Vor zwei Jahren machte Ilse Gehrlicher ihrem Mann Franz vor, wie das ist, 90 Lebensjahre zu vollenden. Gestern holte Franz Gehrlicher seine Frau mit der Neun vorndran ein. Am 13. Mai 1926 in Thann geboren, besuchte der Junge dort auch die Schule. "Da gab es noch alle acht Klassen in einem Haus und nur sechs Lehrer unterrichteten die Schulkinder. Aber der Ritterkreuzträger-Lehrer Elflein war der beste", erinnerte sich der Jubilar gerne an seine Schulzeit.
1940 ging Franz Gehrlicher in die Schmiedehandwerkslehre, machte Hufbeschläge und lernte zudem noch die Installation von Gas und Wasser. Es war Krieg, der Arbeitsdienst rief. Der junge Mann wurde zur Infanterie-Ausbildung geschickt und in der Tschechei eingesetzt. Von dort sollte er mit einem Transport weiter nach Russland. Dazu kam es nicht. Auf der Fahrt verunglückte der Zug. Eine gewaltige Explosion forderte zahlreiche Menschenleben. Der junge Soldat Franz hatte unzählige Schutzengel: Er saß im letzten Wagon, der bei dem Unfall aus den Gleisen sprang. Allerdings geriet er sofort in russische Gefangenschaft, aus der er mit sechs Kriegsgefangenen floh. Auf dieser Flucht wurden zwei Kameraden erschossen. "Und dann hat uns der Ami noch erwischt. Wir kamen in die amerikanische Gefangenschaft nach Dresden." Erst mit dem Ami-Transport schickte man ihn über Nürnberg heim.
In jungen Jahren spielte Franz Gehrlicher in Ketschenbach Fußball und beim Bandonion-Orchester Neustadt lernte er bereits als Schüler das Handharmonikaspielen. Nach dem Krieg gehörte die Musik zu seiner Freizeit. Bei einem Betriebsfest verliebte sich der Musiker in das süße Fräulein Ilse Haase und ließ es nie mehr los.
Franz Gehrlicher liebte das Arbeiten, egal was er tat. Selbst in einem Kohlebergwerk in Rheinberg schaffte er unter Tage. "Aber da bin ich dann schnell stiften gegangen, als ich von den vielen Grubenunglücken hörte", erzählt der betagte Senior munter. Bis zu seinem Ruhestand war der Lkw 35 Jahre sein Zuhause unter der Woche. "Ich kam ja nur an den Wochenenden heim. Ich war bei meinem damaligen Arbeitgeber, der Firma Weichelt, im Fernverkehr in ganz Deutschland eingesetzt."
Ilse kümmerte sich indes um Sohn und Tochter und erst die Wochenenden gehörten der ganzen Familie. Heute kümmert sich der Jubilar rührend um seine Ehefrau und steht ihr seit 69 Ehejahren treu zur Seite, so wie sich beide dies 1947 am Traualtar versprochen hatten. Als Hausmann hat der vierfache Opa und zweifache Uropa alles im Griff: Waschen, Putzen, Kochen, Braten, Einkaufen. Da wird Tochter Beate immer wieder vor vollendete Tatsachen gestellt, wenn sie mit Ehemann Manfred aus Südbayern zum Helfen anreist. mvn