Gewaltige Säule am Ort des Frevels
Autor: Thomas Weichert
Etzdorf, Freitag, 11. März 2022
Kultur Die am vergangenen Wochenende geschändete Nürnberger Kapelle bei Etzdorf ist 150 Jahre alt. Vorher stand an gleicher Stelle eine riesige Dreifaltigkeitssäule – wenn der damalige Künstler des Stichs nicht übertrieben hat.
Zum Vandalismus an der Nürnberger Kapelle am vergangenen Wochenende bei Etzdorf hat sich der frühere Regionalkantor Georg Schäffner zu Wort gemeldet, der auch ausgewiesener Kenner der Gößweinsteiner Wallfahrts- und Kirchengeschichte ist. Im Besitz von Schäffner befindet sich ein Foto eines Farbstichs der Dreifaltigkeitssäule, die zuvor an der Stelle der Nürnberger Kapelle stand.
Das Original dieses Stichs habe sich einst im Besitz des verstorbenen Zahnarztes und Heimatfreunds Amandus Deinzer befunden. Von Deinzer habe er auch einst das Foto dieses historischen Stichs erhalten, berichtet Schäffner.
Die Nürnberger Kapelle in ihrer heutigen Form wurde im Jahre 1872 errichtet. Davon zeugt auch die Inschrift am Sockel, die da lautet: „Erneuert von der Katholischen Gemeinde Nürnberg 1872.“ Die Errichtung der kleinen Kapelle geht auf eine Stiftung der Wallfahrergemeinschaft der Nürnberger Bruderschaft „Todesangst Christi “ zurück. Laut Schäffner existierte die Wallfahrt dieser Bruderschaft nach Gößweinstein bis in die 1990er Jahre hinein, dann wurde sie aufgelöst.
Bruderschaften im Mittelalter
Bruderschaften waren im Mittelalter kirchlich errichtete Körperschaften, die je nach Ausrichtung verschiedenen Personenkreisen offenstehen. Ein Hauptanliegen war vor allem das religiöse Totengedenken. Eine Wurzel des Bruderschaftswesens dürften die frühmittelalterlichen Gebetsverbrüderungen sein. Bruderschaften sind im Raum des heutigen Bayerns seit dem Spätmittelalter belegt, überwiegend jedoch im 15. Jahrhundert.
Nach einem Einbruch im 16. Jahrhundert erlebte das Bruderschaftswesen in der Barockzeit eine neue Blüte. Im 19. Jahrhundert erhielten Bruderschaften durch das katholische Vereinswesen eine neuartige Konkurrenz. Die meisten dieser Bruderschaften erloschen im Laufe des 20. Jahrhunderts ohne formelle Auflösung.