Kreuz vorbeikommt, mit Freude feststellen können, dass sich das Kreuz der Familie Welscher seitdem stets in einem tadellosen Zustand befindet.