Druckartikel: Fehler im Pflege-System

Fehler im Pflege-System


Autor: Redaktion

Bamberg, Sonntag, 05. Februar 2017

Der Fall Gleusdorf ist für Wolfgang Budde von der Arbeitsgemeinschaft der älteren Bürger Bambergs kein Zufall. Er fordert mehr Fachkräfte und zwei grundlegende Neuerungen.
Wolfgang Budde


Die im Raum stehenden Vorwürfe gegen die Seniorenresidenz Schloss Gleusdorf haben in den vergangenen Monaten bundesweit für Schlagzeilen gesorgt. Neben Verstößen gegen Pflege- und Hygienevorschriften besteht auch der Verdacht der "Misshandlung von Schutzbefohlenen". Wolfgang Budde von der Arbeitsgemeinschaft der älteren Bürger Bambergs befürchtet ähnliche Missstände in anderen Einrichtungen, wie er im Interview durchblicken lässt.

Wie bewerten Sie den "Fall Gleusdorf"?
Sollten die Ursachen für die Vorkommnisse in Gleusdorf ausschließlich in der immer wieder unterstellten kriminellen Energie der Verantwortlichen liegen, dann ist die Angelegenheit ausschließlich Sache der Justiz. Das scheint aber im vorliegenden Fall nicht so zu sein. Zu überzeugend berichten Fachkräfte der Einrichtung von ihren schriftlich vorgetragenen Hilferufen und davon, dass sie allein gelassen wurden. Offenbar gibt es auch Probleme "im System".

Bayerns Gesundheitsministerin möchte eine Kultur des Hinsehens etablieren. Lassen sich dadurch Missstände verhindern?
Im Rahmen der FT-Podiumsdiskussion wurde darauf hingewiesen, dass, nachdem der Skandal öffentlich wurde, nicht Wenige behaupteten gewusst oder geahnt zu haben, dass etwas in der Einrichtung nicht stimmt. Mir scheint: Die von Gesundheitsministerin Melanie Huml geforderte Kultur des Hinsehens reicht nicht. Hingesehen haben offenbar viele. Es fehlt eine Kultur der Verantwortungsübernahme, eine Kultur, in der Bürger sich zuständig begreifen und nicht nur hoffen, dass andere auf Missstände hinweisen. Diese Verweigerung scheint sich auf allen Ebenen, die hier beteiligt waren, finden zu lassen und sie ist uns nicht fremd: fehlende Zivilcourage bedeutet fehlender Bürgersinn, der unseren Alltag durchzieht.

Wo müsste Ihrer Ansicht nach angesetzt werden?
Mir scheint, dass die entscheidenden Stellschrauben in den Einrichtungen und ihrer Finanzierung liegen. In unseren Einrichtungen fehlt es an Fachkräften. Und wenn es sie gibt, sind sie zu umfangreich mit Planung und Dokumentation beschäftigt, wo Arbeit mit den Bewohnerinnen gefragt wäre. Immer wieder ist in den Senioreneinrichtungen die Personaldecke - qualitativ und quantitativ - so knapp, dass es Fachkräften nicht gelingt, sich für unzufriedene Bewohner und ihre Angehörigen die Zeit zu nehmen, die nötig ist, um diese Menschen in ihrer Not, Verärgerung etc. abzuholen. Solange Zeit und Knowhow fehlt, um den Beschwerden aufmerksam nachzugehen und in den Klagen eine Chance zu sehen, dass die eigene Einrichtung noch besser wird, solange werden sich Menschen, die einen Missstand gesehen haben, wegducken.

Und wenn dann doch noch Missstände auftreten?
Ich bin mir recht sicher: Mehr Personal hätte Wirkungen. Unabhängig davon würde ich gerne zwei Ideen zur Diskussion stellen: Erstens die Bemächtigung der Bewohner oder ihrer Angehörigen etwa in der Geschäftsführung einer Einrichtung, damit Beschwerden unüberhörbar gemacht werden können. Zweitens die Einrichtung einer von Leistungserbringern, Kostenträgern und MDKs unabhängigen Ombudsstelle, in der die Anonymität der Melder gewährleistet ist.

Die Fragen stellte
Michael Memmel